Grafikkarten in kurzen PCIe-Slots

Praxis & Tipps | Tipps & Tricks

PCI Express soll doch die Link-Breite beim Booten aushandeln. Kann ich folglich eine PCIe-x16-Grafikkarte in einen PCIe-x1-Slot stecken, wenn ich diesen hinten auffeile?
Die PCI-Express-Spezifikation schreibt vor, dass jede Karte neben ihrer normalen Link-Anzahl auch mit einem einzelnen Link funktionieren muss. Alle Link-Stufen dazwischen sind optional. So muss beispielsweise eine PEG-Karte (PCIe x16) auch mit x1 funktionieren. Ob sie auch eine x4- oder x8-Verbindung akzeptieren soll, steht hingegen dem Kartenhersteller frei.
Netter Versuch: Feilt man die Rückseite des x1-Slots auf, passt zwar die PEG-Karte, funktioniert aber nicht.

Wie viele Lanes tatsächlich Daten übertragen sollen, handeln Chipsatz und Karte bei der Initialisierung derselben aus. Allerdings bezieht sich diese Vorschrift nur auf die Anzahl der Lanes, nicht jedoch auf das Format der Steckplätze. Hier ist nur vorgesehen, dass kleinere Karten auch in größeren Slots laufen. Alle für eine x1-Verbindung nötigen Signale und Spannungen liegen bei allen PCIe-Sockeln an denselben Kontaktfedern. Dahinter kommen zuerst die für x4, dann die für x8 und so weiter. Selbst alle Stromversorgungsleitungen liegen im x1-Bereich. Auch wenn x16-Karten sehr viel mehr elektrische Leistung verbrauchen dürfen als x1-Karten, bekommen sie nicht mehr Versorgungsleitungen. Dennoch reicht es nicht, einfach die hintere Begrenzung des PCIe-x1- oder -x4-Slots abzufeilen, um eine längere Karte einzustecken. Denn der jeweils vorletzte Kontakt auf der B-Seite jeder Karte dient zur Erkennung, ob eine Karte eingesteckt ist. Auf diese Weise kann das Board erkennen, welcher Kartentyp im Slot steckt, und eine Karte kann sich bei zu kurzen Slots verstecken, indem sie die vorderen Erkennungsleitungen schlicht nicht benutzt.

In diesem x16-Slot sind nur acht Lanes beschaltet. Damit der Chipsatz die Karten kennt, braucht es aber auch Kontakt zu dem PRSNT#2-Signal der Karte ganz hinten.

Verschiedene Hersteller wie MSI und Asrock bieten dennoch einige Mainboards mit nach hinten offenen PCIe-x4-Slots an. Wenn Steckkarte, Chipsatz und BIOS mitspielen, kann das auch funktionieren. Eine Garantie dafür gibt es jedoch nicht und Asrock erwähnt die Tatsache, dass x16-Karten in den offenen x4-Slot passen, nirgends explizit. Ganz anders sieht es bei Mainboards aus, die einen zweiten PEG-Slot anbieten, in dem nur acht der möglichen 16 Lanes - wohl aber die hinteren Erkennungsleitungen - beschaltet sind (siehe Foto).

Kurz zusammengefasst lohnt es nicht, einen PCIe-x1-Slot aufzufeilen. Einerseits stehen bei den meisten Boards „dahinter“ ohnehin Bauteile im Weg, sodass längere Karten nicht passen. Andererseits ist der Erfolg fraglich, aber das Risiko groß, das Mainboard nachhaltig zu beschädigen. Im Laborversuch gelang es uns jedenfalls nicht, ein M2NPV-Mainboard von Asus zu frisieren. Wer auf die Idee kommt, die Steckkarte mit einer Laubsäge zu kupieren, kappt die bereits erwähnten Erkennungsleitungen und zerstört die Karte endgültig. (bbe)

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