Geschichten vom Scrum

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Holger Koschek

Heidelberg, 2009
dpunkt.verlag
264 Seiten
29 Euro
ISBN 978-3-89864-640-6

Es braucht zweifelsohne Mut, ein Buch über Projektmanagement als Märchen zu tarnen. Ein Balanceakt zwischen fachlicher Relevanz, Praxisbezug und Unterhaltungswert ist zu finden. Holger Koschek versucht mit seinen "Geschichten vom Scrum" nicht weniger. Sein Ziel ist es, Grundwissen über Scrum auf unterhaltsame und einprägsame Weise zu vermitteln, und dazu eignet sich das Geschichtenerzählen besonders.

Bevor darauf eingegangen wird, ob dem Autor der Spagat gelingt, sei ein Überblick über die Struktur und den Inhalt des Buchs gegeben. Es unterteilt sich in zwei Erzählperspektiven: zum einen in die Geschichte einer Gruppe von Märchengestalten, die im Auftrag des Königs die bessere Drachenfalle bauen sollen, zum anderen in einen Kommentar eines weisen Einhorns, das Hintergrundinformationen zur Handlung und zum Verhalten der Protagonisten liefert und den Bezug zur Realität herstellt.

Die unterschiedlichen Märchengestalten versuchen mit Grundsätzen und Praktiken aus dem sagenhaften Land Scrum ihr Projekt ins Trockene zu bringen (vom Aschenputtel über die böse Hexe bis zum edlen Rittersmann begegnet dem Leser ein Panoptikum an Archetypen von Persönlichkeiten, wie sie auch im Projektalltag in Teams zu finden sind). Die Geschichte des Vorhaben führt über acht Sprints oder Iterationen (inklusive eines vorbereitenden Sprints "null"). Dabei lernt man alle Grundbegriffe von Scrum kennen: Sprint, Planungsspiel, Retrospektiven, Burndown Charts und Daily Scrum. Auch ergänzende Techniken wie Planungspoker, testgetriebene Entwicklung, Paar-Programmierung kommen nicht zu kurz.

Zudem beleuchtet und illustriert das Buch grundlegende Werte der agilen Vorgehensweise sowie weiche Faktoren, die eine gute Zusammenarbeit behindern oder begünstigen. Inhaltlich lässt sich somit festhalten, dass der Autor alle Puzzleteile, die Scrum ausmachen, abhandelt und auch das Warum und Wieso nicht unterschlägt. Der geneigte Leser bleibt nicht mit fundamentalen Lücken im Wissen zurück, sondern erhält ein ziemlich genaues Bild davon, wie, warum und wann Scrum funktioniert.

Mit dem Stil des Buchs (und der Märchenform) kann ich mich weniger anfreunden. Nicht, dass ich Märchen nicht mag, doch liebe ich Geschichten, die unaufdringlich eine Lehre transportieren, wie es klassische Märchen tun. Bei den "Geschichten vom Scrum" ist das jedoch nicht der Fall. Sobald das erste Mal fachtechnische Begriffe aus dem Projektmanagement in der fantastischen Geschichte auftauchen, ist der Zauber dahin, und der Leser befindet sich wieder in der schnörkellosen Welt des Projektmanagements.

Das hat Konsequenzen: Der Text lässt sich nicht wie eine packende Geschichte "verschlingen", sondern ist eine große Konzentrationsübung. Zum einen, weil man sich anstrengen muss, zwischen all den für den Scrum-interessierten Leser belanglosen Füllsätzen die relevanten Teile herauszulesen. (Zitat: "Am nächsten Morgen musste das Aschenputtel ihre beiden nächtlichen Begleiter wecken – sonst hätten beide die tägliche Zusammenkunft verschlafen. Nur mithilfe einer kalten Dusche (bzw. im Falle des Gespensts mit einem Flug durch den morgendlichen Nebel) und eines starken Frühstückskaffees konnten die Drachenjäger die Augen offenhalten.") Da helfen auch die Erklärungen des Einhorns nicht immer. Zum anderen stellt für den unverstellten Lesegenuss eine weitere Hürde dar, dass der Autor teilweise Scrum- und Projektmanagement-Terminologie in fantasievolle Begriffe übersetzt hat, die zwar zur Geschichte passen, aber eine mentale Übersetzungsarbeit voraussetzen.

Ein Vergleich mit Tom DeMarcos Roman über Projektmanagement "Der Termin" drängt sich auf. DeMarco schrieb eine fiktive Gesichte (mit allen Mitteln, die einen Roman als lesenswert auszeichnen), die nahe genug an der Realität blieb, um seine Gedanken und Ideen zum Projektmanagement effektiv zu transportieren. Das ist leider dem Autor von "Geschichten vom Scrum" nicht gelungen.

(Interessierte finden auf den Seiten des dpunkt Verlag Leseproben sowie eine Lesung des Autors im Audioformat; Red.)