Java-Hacker und Zwillingsmama: Aus meinem Alltag zwischen zwei Welten

Java-Programmierer für komplexe Lager-Logistik-Software und stolze Mama von vierjährigen Zwillingen. Geht nicht? Geht doch! Ein Bericht über die Erfahrungen aus dem Alltag in Beruf und Familienleben sowie darüber, wie sich beide Welten berühren und ergänzen.

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Java-Hacker und Zwillingsmama: Aus meinem Alltag zwischen zwei Welten.

(Bild: Shutterstock)

Lange Zeit war ich ausschließlich die Java-Hackerin, die in einem weltweit tätigen Unternehmen Strategien zur Einlagerung, Nachschub und Lagerorganisation entwickelt, programmiert, in Betrieb genommen und betreut hat. Als meine beiden Kinder auf die Welt kamen, schlüpfte ich in eine ganz andere Rolle und war plötzlich hauptsächlich die Mama von Zwillingen.

Am Anfang war die neue Aufgabe toll und brachte ganz neue Erfahrungen und Herausforderungen, die gelegentlich bis an die körperlichen und psychischen Grenzen gingen. Aber nach etwa zehn Monaten kam eine gewisse Langeweile auf. Für mich war die Kinderthematik alleine unbefriedigend, und ich wollte wieder etwas geistig Anspruchsvolleres als Windelinhalte und Breirezepte. Also beschloss ich, statt der in meiner ursprünglichen Euphorie beantragten drei Jahre Elternzeit bereits nach 14 Monaten Pause wieder gemächlich in den Job als Programmiererin einzusteigen. Der Plan war, die Kinder drei Nachmittage in die Kinderkrippe zu geben und zehn Stunden pro Woche zu arbeiten.

Der Wiedereinstieg

Nach einem Monat Krippeneingewöhnung stand endlich mein erster Arbeitstag nach langer Pause an. Er war nicht wirklich spektakulär: Tools nachinstallieren, Projekt auschecken und zunächst alles an meiner Entwicklungsumgebung wieder zum Laufen bringen. Vier Stunden lang nicht über Kinder, Windeln, Krabbelgruppe und ähnliche Dinge nachzudenken, fühlte sich gut an. Um 16:45 Uhr machte ich pünktlich Schluss, um die Kinder von der Krippe abzuholen.

Am nächsten Tag war meine Aufgabe, ein Problem bei einem alten Projekt zu suchen: Logfiles greppen, Datenzustand über flashback query ermitteln, versuchen, den Fehler am Testsystem nachzustellen, Java-Prozesse debuggen. Schnell war ich wieder zurück in meinem alten Rhythmus und voll auf die Situation konzentriert. Doch ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es schon nach 17 Uhr war. Also hieß es, alles stehen und liegen zu lassen und zur Krippe zu hetzen. Die Kinder waren fertig angezogen, und das Personal wartete darauf, endlich Feierabend machen zu können. Kann ja mal vorkommen, es war schließlich erst der zweite Arbeitstag.

Allerdings sollte mir das in der kommenden Zeit häufiger passieren: Absorbiert von der Konzeptentwicklung die Zeit vergessen, eine Besprechung, die länger dauert, ein Kollege, der noch schnell etwas wissen möchte, ein kritischer Bug, der dringend behoben werden muss. Wer keine Kinder hat, bleibt einfach länger, aber mit der Zeit musste ich lernen, wie man eine strenge Deadline einhält. Nur nebenbei: Es ist für mich nach wie vor eine dumme Situation, um 16:45 Uhr abzubrechen, nur weil die Uhr und letztlich die Kinder und Betreuer es von mir verlangen.

Als Wiedereinstieg war geplant, dass ich "einfach" verschiedenste offene Punkte bearbeite: Probleme aus abgeschlossenen Projekten analysieren und beheben, Features bei neuen Projekten implementieren, Hintergrundprozesse, Datenbankabfragen, Client-GUIs, Handheld-Abläufe – eine bunte Mischung. Für den Anfang war die Arbeit gut geeignet, weil ich in allen Bereichen etwas zu tun hatte. Daher konnte und musste ich mich in allen Gebieten wieder auf Stand bringen. Mit der Zeit langweilte es mich jedoch, immer nur vorspezifizierte Aufgaben herunterzuprogrammieren. Ich wollte wieder eigene Lösungen überlegen. Mit meinem Teamleiter habe ich daher besprochen, dass ich wieder Spezifikationsaufgaben übernehmen möchte. Es hat sich passend ergeben, dass für mehrere neue Projekte ein geänderter Algorithmus bei der Stellplatzfindung nötig wurde, den ich spezifizieren und programmieren konnte. Beim darauffolgenden Projekt war gleich mein aufgefrischtes Know-how gefragt.

Langsam steigern

Die Kombination aus Arbeit und Kindern hatte sich ziemlich gut eingespielt, sodass ich nach sechs Monaten meine Wochenstunden von zehn auf zwölf und nach einem weiteren halben Jahr von zwölf auf fünfzehn erhöhen konnte. Glücklicherweise hatte ich von vornherein mehr Krippenstunden als Arbeitsstunden gebucht und mehr als meine Sollstunden gearbeitet. Der damit entspannt aufgebaute Überstundenpuffer für Ferien und Krankheitsfälle erleichterte vieles. Auf die Weise war es kein Problem, wenn ich die Kinder gelegentlich früher von der Krippe abholen musste oder erst später zur Arbeit kommen konnte.

Auch wenn es für mich toll ist, dass ich durchaus im Home-Office arbeiten kann, nutze ich die Gelegenheit nur selten. Für mich ist der direkte Kontakt zu meinen Kollegen wichtig, und ich möchte einfach an einem anderen Ort als daheim sein. Bis heute funktioniert die Arbeit im Home-Office nur dann richtig gut, wenn die Kinder schlafen, wie folgende Anekdote zeigt:

Einmal sollte ich am frühen Morgen ein Softwareupdate für ein Kundenprojekt einspielen. Das wäre normalerweise kein Problem, da die Kinder gewöhnlich bis sieben Uhr schlafen. Selbstredend waren sie ausgerechnet an diesem Tag früher wach, und natürlich klappte das Update nicht auf Anhieb. Während ich also am Rechner mit meinem Build kämpfe, haben die Kids die Verpackung ihrer neuen Kinderzimmerlampe entdeckt, die sich noch in Reichweite befand. Im Karton befanden sich Styroporstreifen, die sich prima zerbröseln ließen und mit denen man wunderbar an der Wand entlang streifen konnte. Nach der Software musste ich daher auch die Wohnung patchen, sprich Styroporfetzen von sämtlichen Böden und Wänden der Wohnung aufsaugen. Die Aufräumarbeiten in der physischen Realität dauerten mindestens eben so lange wie das Deployment und Aktvieren der neuen Software.

An den schnellen Kontextwechsel musste ich mich zunächst gewöhnen: In einen Moment war ich damit beschäftigt, am Testsystem einen Palletier-Auftrag komplett durchzuführen: Eine XML-Datei mit dem Testauftrag erzeugen und über SOAP einlesen, Packmuster generieren lassen, in der Emulation eine Palette mit dem Artikel aufgeben, leere Paletten erzeugen, Testbestand in der Datenbank einfügen. Schließlich galt es noch, durch Remote-Debugging aus Eclipse herauszufinden, warum die Kartons nicht ausgelagert werden. Ich hatte das Problem gerade auf einen Filter im Bestands-Stream eingrenzen können, als aus heiterem Himmel der Anruf aus dem Kindergarten kam: Bitte dringend den Sohn abholen, er hat Fieber! Also innerhalb von drei Minuten Autofahrt von stream().filter() auf fürsorgliche Mama und häusliches Krisenmanagement switchen.