Lean UX: Mit Start-up-Methoden zu einem besseren Produkt

Mindset

Die wichtigsten Grundprinzipien von Lean UX

Um diese Kultur des akzeptierten Scheiterns zu ermöglichen, basiert Lean UX auf verschiedenen Grundprinzipien. Sie vermitteln einen guten Eindruck von der Philosophie, die in einem Unternehmen herrschen muss, um Lean UX erfolgreich anzuwenden. Jeff Gothelf beschreibt in seinem Standardwerk über Lean UX [2] eine Vielzahl dieser Prinzipien, wobei besonders die folgenden acht für ein grundlegendes Verständnis sorgen.

1. Interdisziplinäre Teams

Teams in einem Lean-UX-Prozess sollten interdisziplinär gestaltet sein. Das bezieht sich aber nicht nur auf eine Mischung aus verschiedenen Entwicklern, sondern schließt alle beteiligten Bereiche der Produktentwicklung ein. So sollten auch Stakeholder aus den Bereichen UX, Design, Produktmanagement, Sales und Marketing ins Team integriert werden. Wichtig ist, dass alle beteiligten Bereiche innerhalb des Teams einen Stellvertreter haben. Die Teamgröße sollte jedoch zehn Personen nicht überschreiten.

Durch die Mischung der Bereiche im Team werden zwei wichtige Dinge sichergestellt: Zum einen sind alle betroffenen Sichtweisen auf das eigene Produkt in den Teams vertreten und lassen sich somit berücksichtigen. Zum anderen verringert sich der Informationsverlust im Vergleich zu herkömmlichen Übergaben in Form von Dokumentationen oder Tickets deutlich. Zusätzlich gibt es an den Grenzen zwischen den Fachbereichen ein hohes Maß an Austausch, und somit entsteht hier häufig neues Wissen.

2. Ergebnisse statt Durchsatz

Die Produktivität eines Teams wird in agilen Prozessen häufig anhand des Durchsatzes definiert: Wie viele Story Points hat das Team im letzten Sprint geschafft? Diese Betrachtung lässt jedoch einen entscheidenden Faktor außer Acht: Bringen die umgesetzten Ergebnisse auch einen tatsächlichen Mehrwert für das eigene Produkt?

Genau hier setzt Lean UX an. Der Erfolg eines Teams und der geplanten Features wird nicht anhand ihres Umfangs und der benötigten Zeit bewertet, sondern anhand der Ergebnisse hinsichtlich des tatsächlichen Geschäfts. Das setzt voraus, dass ein entwickeltes Feature oder eine erste Version davon direkt auf den Markt losgelassen wird. Nur so kann man anschließend objektiv beurteilen, ob das Feature den prognostizierten Effekt hat und/oder ob man es noch verändern muss.

3. Verschwendung minimieren

Verschwendungen zu minimieren, ist einer der Kerngedanken einer schlanken Entwicklung. Dabei gilt alles als Verschwendung, das zwar produziert wird, aber nicht zum Erfolg des Geschäfts beiträgt. Ein prominentes Beispiel für diesen Gedankengang ist die Just-in-Time-Produktion der Automobilindustrie: Es wird nur mit den Teilen gearbeitet, die gerade wirklich benötigt werden – ein großer Vorrat von Teilen wird nicht angelegt, da dieser nur unnötige Kosten verursachen würde.

Im Bereich der Softwareentwicklung ist die Argumentation zwar eine andere, der Grundgedanke ist jedoch identisch. Da die Ressourcen eines Teams begrenzt sind, sollte es möglichst nur an Problemen arbeiten, die den Geschäftserfolg positiv beeinflussen (siehe "Ergebnisse statt Durchsatz"). Je weniger überflüssige Arbeiten, Dokumentationen oder Meetings dabei anfallen, desto effektiver arbeitet das Team. Im Rahmen von Lean UX gilt noch mehr als ohnehin schon die Überlegung: Was benötigt das Team wirklich, um effektiv zu arbeiten?

4. Kleine Arbeitspakete

Um die Verschwendung während der Produktion minimieren zu können, sind kleine Arbeitspakete nötig. Zu große bringen nämlich zwei Probleme mit sich: Zum einen erhöhen sie die Planungszeit, die benötigt wird, bevor mit der eigentlichen Arbeit angefangen werden kann. Zum anderen erhöhen sie das Risiko, unnötige Features zu planen und dann umzusetzen, da sich das wichtige Feedback der Kunden erst lange nach der großen Vorbereitung einholen lässt.

Auf die Softwareentwicklung übertragen bedeutet das, nur so viel zu planen, wie man auch tatsächlich in der nächsten Zeit umsetzen kann. Natürlich sollte es eine große Vision für das spätere Endprodukt geben, aber ein Vorlauf weniger Sprints für die konkrete Planung und das Design ist im Normalfall ausreichend. Außerdem wird so sichergestellt, dass sich das Feedback der Nutzer im Laufe der Entwicklung stets nutzen lässt. Denn wenn man nur für einen geringen Zeithorizont plant und entwirft, lassen sich Erkenntnisse, die in der Zwischenzeit vom Markt gesammelt wurden, direkt verwenden.

5. Ständiges Lernen

Die bisher beschriebenen Prinzipien setzen gezielt auf eine kurzfristige und flexible Planung. Durch diese Struktur ergibt sich ein Prinzip von Lean UX quasi von allein: ständiges Lernen. Wenn bei der Planung der nächsten Schritte die bisher in vergangenen Iterationen gemachten Erfahrungen – besonders hinsichtlich des Geschäftserfolgs einzelner Features – berücksichtigt werden, hat ein kontinuierlicher Lernprozess eingesetzt.

Allerdings geht die Idee bei Lean UX noch einen Schritt weiter. Denn statt nur auf die Resonanz des Markts in Form von Geschäftserfolg und Support-Anfragen zu warten, wird auf eine aktive Nutzerforschung gesetzt. Dabei werden sowohl objektive Messungen (z. B. "Wie viele Klicks?") als auch subjektive Wahrnehmungen (bspw. "Warum haben Nutzer geklickt?") eingesetzt. Wichtig ist hierbei vor allem, dass diese Forschung regelmäßig durchgeführt wird und das gesamte Team involviert ist.

6. Machen statt analysieren

Im Sinne von Lean UX kommt "Machen" vor "Analysieren". Die Idee hinter diesem Prinzip ist die Überlegung, dass nicht ein Team komplizierte Fragen im Rahmen langer Diskussionen beantwortet, sondern echte Nutzer. Und um Feedback von ihnen zu bekommen, braucht man eine nutz- und testbare Version seines Produkts oder seiner Idee.

Für das Vorankommen des eigenen Produkts ist es also deutlich sinnvoller, eine erste, einfache Version umzusetzen, statt zunächst alles von Anfang bis Ende perfekt zu planen. Laut dem Prinzip des ständigen Lernens hilft nämlich nur eine nutzbare Version dabei, direktes Feedback von Nutzern und vom Markt zu bekommen. Diese Rückmeldung – egal ob objektiv oder subjektiv – ist deutlich wertvoller und hilfreicher als stundenlange Diskussionen.

7. Lernen vor Wachstum

Das mehrfach erwähnte beständige Lernen ist gemäß Lean UX gerade zu Beginn wichtiger als Wachstum. Denn wird eine Idee skaliert, obwohl sie noch gar nicht durch den Markt und dessen Nutzer bestätigt wurde, birgt das immer ein Risiko. Um es zu minimieren und damit eine mögliche Verschwendung von Ressourcen zu verhindern, sollte man sich also erst in Richtung Wachstum orientieren, wenn man seine Idee validiert hat.

8. Misserfolge erlaubt

Bei so vielen Hypothesen, Experimenten und dem ständigen Lernen wird eine Sache sicherlich nicht ausbleiben: Misserfolge. Aber sie sind im Rahmen von Lean UX völlig normal und werden als Teil des Prozesses verstanden. Nur wer eine Idee ausprobiert hat und mit ihr gescheitert ist, kann Lehren für die Zukunft daraus ziehen. Hätte man stattdessen nur diskutiert und womöglich nichts probiert, hätte man weitaus weniger gelernt und wäre noch auf dem gleichen Wissensstand wie zuvor.

An diesem Punkt spielt die Fokussierung auf überschaubare Planungszeiträume und kleine Arbeitspakete eine wichtige Rolle. Denn nur so – ohne große Planungslasten, die man eventuell über den Haufen werfen muss – kann man es sich leisten, auch Misserfolge zu erlauben. Diese Kultur des Experimentierens ist manchmal nicht ganz einfach durchzusetzen, bringt auf lange Sicht aber die Gewissheit, auf experimentell bestätigtem Wissen aufzubauen.