Entwicklermanifeste für das Internet der Dinge

IoT Design Manifesto

Dem Hype wiederstehen

Der Schnelllebigkeit und dem Druck einer ständig wachsenden Branche bewusst widersetzen, wollen sich die Verfasser des jüngsten Versuchs eines Manifests für das Internet der Dinge. Das IoT Design Manifesto 1.0 versteht sich als Leitlinie für verantwortungsvolles Design in einer vernetzten Welt. In zehn Grundsätzen haben die Initiatoren formuliert, wie sich Dinge für das IoT besser entwerfen lassen. Ihr erster Eckpunkt lautet, nicht einfach jedem Hype zu vertrauen: "Wir versprechen, dem Kult des Neuen gegenüber skeptisch zu sein. Einfach das Internet über ein Produkt zu stülpen ist nicht die Antwort. Vernetzung allein garantiert keinen nachhaltigen geschäftlichen Erfolg."

Wie bei I am the Cavalry mit ihrem Rugged Manifesto oder bei Thingclash stehen die Urheber für ein verantwortungsvolles Handeln im Internet der Dinge – aber nicht nur aus ethischen, sondern auch aus geschäftlichen Gründen. Denn wer nicht nur auf den kurzfristigen Gewinn aus ist, sondern sich mit seinen Ideen langfristig am Markt etablieren möchte, darf die Auswirkungen seiner Produkte auf Kunden und Nutzer nicht vergessen. So erklärt der Designer und Mitbegründer Marcel Schouwenaar, dass das Bedürfnis nach einem Manifest direkt aus dem Arbeitsalltag entstand: Kunden seines Designbüros verlangten nach Produkten, die Schouwenaar und seine Kollegen nicht gutheißen konnten, die sie gar für falsch hielten. Gesichtserkennung in Geschäften zum Beispiel, die mit Verbindung zu entsprechenden Datenbanken erkannt hätte, welcher Kunde schon einmal einen Ladendiebstal begangen hat.

Die Designer waren sich einig, dass solche Programme nicht im Interesse der Allgemeinheit sind: "Wenn wir IoT-Produkte entwerfen und im öffentlichen Raum einsetzen, müssen wir uns der ethischen Tragweite bewusst sein". Weder Schouwenaar noch seine Kollegen hatten das Gefühl, dass ethische Aspekte der Vernetzung bisher genügend berücksichtigt wurden. Auf IoT-Konferenzen, die sie besuchten, standen wirtschaftliche oder technische Themen im Vordergrund. Wenn überhaupt, kam die Sprache vielleicht auf Sicherheit und Datenschutz – allerdings aus Sicht der Unternehmen. So standen in solchen Szenarien etwa Fragen nach dem Schutz der Geschäftsdaten im Raum, um sich vor der Konkurrenz zu schützen. Die Designer fühlten sich damit nicht gut vertreten und wollten ihre Sicht der Dinge in die Diskussion einbringen: "Als Designer bin ich in den Anfangsstadien der Produktentwicklung dabei, kann also wirklich etwas beeinflussen. Als ich andere Designer fragte, ob sie ähnliche Erfahrungen gemacht hatten, wenn es um mangelnde Diskussionen um die ethischen Implikationen eines Produkts ging, war die Antwort eindeutig ja."

Auf der ThingsCon 2015 stellte das Team, das sich aus mehreren Designern und einer Wissenschaftlerin zusammensetzt, das Manifest vor. Es ist nicht nur für Designer gedacht, wie Schouwenaar erklärt: "Jeder, der neue Produkte und Technologien in diesem Bereich entwickelt, ist in gewissem Sinne ein Designer."

Von Anfang an war das Manifest als offenes Dokument gedacht, das durch Diskussionen angepasst und konkretisiert werden sollte. Designer und Programmierer mit akademischem sowie wirtschaftlichen Hintergrund beteiligten sich. Sie alle hatten Vorschläge, meinten aber auch, dass es in ihrem jeweiligen Bereich zu viele spezifische Details gäbe, die sich so einfach nicht generalisieren ließen. Daher ist der momentane Stand der Dinge: Gerade weil das Manifest so generisch ist, lässt es sich in vielen Kontexten einsetzen. Folgerichtig wird es keine nächste, verbesserte Version geben. Vielmehr suchen die Macher jetzt nach Wegen, wie das Manifest konkret zum Einsatz kommen kann, denn das sei im Moment noch das größte Problem.

Viele Designer und Entwickler sind zwar grundsätzlich bereit, den Leitsätzen zuzustimmen, allerdings fehle ein nächster Schritt, damit es nicht beim Lippenbekenntnis bleibe. Schouwenaar gibt zu: "Die passenden Werkzeuge zur Umsetzung haben wir heute noch nicht." Doch das Team arbeite daran und holt sich dabei auch juristischen Rat, damit das Manifest seine Wirkung bald entfalten kann. "Es soll eine Vorlage werden, eine Checkliste, mit der man ein IoT-Vorhaben auf seine Nachhaltigkeit hin überprüfen kann." Im Zuge der Entwicklung konnten die Designer bereits feststellen, dass es schwieriger als gedacht ist, sich an die eignen Richtlinien zu halten: "Wir dachten, wir hätten bisher nichts entworfen, mit dem wir aus ethischer Sicht nicht übereinstimmen. Aber als wir dann unsere Projekte wirklich noch einmal Punkt für Punkt auf die Richtlinien des Manifestes überprüften, stellten wir fest, dass wir unsere neu formulierten Grundsätze nicht immer einhalten konnten."

Gemeinschaftsprojekt ethische Grundlagen

Wenn es schon den Initiatoren eines Manifests für ethischeres Handeln schwer fällt, ihre Richtlinien umzusetzen, liegt die Frage nach dem Rest und der Relevanz der drei genannten Projekte nah. Scott Smith gibt sich wenig Illusionen darüber hin, welche Rolle ethische Diskussionen im gewöhnlichen Arbeitsalltag einnehmen: "Für sich allein gesehen gibt es wenig Anreiz für ein Entwicklerteam, ein IoT-Produkt zu entwerfen, das sich unseren sozio-kulturellen Normen anpasst. Die Anreize, aufregende Hardware oder eine ungewöhnliche Software zu entwickeln, sind viel größer, als sich die Arbeit zu machen, das Produkt unserer Welt anzupassen und dabei unsere Wünsche, Bedürfnisse und Verlangen nach Dingen wie Privatsphäre, Zustimmung, Vertrautheit und intuitiver Bedienung nicht außer Acht zu lassen."

Trotz mangelnder Anreize scheint es aber nicht wenige zu geben, die sich umfassender mit dem Thema beschäftigen wollen. Mit der Resonanz auf Thingclash etwa zeigt sich Smith zufrieden. Gute Reaktionen bekommt er vor allem von unabhängigen Forschern und Designern, auch ein paar Politiker sind dabei. Diese interdisziplinären Bemühungen weiß Smith zu schätzen. Aber zu viel will er nicht auf Hilfe von außen setzen: "Damit das Projekt Erfolg hat, dürfen wir nicht nur mit Gleichgesinnten außerhalb der Grenzen des Technikbetriebs reden, sondern auch mit denen darin. Es gibt dort einige Parallelen zur Nachhaltigkeitsdebatte: Es ist besser, von innen heraus eine Wandel zu bewirken, als von außen mahnend zu rufen."

Marcel Schouwenaar dagegen freut sich über rege Beteiligung über die Grenzen der Branche hinaus: "Ich hatte zu Beginn vermutet, dass überwiegend Designer das Manifest unterzeichnen würden. Es ist dann aber eine schöne Mischung geworden. Wir haben Unterstützer aus dem akademischen Bereich dabei, Softwareingenieure, Plattform- und Hardwareentwickler sowie große und kleine Designunternehmen."