Einführung in barrierefreie Software

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Wenn es um gute Software geht, wird in der Regel neben der reinen Funktionalität Usability als die wichtigste Anforderung gesehen. Allzu oft wird dabei jedoch die Barrierefreiheit wissentlich oder unwissentlich ignoriert oder auf "behindertengerecht" verengt. Ein großer Irrtum ...

Zwei Artikel sollen zeigen, was sich hinter barrierefreier Software wirklich verbirgt. Zunächst werden hier einige Hintergründe erläutert, anschließend im zweiten Teil der Fokus auf die Praxis mit Beispielen, Werkzeugen und einen Blick in die Anwendungsarchitektur gelenkt.

Lebensqualität durch Informationstechnik

Um zu verstehen, wie es zu der häufigen Gleichsetzung der Begriffe "barrierefrei" und "behindertengerecht" im Kontext der Softwareentwicklung kommt, muss man einen Blick auf die Entstehungsgeschichte der Bezeichnung "barrierefreie Software" werfen. Die Fortschritte in der Informationstechnik ermöglichten die Entwicklung von Hilfsmitteln, durch die der Computer für viele körperlich behinderte Personen eine wichtige Unterstützung im Alltag wurde. Mithilfe einer Sprachausgabe und einer Braille-Zeile können Blinde beispielsweise im Internet einkaufen oder Texte lesen und schreiben. Personen mit motorischen Einschränkungen können dank einer speziellen Tastatur Eingaben tätigen und damit ihren Schriftverkehr erledigen, obwohl sie vielleicht nur wenige Finger einer Hand bewegen können.

Finger auf einer Braille-Zeile (Abb. 1)

Die Art der notwendigen Hilfsmittel ist vielseitig und an die speziellen Bedürfnisse der Betroffen angepasst. Insgesamt bieten sie eine Steigerung der Lebensqualität, da den Betroffenen hier ein Stück Selbstständigkeit im Alltag gegeben wird, bis hin zur Ausübung hochqualifizierter Berufe.

Linux-Desktop mit Bildschirmtastatur (Abb. 2)
Linux-Desktop mit aktivierter Lupe (Abb. 3)

Barrierefreiheit als Voraussetzung

Damit aber derartige Hilfstechniken funktionieren, müssen Webseiten und andere von diesen Personen genutzte Software so implementiert sein, dass sich je nach genutztem Hilfsmittel zusätzliche Informationen wie Elementtypen oder Darstellungsattribute auslesen lassen oder alternative Eingabeformen möglich werden.

Schreibtisch von OS X Mavericks mit invertierten Farben (Abb. 4)

Hinzu kommt die Unterstützung der verschiedenen Darstellungsoptionen, die heutige Betriebssysteme bieten, um beispielsweise einen starken Kontrast zu nutzen. Getrieben durch Interessenverbände der Betroffenen etablierte sich für diese Anforderung in den 90er-Jahren zunächst die Bezeichnung "Barrierefreie Benutzungsschnittstelle" im Allgemeinen und "Barrierefreies Internet" im Speziellen für die Gestaltung von Webseiten des sich damals immer stärker verbreitende Internets.

Damit wurde der aus dem Bauwesen bekannte Begriff "barrierefrei" aufgegriffen. Er bezeichnet bauliche Maßnahmen, durch die Personen mit körperlichen oder mobilen Einschränkungen weitgehend selbstständig Wege in und an Gebäuden sowie deren Zugänge nutzen und sich dort orientieren können. Bekannte Beispiele sind hierfür Rampen an Treppenaufgängen oder Leitsysteme für Blinde an Ampelanlagen oder Bahnsteigen

Ampelanlage mit Vibrations- und Akustiksignal, Leitsystem und abgesenktem Bordstein (Abb. 5)

Normen & Richtlinien

Ein bisschen von Gesetzeswegen

Derartige Maßnahmen sind in Deutschland in verschiedenen Normen zum barrierefreien Bauen festgehalten, die teilweise direkt auf Basis der nationalen Gesetzgebung zur Gleichstellung Behinderter erstellt wurden. Damit schließt sich auch wieder der Kreis zur barrierefreien Software, da auch deren Umsetzung auf derselben Gesetzgebung beruht.

Leitsystem eines Bahnhofs für Blinde (Abb. 6)

Das Behindertengleichstellungsgesetz und dessen äquivalente Gesetze auf Ebene der Bundesländer regeln jedoch nur, dass entsprechend angebotene und genutzte Software beziehungsweise Intranet- und Internet-Angebote barrierefrei sein müssen. Eine Konkretisierung erfolgt durch die "Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung" (BITV). Bei ihr gibt es zwei interessante Aspekte:

  • Sie ist nur für Einrichtungen des Bundes und der Bundesländer verpflichtend (sofern durch entsprechende Landesgesetze vorgegeben). Die Privatwirtschaft ist hieran nur in Form von freiwilligen Zielvereinbarungen gebunden.
  • Es gibt keine technische Vorgabe für die Realisierung der Barrierefreiheit. Es wird lediglich der Anwendungsbereich und die Zielsetzung definiert.
Barrierefreie Auskunft an einer Bushaltestelle (Abb. 7)
Taste zum Ansagen der Fahrplaninformation (Abb. 8)
Lautsprecher der Haltestellen-Information (Abb. 9)

Die Gesetze und Verordnungen sind durch das Ziel motiviert, behinderten Personen eine bessere Teilhabe am Leben und damit eine stärkere Integration in die Gesellschaft zu ermöglichen. Das ist wichtig und richtig so. Allerdings unterstreicht die Gesetzgebung in Bezug auf die Informationstechnik wiederum den Eindruck, barrierefreie Software sei nur für die durch die Gesetze geschützten Personen, also die Behinderten, da.

Von Barrieren sind alle betroffen

Aber wer außer dem beschriebenen Personenkreis profitiert dann noch von barrierefreier Software? Der Schlüssel für die Antwort auf diese Frage liegt bereits im Begriff "barrierefrei" selbst. Er soll ausdrücken, dass dem Nutzer bildlich gesprochen keine Barrieren in den Weg gelegt werden, wenn er den Computer steuert oder Eingaben tätigt beziehungsweise wenn Informationen wieder zu ihm zurück gelangen sollen. Bei körperlich behinderten Personen sind derartige Barrieren vor allem motorische Störungen oder Probleme bei der Wahrnehmung, die sich direkt aus der Behinderung ergeben.

Denkt man diesen Ansatz konsequent weiter, ergeben sich aber weitere "Barrieren", die bei der Bedienung eines Computers zu einer mehr oder weniger großen Einschränkung führen können:

  • körperliche Einschränkungen, die nicht als typische Behinderung gelten,
  • Probleme bei der Wahrnehmung oder dem Verständnis von Inhalten sowie
  • technische Einschränkungen.

Im Unternehmensumfeld finden sich verschiedene Nutzerkreise, die durch diese Barrieren beeinträchtigt sind. Ihre Bedeutung als Kunden und Arbeitnehmer ist dabei unterschiedlich stark ausgeprägt, in jedem Fall sind sie jedoch für Unternehmen beachtenswert. Zur Vollständigkeit sei hier nochmals die Nutzergruppe der Behinderten
aufgeführt.

  • körperlich behinderte Personen: Ihre speziellen Bedürfnisse in Form von Hilfsmitteln zur Nutzung eines Computers wurden bereits beschrieben. Insbesondere in Großunternehmen und Konzernen erfahren sie einen besonderen Schutz durch den Betriebsrat, weshalb in der Regel unternehmensintern genutzte Anwendungen besonders bezüglich Barrierefreiheit begutachtet werden. Für Anbieter bedeutet das wiederum, eine barrierefreie Software anzubieten, um hier entsprechend berücksichtigt zu werden.
  • ältere Personen und Senioren: Diese Personengruppe wird aufgrund des demographischen Wandels zunehmend bedeutender. Die Anzahl der über 50-Jährigen wird unter anderem wegen der niedrigen Geburtenraten und der gestiegenen Lebenserwartung steigen. Das hat zur Folge, dass zum einen hier eine Kundengruppe mit speziellen Anforderungen wächst, die bis vor wenigen Jahren noch keine große Aufmerksamkeit genoss. Zum anderen steigt gleichzeitig das Rentenalter, weshalb ältere Kollegen länger im Unternehmen bleiben. Ihnen machen insbesondere die typischen Alterserscheinungen zu schaffen: Eine langsamere Reaktionszeit, Verständnisprobleme bei der Bedienung neuer Anwendungen oder ganz trivial auch das Tragen einer Gleitsichtbrille erschweren die Arbeit am Bildschirm.
  • fremdsprachige Personen: Das Textverständnis stellt für diese Nutzergruppe ein großes Problem dar, wenn sie eine andere Muttersprache besitzen, die nicht von der genutzten Anwendung unterstützt wird und ihre Kenntnis der Landessprache beschränkt ist. Das ist vor allem für international agierende Unternehmen eine Herausforderung, da sie ihr Produkt, ihren Shop et cetera auf einem "fremdsprachigen" Markt platzieren wollen oder auch in ihren ausländischen Standorten die unternehmenseinheitliche Software nutzen.
  • Webcrawler und Bots: Diese Programme durchforsten das Internet oder andere Netzwerke, um gezielt Informationen zu sammeln. Ein Suchmaschinen-Crawler analysiert beispielsweise Webseiten auf deren Inhalt, um sie bei den entsprechenden Suchkriterien auf den Ergebnislisten einordnen zu können. Für diese Liste ist es wichtig, dass der Crawler nicht nur sämtliche Informationen erfassen kann, sondern auch deren Semantik erkennen und bewerten können muss. Ist das nicht möglich, weil etwa die eigentliche Information sich in einer Grafik oder Animation befindet, wird die Webseite bei den für den Anbieter wichtigen Suchbegriffen nicht auf den oberen Plätzen stehen. Für kommerzielle Webseiten ist das ein grundlegender Aspekt des Search Engine Optimizing (SEO). Hier ist festzuhalten, dass der Google-Bot der aktivste "blinde" Nutzer im Internet ist.
  • Personen ohne sichtbare Einschränkung: Auch wer weder eine körperliche Behinderung besitzt noch unter Alterserscheinungen leidet, kann mit diversen Barrieren bei der Nutzung des Computers beziehungsweise dessen Software konfrontiert sein. Komplizierte und inkonsistente Dialoge erschweren das Verständnis für die Lösung der Problemstellung, die durch die Software eigentlich unterstützt werden soll. Das kann durch eine ungünstige Farbauswahl verstärkt werden, zumal mit rund 8 Prozent ein nicht unerheblicher Teil der männlichen Bevölkerung an einer Form der Rot-Grün-Sehschwäche leidet. Mit der Etablierung mobiler Endgeräte ist zudem Plattformunabhängigkeit beziehungsweise die Optimierung für verschiedene Betriebssystem ein großes Thema geworden. Funktioniert beispielsweise die App oder die Webseite auf dem Endgerät des Nutzers in diesem einen Moment nicht, in dem er sich "mal schnell" informieren will, sucht er sich einfach die nächste Alternative. Für Anbieter geht in diesem Fall Umsatz verloren, entweder als direkter Kauf oder als Werbeeinnahme.

Eine Richtlinie für alle Fälle

Die möglichen Einschränkungen der Anwender sind also vielseitig, entsprechend viele Aspekte gilt es bei einer barrierefreien Anwendung zu berücksichtigen. Das World Wide Web Consortium (W3C) hat die wichtigsten gesammelt und in den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) als Anforderungen dokumentiert. Diese Richtlinie ist zwar in erster Linie auf den Anwendungsbereich von Webseiten und -anwendungen ausgelegt, jedoch werden die einzelnen Aspekte technikneutral aufgegriffen, was in weiten Teilen auch eine Anwendung auf Desktop-Anwendungen ermöglicht. Beispielsweise wird in der WCAG beschrieben, dass Informationen nicht ausschließlich über Bilder, Farben oder andere Medien transportiert werden dürfen oder Dokumentstrukturen semantisch und strukturell valide sein müssen. Was es hiermit genau auf sich hat, wird später noch beschrieben.

Die einzelnen Anforderungen der WCAG sind nach den vier Prinzipien der Verständlichkeit, Wahrnehmbarkeit, Orientierung und Robustheit gegliedert, was die Zielsetzung der dadurch abgeleiteten Maßnahmen verdeutlicht. Sie decken auf abstrakter Ebene die zuvor beschriebenen Einschränkungen der Nutzer ab. Zudem lassen sich die Anforderungen in verschiedenen Erfüllungsgraden, den sogenannten Levels, umsetzen. Level A definiert dabei die grundlegende Barrierefreiheit, mit Level AAA wird eine umfangreiche Barrierefreiheit erreicht.

In ihrer alten Fassung stützt sich die erwähnte BITV explizit auf die WCAG 1.0, im Zuge ihrer Überarbeitung erfolgte auch eine überwiegend analoge Anpassung der BITV. Die Anwendungen und Webseiten, für die sie angewendet wird, müssen nach ihrer Vorgabe mindestens Level AA bei Navigationsbereichen und Level A bei sonstigen Inhalten erfüllen.

Im Übrigen lohnt es sich, einmal die WCAG neben Googles SEO-Richtlinien für Design und Inhalt zu legen. Letztere sind zwar konkret auf die Anwendung der Webtechniken ausgelegt, jedoch sind die Parallelen auf abstrakter Ebene in den Kernaussagen der beiden Richtlinien eindeutig. Das bestätigt die Ansicht, dass Webcrawler als technische Nutzer ebenso auf barrierefreie Anwendungen angewiesen sind.

Realität

Konkrete Abhilfe schaffen

Eine Darstellung der einzelnen Aspekte, die die WCAG von einer barrierefreien Anwendung fordert, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Daher sollen nur einige daraus abgeleitete Kernaussagen exemplarisch mit ihrer Wirkung vorgestellt werden:

Eine Anforderung, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, ist die Einhaltung von Standards. Ungültiges und nicht valides HTML sind hier die eine Seite des Problems, die zweite ergibt sich durch den falschen semantischen Einsatz der Strukturierungselemente wie der Definition von Überschriften durch einfache Formatierung von Text oder Textfragmente mit Klick-Handler, die als Link-Ersatz fungieren. Das führt nicht nur dazu, dass Screenreader falsche Information zur Aufbereitung einer Webseite erhalten oder ein Suchmaschinen-Crawler eine schlechtere Gewichtung der Inhalte vornimmt. Standards sind auch der erste Schritt für Plattformunabhängigkeit, da sie einen gemeinsamen Nenner von Geräten oder Softwarekomponenten definieren.

Sind des Weiteren Layout und Inhalt vermischt, verhindern sie oft eine individuelle Anpassung des Layouts durch geänderte Schriftgrößen, Kontraste oder in einigen Fällen sogar durch unterschiedliche Fenstergrößen. Die Folge sind abgeschnittene Texte oder zerrissene Dialoge, deren Inhalte so nur noch bedingt nutzbar sind. Auf diese Anpassungen sind jedoch besonders Personen mit einer Sehschwäche jeglicher Form angewiesen.

Blinde Nutzer haben ferner das Problem, dass Grafiken oder Farben für sie keine Informationen transportieren können, wie es oft zur Markierung von Fehleingaben gemacht wird. Links mit Grafiken auf Webseiten sind unter Umständen für sie gar nicht existent, da sich unbeschriftete Bilder durch den Screenreader filtern lassen. Zusätzliche Möglichkeiten wie Alternativtexte oder textuelle Beschreibungen schaffen hier Abhilfe. Ein Problem, dem sich auch ein Crawler stellen muss. Bereiche einer Webseite, die nur über einen Grafik-Link ohne Alternativtext erreichbar sind, werden so bei der Indizierung schlechter gewichtet, was wiederum einen Einfluss auf die Suchergebnisse bei entsprechenden Suchbegriffen hat.

Es ist außerdem wichtig, an jeder Stelle der Anwendung sofort zu erkennen, wo man sich als Nutzer befindet, wie man zu einer anderen Stelle kommt und wie das geschehen kann (z. B. durch bestimmte Tasten oder Navigationssymbole). Ebenso müssen die Dialoge so strukturiert und gestaltet sein, dass sie konsistent sind und das Wesentliche in den Mittelpunkt stellen und nicht mit nebensächlichen Informationen ablenken. Ein Vorteil, der allen Nutzergruppen nützt.

Schließlich macht ein Verzicht auf unnötig lange Satzkonstrukte oder Fachbegriffe Anwendungen im Allgemeinen verständlicher. Davon profitieren besonders ältere Nutzer und Personen, für die die genutzte Anwendungssprache eine Fremdsprache ist.

Alter Wein in neuen Schläuchen

Es fällt auf, dass viele der gezeigten Aspekte nicht nur eine Erleichterung für eine einzelne Nutzergruppe bringen – in weiteres Indiz dafür, dass barrierefreie Software nicht nur für behinderte Personen wichtig ist.

Auf den zweiten Blick wird aber noch ein weiterer Punkt deutlich. Viele der aufgezeigten Aspekte sind bekannte Anforderungen aus der Softwareentwicklung. Entweder gelten sie, wie die Trennung von Layout und Inhalt, als Merkmal für eine saubere Anwendungsarchitektur oder sie sind Anforderungen, die bei der Berücksichtigung allgemeiner Usability-Grundsätze ohnehin gestellt werden. Zu diesen gehören unter anderem ein logischer Seitenaufbau mit einer intuitiven Navigation. Etablierte Techniken wie das responsive Design oder Frameworks beziehungsweise CMS liefern Ansätze für die gängigsten Problemstellungen plattformübergreifend genutzter Angebote.

Barrierefreiheit zwischen Kosten und Sinnhaftigkeit

Eine Optimierung der Software auf die Aspekte der Barrierefreiheit ist in jedem Fall wünschenswert. Es gibt aber auch Argumente, die gegen eine umfängliche Umsetzung der Barrierefreiheit sprechen. Dies sind vor allem:

  • Weiterentwicklung von Altsystemen: Hier kann es vorkommen, dass die bestehende Anwendungsarchitektur es nur eingeschränkt zulässt, die verschiedenen Aspekte der Barrierefreiheit umzusetzen. Die Anpassung unflexibler Masken eines CMS oder das Nachprogrammieren fehlender Funktionen für die eingesetzte Technik ist zwar prinzipiell möglich, kann aber schnell das Budget sprengen. Sofern hier nicht gesetzliche Regelungen eine umfassende Umsetzung fordern, kann hier aber auf einen niedrigeren Umsetzungsgrad der WCAG zurückgegriffen werden, beispielsweise Level A.
  • Klar abgegrenzte Zielgruppe: Hier stellt sich die Frage, ob Aspekte umgesetzt werden sollen, wenn bereits klar ist, dass die jeweilige Software nur von einem bekannten Kreis von Nutzern eingesetzt wird. Ein typisches Beispiel sind hier in Unternehmen intern genutzte Webanwendungen. In der Regel gibt es in größeren Unternehmen und Konzernen einen Standard-Browser mit einem Standard-Betriebssystem, hier ergibt es keinen Sinn, eine plattformunabhängige Software zu implementieren. Das liegt auf der Hand. Vor der Einsparung anderer Aspekte ist der Nutzerkreis jedoch genau zu analysieren.

Die Konzentration auf bestimmte Aspekte der Barrierefreiheit beziehungsweise deren Erfüllungsgrad im Rahmen der WCAG ermöglicht eine Reduzierung der oft kritisierten Implementierungskosten. Diese Kritik ist zunächst legitim, zumal ein allgemeiner Kostendruck die Anbieter zu Einsparungen zwingt und einige Aspekte der Barrierefreiheit wie gezeigt als Investition nicht immer rentabel und sinnvoll erscheinen.

Dabei darf allerdings nicht der Fehler begangen werden, die barrierefreie Realisierung einer Anwendung oder Webseite als binäre Entscheidung zu betrachten und diese grundsätzlich in Frage zu stellen. Vielmehr kann die Umsetzung wie aufgezeigt in unterschiedlichen Abstufungen und Ausprägungen geschehen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer "barrierearmen" Anwendung. Wie die Abstufungen konkret aussehen, lässt sich aber nur schwer verallgemeinern, da sich das Umfeld der Software jeweils sehr individuell gestaltet. Grundsätzlich gilt zwar das Motto "alles ist besser als nichts", in Hinblick auf die Nutzer sollte aber immer das maximal Mögliche angestrebt werden. Hier kann auch eine schrittweise Verbesserung der Barrierefreiheit über mehrere Releases ein gangbarer Weg sein.

Fazit

Leider hat sich barrierefreie Software noch nicht vollständig von ihren Wurzeln lösen können und wird allzu häufig noch als unrentabler Zusatzaufwand gesehen, der sich an die speziellen Bedürfnisse behinderter Nutzer richtet. Bei genauerer Überlegung wird aber klar, dass diese Ansicht nicht tragbar ist. Die wörtlichen Barrieren bei der Nutzung eines Computers können vielseitig sein. Behinderte Personen stellen dabei nur eine Gruppe der tatsächlichen Profiteure dar.

SoftwareArchitekTOUR

Die Episode 38 des SoftwareArchitekTOUR-Podcasts behandelte die Themen Barrierefreiheit und Usability. Als Gast war der blinde Softwareentwickler Artur Ortega geladen.

Barrierefreie Software lässt sich besser als verlustfreie Bereitstellung von Informationen unabhängig von körperlichen oder technischen Einschränkungen definieren statt einfach nur behindertengerecht. Das bedeutet auch, dass die Vorteile, die sich für nichtbehinderte Nutzer ergeben, nicht nur als positiver Nebeneffekt
gesehen werden dürfen, sondern diese gleichwertig nebeneinander stehen.

Der interessante Punkt ist hier vor allem, dass viele Aspekte, die zur Barrierefreiheit der Software beitragen, bereits gängige Anforderungen bei der Softwareentwicklung sind. Dadurch relativieren sich mutmaßliche Mehrkosten und können bei kommerziell genutzten Angeboten sogar als Investition gesteigerten Umsätzen direkt gegenübergestellt werden.

Diese ergeben sich aus der gesteigerten Kundenzufriedenheit, die wiederum der Ausdruck eines hohen Bedienkomforts durch klare Darstellungen, logische Navigation oder technische Flexibilität ist. Wird barrierefreie Software unternehmensintern genutzt, fördert sie die effiziente und stressarme Arbeit am Computer. (ane)

Pierre Heim
arbeitet bei der T-Systems International GmbH als System Engineer. Neben seiner Tätigkeit in der Softwareentwicklung und Systemadministration berät er intern Softwareprojekte bei der technischen Realisierung von Barrierefreiheit.