Analyse: Da waren’s nur noch drei

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Microsoft setzt bei seinem Browser Edge künftig auf Chromium – und damit auf die Rendering-Engine Blink und die JavaScript-Engine V8. Ein aktiv beitragendes Mitglied der Web-Familie möchte Microsoft aber bleiben. Was bedeutet das für das Web, Entwickler und Progressive Web Apps?

Wirklich abgehoben hat Microsoft Edge nie wirklich. Laut StatCounter liegt der Marktanteil des Microsoft-Browsers im November 2018 bei 2,15 Prozent – noch unter dem älteren Internet Explorer, der bei 2,8 Prozent rangiert. Mit dem nun angekündigten Schritt zieht Microsoft die Reißleine für seine eigenen Anstrengungen und wird künftig stattdessen auf Chromium setzen, den quelloffenen Unterbau von Google Chrome. Das erlaubt es unter anderem, Edge auch auf früheren Versionen von Windows oder ganz anderen Plattformen wie macOS bereitzustellen.

Die Rendering-Engine EdgeHTML und die JavaScript-Engine Chakra verschwinden damit aus der Browserlandschaft. In der Zukunft konkurrieren nur noch drei größere Browser-Engines: Blink, selbst ein Spross von Apples WebKit (nur iOS und macOS) und daneben Gecko von Mozilla. Google führt die Statistiken mit weitem Abstand an, sodass die Gefahr einer Monokultur im Web weiter verschärft wird. Dieser Zustand brachte das Web schon nach dem ersten Browserkrieg, den der Microsoft Internet Explorer 6 für sich entscheiden konnte, zum Erlahmen.

Microsoft zieht sich aus dem Web aber ausdrücklich nicht zurück, sondern möchte sich stattdessen umfassend an der Weiterentwicklung von Chromium beteiligen, wie es schon jetzt praktiziert wird. So soll insbesondere die Barrierefreiheit des Webbrowsers verbessert und die Web-Plattform weiter ausgebaut werden. Microsoft bleibt darüber hinaus in den Standardisierungsorganisationen vertreten, wie es in der Erklärung des Edge-Teams heißt: "We will remain deeply and vigorously engaged in the standards discussions in the context of the W3C, ECMA and the WHATWG where the perspectives of vendors developing competing browsers and the larger web community can be heard and considered."

Für Webentwickler wird das Leben in Zukunft leichter, da sich die Testmatrix verkleinert. Künftig dürfte es in den allermeisten Fällen genügen, Edge oder Chrome zu testen. Gleiches gilt für den Webbrowser Opera, der schon seit 2013 auf Chromium zurückgreift. Abweichungen können sich aber in der Verfügbarkeit einzelner Webschnittstellen ergeben.

Google Chrome ist der Webbrowser, der die mit Abstand beste Unterstützung für PWA-Schnittstellen implementiert – besser als Microsoft Edge, der derzeit etwa nicht das Installieren einer Progressive Web App erlaubt. Im Rahmen von Googles Projekt Fugu stoßen mehr und mehr native Features in Web: Unter anderem eine Schnittstelle zum Zugriff auf einzelne Kontakte oder die Anzeige von Badges auf dem Symbol einer Progressive Web App. Zur Bereitstellung dieser Schnittstellen muss der Webbrowser auf die nativen Schnittstellen des Betriebssystems zugreifen. Da Chrome zugleich auf dem Desktop seine größte Verbreitung auf Windows erfährt, ergeben sich hier herausragende Synergieeffekte und eine weiterhin gute Perspektive für Progressive Web Apps.

Schon 2017 erklärte der frühere Mozilla-CTO Andreas Gal, dass Chrome den zweiten Browserkrieg gewonnen habe. Mit der Abkündigung von Microsofts eigener Rendering-Engine wird dieser Umstand ein gutes Stück präsenter. Gut, dass Microsoft als aktiv beitragendes Mitglied in der Web-Familie bleibt, um auch weiterhin eigene Strategie- und Architekturansätze im Web zu vertreten.

[Update; 10.12., 12 Uhr: Zwischenzeitlich hat Microsoft seinen ersten Feature-Vorschlag ("Intent to Implement") für Chromium vorgestellt. Dieser Vorschlag ist – so ist es auch für alle anderen Vorschläge geplant – im GitHub-Repository des Microsoft-Edge-Teams zu finden.]