Federlesen #15: Verteidigung der Langweile und ein Plädoyer für mehr Nachhaltigkeit

Firmenbeteiligung und Nachhaltigkeit

Wieviel Geld darf OpenSource kosten?

Zu den stark durch Firmen vorangetriebenen Apache-Projekten gehören Cassandra, CXF, Camel, Derby, Flex, Geronimo, OpenOffice, CloudStack, Lucene, Solr und Hadoop. Obwohl von einigen Mitgliedern der Community das Firmenengagement in Open-Source-Projekte nicht so gern gesehen wird, ist eine professionale Produktentwicklung ohne es kaum mehr denkbar.

Professor Dirk Riehle hat die Auswirkungen von bezahlten Entwicklern auf Commit-Verhalten und Issue-Bearbeitung in Open-Source-Projekten untersucht (PDF): Dabei stellt er fest, dass sich bezahlte Committer positiv auf die Reaktionszeiten und die Stabilisierung der Entwicklung auswirken. Am Beispiel der drei OpenSource-Applikationsserver JBoss, Geronimo und JOnAS beschreibt er zudem (PDF), wie das Engagement und die Strategie der beteiligten Firmen (JBoss, Red Hat, IBM, Bull) die Entwicklung beeinflusst hat und sich beides verschiedenen Epochen zuordnen lässt.

Welchen langfristigen Wert ein nach den Open-Source-Prinzipien entwickelter Applikationsserver hat, zeigt sich gerade an der Entscheidung von Oracle, den GlassFish-Server nur noch als Referenzimplementierung und damit ohne Support anzubieten. Die Ankündigung des Supportendes von IBM für Apache Geronimo 3.0 zum September 2016 kann, wie schon bei der freien Java-Implementierung Harmony, das Ende des Projekts bedeuten. Es ist die "Tragik der Allmende", dass die meisten Nutzer für Open-Source-Produkte nichts oder nicht genug bezahlen wollen.

Nachhaltigkeit oder Langweile

Gerade die Software-Branche hält immer Ausschau nach der nächsten Hypewelle. Für Projekte sind jedoch nicht die Innovativität, sondern die Ausgereiftheit und die Erfahrung mit der eingesetzten Software ein großer Erfolgsfaktor. Deswegen hat der amerikanische Softwareentwickler Grady Booch in seiner IEEE-Software-Kolumne "In Defense of Boring" den Wert von ausgereifter und wartbarer Software
verteidigt.

Den Anspruch, Software zu produzieren, die solche Faktoren mit Innovation vereint, erfüllen viele Apache Projekte seit Jahren verlässlich. Dabei ist die Unterstützung der Standards zur breiten Nutzbarkeit wichtig. Deswegen ist es für den weiteren und langfristigen Erfolg vieler Apache-Projekte wie Tomcat, TomEE, Geronimo oder CXF wichtig, dass sie Zugriff auf das bei Oracle angeforderte Technology Compatibility Kit für Java EE 7 haben. Allerdings wird es laut TomEE-Mitbegründer David Blevins selbst dann noch fast ein Jahr dauern, bis die Projekte der JavaEE-Zertifizierung entsprechen.

Fazit

Für eine nachhaltige Weiterentwicklung ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen gelegentlichen und hauptamtlichen Entwicklern nötig. Hier sind die Werte und die Kultur des Apache-Weges nicht hoch genug zu schätzen. Genauso wichtig ist es, die aktiven "Arbeitstiere" nicht zu früh auf's Altenteil zu schicken und neue Commiter langfristig in die Arbeiten einzubinden. Auch wenn die Open-Source-Bewegung im letzten Jahrtausend entstanden ist, war sie nie so wertvoll wie heute. Es ist zu wünschen, dass ihr Wert in Zukunft durch eine ausreichende finanzielle Unterstützung Würdigung erfährt. (jul)

Frank Pientka
ist Senior Software Architect bei der Materna GmbH in Dortmund.