IBMs General Manager Kristof Kloeckner im Interview

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Cloud Computing, Big Data, Analytics und Mobilität sind die neuen Herausforderungen der Softwareentwicklung. Neben diesen Hype-Themen sieht man bei IBMs Softwaresparte Rational neue methodische Aufgaben bei der klassischen Softwareentwicklung. Für heise Developer sprach Harald Weiss am Rande des diesjährigen Impact-Events in Las Vegas mit Kristof Kloeckner, General Manager für Rational, über diese Themen und die neue Phase der Abstimmung zwischen Entwicklung und Anwendung.

heise Developer: Herr Kloeckner, Software erobert nahezu alle Branchen und Systeme. Kann der Stand der Softwareentwicklung damit noch Schritt halten?

Kristof Kloeckner ist seit Januar 2011 General Manager bei Rational Software und in dieser Position verantwortlich für alle Bereiche des Geschäfts der Softwaresparte, darunter Produkt- und finanzielle Strategie, Marketing, Sales und Betrieb. Davor war er bei IBM Chefstratege des Softwaregeschäfts. Kloeckner studierte und promovierte an der Goethe-Universität in Fankfurt und hat die Ehrendoktorwürde der Universität Southampton erhalten. Er ist Fellow of the British Computer Society und seit 1997 Honorarprofessor der Universität Stuttgart.

(Bild: Harald Weiss)

Kristof Kloeckner: Es stimmt, dass alle wesentlichen Innovationen heute in der Software stattfinden. Immer mehr mechanische Funktionen und Komponenten werden durch Software und Sensoren ersetzt. Das hat zur Folge, dass die quantitativen und qualitativen Anforderungen an die Softwareentwicklung rasant steigen. Während wir inzwischen auf der reinen Entwicklungsseite durch den Einsatz von Tools und ingenieurmäßigen Methoden deutliche Fortschritte feststellen können, zeichnen sich jetzt neue Herausforderungen beim Testen und Deployment ab.

heise Developer: Um was genau handelt es sich dabei?

Kloeckner: Der Testaufwand und das Deployment dauern zu lange und sind vielfach noch zu teuer. Um die Kluft zwischen Softwareentwickler und den Business-Anwendern weiter zu schließen, müssen wir den Anwendern in zunehmend kürzeren Zyklen bereits Teillösungen präsentieren. Das geht aber nur, wenn sich auch die damit verbundenen Tests und Auslieferungen schnell und ausreichend gründlich durchführen lassen. Kurz gesagt: Agile Softwareentwicklung war gestern – agiles Deployment ist heute.


"Der Testaufwand und das Deployment dauern zu lange und sind vielfach noch zu teuer."


heise Developer: Wie muss man sich das vorstellen, auf welche Art lassen sich diese Projektphasen beschleunigen?

Kloeckner: Es gibt heute eine Vielzahl an Software-Tools, mit deren Hilfe sich neu entwickelte Software automatisch installieren lässt, doch das ist nur der eine Teil der Verbesserungen. Viel wichtiger ist die
Vereinfachung der Testprozesse. Bei herkömmlichen Entwicklungsprojekten verschlingt das Testen rund 50 Prozent der Gesamtkosten, und das Entwicklungsteam muss 30 Prozent seiner Zeit auf das Managen der Testumgebung verwenden. Hier setzt IBM beispielsweise mit der von Green Hat übernommenen automatischen Testumgebung auf. Mit dieser Technik ist es möglich, komplexe Systemumgebungen zu simulieren. Damit verkürzt sich der Aufwand für das Erstellen einer Testumgebung von bislang vielen Wochen auf wenige Minuten.

heise Developer: Das ist in der Tat beachtlich. Gibt es weitere bedeutende Verbesserungen für die Softwareentwicklung?

Kloeckner: Eine zunehmend wichtige Rolle ist die Kollaboration über viele Bereiche und Regionen hinweg. Wir nutzen beispielsweise die Social-Media-Funktion von Lotus, mit deren Hilfe sich das Know-how und die Erfahrungen der Entwickler und Anwender besser verbinden lassen.

heise Developer: An der Verbesserung dieser Kommunikation und den Entwicklungstools arbeitet IBM seit Jahrzehnten – sind denn da inzwischen auch deutlich Fortschritte erkennbar?

Kloeckner: Aber ja doch! Generell lässt sich sagen, dass sich die Qualität der Anwendungssoftware gerade in den letzten Jahren deutlich verbessert hat. Sie ist heute viel strukturierter und standardisierter und immer häufiger mehrfach verwendbar – vor allem SOA hat da einen sehr wertvollen Dienst geleistet.

heise Developer: Das hört sich nach einer fast heilen Welt an – gibt es denn noch Herausforderungen für die Anwendungsprogrammierung?

Kloeckner: Ja, gewiss doch. Knapp gesagt sind es vier Bereiche: Cloud Computing, Big Data, Analytics und Mobilität. Schon jeder einzelne für sich bringt eine Reihe an Komplikationen mit sich, jedoch die größte Herausforderung besteht darin, dass diese Bereiche auch noch miteinander verknüpft sind: Unmengen an Daten schlummern in der Cloud, die durch moderne Analytics auszuwerten und dann auf mobilen Endgeräten grafisch aufbereitet auszugeben sind – eine Verkettung an Komplexitäten.

heise Developer: Einen zunehmend großen Raum nimmt dabei die Auswertung unstrukturierter Daten ein, wie sie beispielsweise mit Hadoop möglich ist. Wie ist die Zukunft der strukturierten Datenverarbeitung, werden relationale Datenbanken bald verschwinden?

Kloeckner: Nein, auf keinen Fall. Die datensatzbezogene Informationsverarbeitung ist das Rückgrat aller komplexen Anwendungen. Hier ist eine streng kontrollierte, völlig deterministische Bearbeitung unerlässlich. Daran wird sich auch langfristig nichts ändern.

heise Developer: Das heißt, Cobol for ever?

Kloeckner: Ja. Wir bieten gemeinsam mit einer Universität eine umfangreiche Cobol-Ausbildung an, und Cobol erfüllt eine wesentliche Aufgabe bei der Integration von datensatzbezogenen Verarbeitungen mit den modernen Auswertungen und Visualisierungen.

heise Developer: Haben alle Programmiersprachen die gleichen Überlebenschancen?

Kloeckner: In der Tat ist der Bereich der Programmiersprachen sehr fragmentiert. Ich persönlich glaube, dass C++ und Java eine unverändert starke Position halten werden, wogegen es bei den Skriptsprachen eine kaum überschaubare Vielfalt gibt. Hier erfolgt die Auswahl überwiegend nach Geschmack und Bequemlichkeit.


"Wir erleben die nächste Umwälzung im Rahmen der App-Entwicklung."


heise Developer: Und wie geht es mit den Anwendungsprogrammen weiter, war SOA das Ende der grundlegenden Veränderungen?

Kloeckner: Wir erleben bereits die nächste Umwälzung, nämlich die Apps. Anwendungssoftware wird in Zukunft im Stil von "leichtgewichtigen" Apps sein. Diese Module werden dann über Daten verbunden, was eine "lockere" Integration darstellt. Hier lautet der Trend ganz eindeutig: Weniger ist mehr.

heise Developer: Herr Kloeckner, vielen Dank für das Gespräch. (ane)

Harald Weiss
ist seit über zehn Jahren freier Fachjournalist in New York und berichtet regelmäßig von vielen bedeutenden IT-Events in den USA. Er begann seine Berufslaufbahn als Softwareentwickler und System-Ingenieur, bevor er über die Stationen Marketing und PR zur schreibenden Zunft kam.