Aktueller Stand der App-Entwicklung für die Automobilbranche

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Nachdem sich mobile Apps inzwischen auf Smartphones, Tablets und aktuellen Fernsehgeräten etabliert haben, ist als Nächstes das Auto an der Reihe. heise Developer gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Entwicklung.

Obgleich der Markt an Apps für sogenannte In-Vehicle-Infotainment-Systeme (IVI) noch klein ist, beschäftigen sich alle großen Automobil- und Komponentenhersteller intensiv mit dem Thema, wie die Konferenz "Content & Applications for Automotive" Mitte April offenbarte. Denn nach dem App-Boom im Smartphone-Segment erwartet man eine vergleichbare Entwicklung in der Automobilwelt. Schon jetzt gibt es zahlreiche Plattformen, man hat sich allerdings auch hier bisher nicht auf einen einheitlichen Standard einigen können. Fast jeder Fahrzeughersteller geht einen etwas anderen Weg oder setzt eine andere Plattform ein. Neben dem aus der Smartphone-Welt bekannten Android kommen vor allem Windows CE, QNX, MicroItron oder ein Linux-Derivat zum Einsatz.

Das Linux-Konsortium

In der Genivi-Allianz haben sich über hundert Firmen aus der Automobil- und Softwareindustrie zusammengetan, um eine einheitliche Linux-Plattform für den Einsatz in Auto-Infotainment-Systemen zu spezifizieren. Das 2009 von BMW , Delphi, GM, Intel, Magneti-Marelli, PSA Peugeot Citroen, Visteon und Wind River gegründete Konsortium stellt kein fertiges Produkt zur Verfügung, sondern bestimmt lediglich die Plattform und definiert Compliance-Kriterien, die erforderlich sind, damit ein Produkt eine Genivi-Zertifizierung erhalten kann. Kompatible Implementierungen stammen beispielsweise von Canonical, Mentor Graphics, MontaVista und Wind River. Auch das offene MeeGo-IVI-Projekt, das inzwischen mit in Tizen eingeflossen ist, hat eine Zertifizierung erhalten und stellt gleichzeitig auch die Referenzimplementierung der Plattform dar.

MeeGo IVI stellt die Referenzimplementierung für Genivi bereit. (Bild: Meego)


Genivi konzentriert sich auf die nicht differenzierenden Bestandteile der IVI-Systeme, die die gemeinsame Basis der Fahrzeughersteller darstellen. Mittlerweile gibt es auch Bestrebungen, die bisher außen vor gelassenen Bestandteile HMI (Human Maschine Interface) und App-Entwicklung durch neue Gremien mit abzudecken.

Volle Konzentration

Bei mobilen Applikationen für den Automobileinsatz spielt HMI eine entscheidende und sich von den gewöhnlichen Smartphone-Apps unterscheidende Rolle. Im Fahrzeug ist die größte Herausforderung die sogenannte Distraction. Apps müssen so ausgelegt sein, dass die Ablenkung des Fahrers vom Straßenverkehr minimal ist. Das bedeutet gleichzeitig, dass sich bestehende Smartphone-Apps in den meisten Fällen nicht eins zu eins in die Automobilwelt übernehmen lassen. Eine wichtige Rolle spielen bei auf Fahrzeugen optimierten Apps vor allem alternative Eingabemethoden wie Sprachsteuerung und die Konzentration auf das Wesentliche.

Eine auf den Fahrzeugeinsatz optimierte App zeigt im Idealfall nur die Informationen an, die wirklich während der Fahrt und in der jeweiligen Situation benötigt werden. Obwohl es auf den ersten Blick nebensächlich erscheint, spielen auch die Fonts für die Textdarstellung auf dem Display eine entscheidende Rolle. Denn je besser und schneller ein Benutzer eine Schriftart erfassen kann, desto weniger wird er vom Straßenverkehr abgelenkt. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass es speziell auf Navigations- und Infotainment-Systeme optimierte Schriftarten gibt, die Entwickler in entsprechenden Apps einsetzen können.

Anbindungsansätze

Es existieren mehrere Ansätze, mobile Apps in ein Fahrzeug zu integrieren. Neben der echten fahrzeugeigenen App, bei der die Applikation direkt auf der Infotainment-Plattform ausgeführt wird, existieren vor allem Tethered-Ansätze, bei denen die App auf einem Smartphone läuft, die Anzeige auf das Display des Fahrzeugs (Head Unit) übertragen wird und die Bedienung vom Infotainment-System aus erfolgt, sodass sich beispielsweise Knöpfe am Lenkrad des Fahrzeugs zur Bedienung der App nutzen lassen.

Für diese Kopplung zwischen Smartphone-Apps und Fahrzeug existieren verschiedene proprietäre Ansätze wie Ford Applink oder GM MyLink, aber auch standardisierte Ansätze wie das von immer mehr Fahrzeugherstellern unterstützte MirrorLink. Letzteres, bei Nokia-Geräten früher als Terminal Mode bekannt, spezifiziert inzwischen das Car Connectivity Consortium (CCC).

Das Car Connectivity Consortium spezifiziert die MirrorLink-Technik. (Bild: CCC)

Die Technik erlaubt es, das Display des Smartphones auf die Head Unit des Fahrzeugs zu übertragen und die App mit Buttons am Navigationsbildschirm und am Lenkrad zu bedienen. Die Verbindung zwischenFahrzeug und Smartphone wird hierbei entweder per USB-Kabel, per Bluetooth oder WLAN hergestellt. MirrorLink stellt außerdem einen Mechanismus bereit, über den sich lediglich vom Fahrzeughersteller zugelassene Apps während der Fahrt auf dem Fahrzeugdisplay ausführen lassen.

Mit RealVNC gibt es einen weiteren Ansatz, der den Display-Inhalt des an das Fahrzeug angebundenen Smartphones auf den Bildschirm der Head Unit repliziert. Obwohl sich sowohl bei RealVNC als auch bei MirrorLink jede App auf dem Fahrzeug-Display darstellen und von dort bedienen lässt, macht es in den meisten Fällen wenig Sinn oder stellt gar ein Sicherheitsrisiko dar, diese zu nutzen.

Auch Apple bietet mit iPod Out und Video Out eine proprietäre Schnittstelle an, die es ab iOS 4 ermöglicht, das Interface eines iPod oder iPhone in das angebundene IVI-System einzubinden.