Automotive SPICE: Abläufe in der Automobilbranche effektiv steuern

Automotive SPICE ist ein vom Verband der Automobilindustrie empfohlenes Prozessverbesserungsmodell. heise Developer sprach mit Klaus Hörmann, einem der Autoren des Standardwerks hierzu, über die Entwicklungen der letzten Jahre.

Architektur/Methoden  –  7 Kommentare
Automotive SPICE: Abläufe in der Automobilbranche effektiv steuern

heise Developer: Herr Hörmann, welche Rolle spielt Automotive SPICE in der Automobilelektronik?

Dr. Klaus Hörmann ist Informatiker, Scrum Master sowie Automotive SPICE Assessor und Automotive SPICE Trainer. Seit 20 Jahren ist er als Berater, Coach und Auditor in der Automobilindustrie unterwegs – sowohl auf Entwickler- als auch auf Managementebene. Er ist Principal und Partner bei Kugler Maag Cie.

Klaus Hörmann: Die heutige Automobilentwicklung spielt sich in globalen, komplexen Netzwerken ab. Entwicklungsstandorte und Zulieferer sind weltweit verteilt, die Unternehmen sind hochgradig spezialisiert und arbeiten in enger Abstimmung zusammen. Die Entwicklung wird also zunehmend komplexer, und das Gleiche gilt auch für die Produkte. Durch diese Komplexität steigt das Fehlerrisiko im Produkt immens. So ist Automotive SPICE vor mehr als 10 Jahren entstanden: Die Hersteller wollten die rasant steigenden Fehlerzahlen in den Griff bekommen. Die Zulieferer werden dadurch gezwungen, ihre Entwicklungsmethoden zu verbessern. Automotive SPICE beschreibt heute den Stand der Technik für die Entwicklungsprozesse in der Automobilentwicklung. Die Hersteller fordern daher dessen Umsetzung und kontrollieren die Umsetzung durch Assessments.

heise Developer: Kürzlich ist Ihr Buch in zweiter Auflage erschienen. Was war der Grund für eine Neuauflage?

Hörmann: 2015 hat der Verband der Automobilindustrie die Automotive-SPICE-Version 3.0 veröffentlicht. Unsere zweite Auflage behandelt diese neue Version des Standards. Außerdem gehen wir auf konkrete Fragestellungen in der Automobilelektronik ein, etwa auf den Einsatz agiler Methoden oder funktionaler Sicherheit.

Die Herausforderung für Automobilentwickler ist, das Modell auf ihre konkrete Projekt- und Unternehmenssituation anzuwenden; und vor allem auch es richtig zu interpretieren. Dabei hilft unser Fachbuch. Wir Autoren bringen unsere Erfahrung aus zahlreichen Assessments bei Entwicklungsprojekten ein. Und wir helfen mit praktischen Beispielen den Entwicklern, sich auf Assessments vorzubereiten, und den Assessoren, Assessments fair und korrekt durchzuführen.

Das Buch ist analog zur Struktur des SPICE-Modells aufgebaut, sodass die Leser die Interpretationshilfen leicht dem jeweiligen Abschnitt des Modells zuordnen können.

heise Developer: Welches sind die wichtigsten Neuerungen bei Automotive SPICE?

Hörmann: Die Version 3.0 bildet das sogenannte V-Modell auf System- und Domain-Ebene ab. Dadurch werden die Beziehung und Abhängigkeiten der einzelnen Prozesse zueinander deutlicher. Durch das neue Plug-in-Konzept können wir heute außerdem Automotive SPICE auch auf neue Domänen anwenden, zum Beispiel die Mechanikentwicklung. Und nicht zuletzt erleichtert das V-Modell die Traceability.

heise Developer: Für wen stellt die neue Version eine große Umstellung dar? Und wie stellt man sich am besten auf die Neuerungen ein?

Hörmann: Die Änderungen sind unterm Strich eher evolutionär als revolutionär. Und sie finden überwiegend in den Engineering-Prozessen statt und betreffen damit hauptsächlich die Entwickler. Jeder sollte sich die Änderungen anschauen und die Auswirkungen auf die eigene Arbeit ableiten.

heise Developer: Lässt sich Automotive SPICE mit agilen Entwicklungsmethoden vereinen, die auch im Automotive-Umfeld an Zulauf gewinnen?

Hörmann: Agile Entwicklungsmethoden wie Scrum, Kanban oder Continuous Integration verbreiten sich momentan sehr schnell, treffen dabei aber oft auf Vorbehalte – teilweise sogar auf Vorurteile. Das liegt allerdings meist an falschen Vorstellungen davon, was "agil" im Zusammenhang mit der Automobilentwicklung eigentlich bedeutet. Unser Buch zeigt, worauf man achten muss, um agile Methoden anzuwenden und gleichzeitig Automotive-SPICE-konform zu bleiben.

heise Developer: Welche Rolle spielt die funktionale Sicherheit bei der Entwicklung nach Automotive SPICE?

Hörmann: Die funktionale Sicherheit (FuSi) nach ISO 26262 ist in den letzten acht Jahren, also seit der ersten Auflage, deutlich wichtiger geworden. Die ISO 26262 definiert den Stand der Technik für die Entwicklung sicherheitskritischer Systeme. Es gibt hier viele Synergieeffekte mit Automotive SPICE.

Grundsätzlich wird Automotive SPICE als Voraussetzung für die Umsetzung der ISO 26262 im Projekt angesehen. Umgekehrt: Arbeitet ein Projekt nach ISO 26262, wird es in einem Automotive-SPICE-Assessment viel erfolgreicher sein.

Ein interessanter, neuer Ansatz ist auch, FuSi-Audits und Automotive-SPICE-Assessments zu kombinieren.

heise Developer: Bis wann wird sich Automotive SPICE 3.0 flächendeckend durchgesetzt haben? Gibt es auch Kritiker?

Hörmann: Lassen Sie es mich mal so sagen: Zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung hat sich die alte Version noch gar nicht flächendeckend durchgesetzt. Die Gründe sind vielfältig: Kostendruck, veraltete Tools, Widerstände gegen die Zusatzaufwände et cetera. Wir können also von einer weiteren fünf- bis zehnjährigen Hochlaufkurve für die neue Version ausgehen.

heise Developer: Was wird es als Nächstes beim Standard geben? Beziehungsweise was ist derzeit geplant?

Hörmann: Derzeit wartet die Community gespannt auf die Interpretationsrichtlinie, die vom VDA veröffentlicht werden soll. Wir versprechen uns davon, dass sich die Schwankungsbreite in den Assessments verringert. Dadurch werden sich die Unternehmen zuverlässiger auf ein Assessment vorbereiten können.

heise Developer: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

Siehe dazu auf heise Developer: