Lean UX: Mit Start-up-Methoden zu einem besseren Produkt

Prozessmethoden

Prozessmethoden von Lean UX: So wird's gemacht

Neben diesen Grundprinzipien, die eine Art Mindset für die Umsetzung von Lean UX beschreiben, gibt es noch verschiedene Prozessmethoden. Das sind einzelne Werkzeuge, die im Rahmen eines Lean-UX-Prozesses eingesetzt werden, um zum gewünschten Erfolg zu kommen. Hier seien vier dieser Methoden vorgestellt und die wichtigsten Schritte beschrieben.

Annahmen überprüfen

Annahmen werden aufgestellt, um anschließend überprüft zu werden. Das allein ist noch keine spezielle Methodik. Bei der Methode geht es viel mehr um die Art und Weise der Priorisierung und damit um die Reihenfolge der Überprüfungen. Um dabei auch wirklich die dringendsten Annahmen zuerst zu abzuwägen, empfiehlt es sich, die Annahmen zunächst anhand der folgenden Kriterien zu bewerten (s. Abb. 3):

  1. Ist der Bereich, in dem die Annahme beheimatet ist, bekannt oder nicht? Hat man zum Beispiel eine Annahme hinsichtlich der technischen Umsetzung vor sich und kann den Bereich überhaupt nicht einschätzen, ist das ein klarer Indikator dafür, die Annahme zu "Bereich unbekannt" zuzuordnen.
  2. Welches Risiko bringt ein Scheitern der Annahme mit sich? Wenn die Auswirkungen eines Fehlschlags zu vernachlässigen sind, existiert folglich nur ein geringes Risiko. Ist jedoch der Geschäftsbetrieb vollständig bedroht, wäre dies ein hohes Risiko.

Anschließend gilt es, die Annahmen, die ein hohes Risiko darstellen und gleichzeitig in einem unbekannten Bereich liegen, anzugehen und schnellstmöglich zu überprüfen. So wird sichergestellt, dass einem später keine ernsten Probleme auf die Füße fallen.

Annahmen im blau gekennzeichneten Quadranten sollten unbedingt zuerst überprüft werden (nach [1]) (Abb. 3).


Collaborative Design

Entgegen der häufigen Praxis, dass UX-Experten und Visual Designer im stillen Kämmerlein an den Entwürfen eines neuen Produkts oder einer neuen Version arbeiten, steht beim Collaborative Design das gesamte Team im Vordergrund. Im Rahmen strukturierter Design-Workshops werden alle Teambereiche in die Entwicklung neuer Konzepte und Entwürfe einbezogen. So sind nicht nur Designer und UX-Spezialisten anwesend, sondern unter anderem auch Vertreter der Bereiche Entwicklung, Sales, Marketing und Support.

Die Idee dahinter: An den Schnittstellen zwischen den Bereichen wird Wissen ausgetauscht, wodurch oft auch neues Wissen entsteht. Genau das will man beim Collaborative Design nutzen. Jede der beteiligten Abteilungen hat eine eigene Sicht mit speziellen Anforderungen an das Produkt. Während die Sales-Abteilung häufig glamouröse Features fordert, ist dem Support ein solides Produkt ohne große Fallstricke am liebsten. Durch Collaborative Design erhält jede dieser Sichtweisen eine Stimme im Designprozess. Neben dem vertieften Wissen, das somit ins Design einfließt, schafft man ganz nebenbei noch eine gemeinsame Vision des eigenen Produkts im Team, denn alle waren irgendwie am Design beteiligt und können sich so damit identifizieren.

Minimum Viable Product

Das Minimum Viable Product (MVP) beschreibt eine der Kernmethoden von Lean UX. Es verdeutlicht die Konzentration auf das Wesentliche und somit die kleinstmögliche erste Version eines Produkts. Und diese gilt es dann – im Rahmen von Annahmen und Tests – direkt am Markt und mit echten Nutzern zu überprüfen.

Dabei muss das MVP längst nicht jede Funktion des fertigen Produkts enthalten. Es genügt vielmehr eine erste, einfache Version, die dem Nutzer bereits einen gewissen Mehrwert bietet. Durch die Einschränkung auf die wesentlichen Features ist ein MVP häufig schnell umsetzbar und somit auch geeignet, um Annahmen früh und kostengünstig zu überprüfen.

Collaborative Discovery

Ähnlich wie beim Collaborative Design steht auch bei der Collaborative Discovery das gesamte Team
im Mittelpunkt. Statt eines Experten ist das gesamte Team bei Usability-Tests oder Beobachtungen von Kunden und Nutzern dabei. Der offensichtlichste Vorteil liegt dabei in der Anzahl der Beobachter, denn mehr Augen sehen im Normalfall auch mehr Probleme.

Ein anderer wesentlicher Aspekt bei Collaborative Discovery liegt jedoch darin, dass auf diese Weise das gesamte Team mit eigenen Augen sieht, wo Probleme und Verbesserungspotenzial beim eigenen Produkt liegen. Auch wenn es trivial klingt, aber einen verzweifelten Nutzer selbst zu beobachten oder dessen Testvideo zu sehen, ist immer noch das wirkungsvollste Mittel, um Probleme offenzulegen.

Herausforderungen: Da ist noch mehr

Die hier beschriebenen Prinzipien und Methoden sind häufig eine große Herausforderung, wenn es um die Etablierung eines Lean-UX-Prozesses geht. Es sind nämlich nicht nur Strukturen zu ändern, sondern auch Denkweisen anzupassen.

Eine der wesentlichen Herausforderung im Zusammenhang mit Lean UX ist die nötige Änderung der Denkweise aller Beteiligten. Es ist nicht länger wichtig, "wie viel" in einem Sprint geschafft wird, sondern "was" für das Produkt erreicht wurde. Nur so macht es Sinn, auch Experimente, die natürlich scheitern können und werden, durchzuführen. Denn jedes Experiment bringt immer wieder einen Lernerfolg und somit einen Wissensgewinn mit sich. Und dieses kontinuierliche Lernen ist letztlich einer der Kernpunkte, die Lean UX ausmachen.

Eine strukturelle Herausforderung ist die Etablierung eines agilen Entwicklungsprozesses oder die Anpassung vorhandener Prozesse. Während die Einführung agiler Methoden ein Thema für Dutzende Bücher, Workshops und Trainingsprogramme sind, geht es bei der Anpassung vorhandener Prozesse besonders darum, Raum und Zeit für Lean UX zu schaffen. Ein zusätzliches Planungsmeeting muss genauso fest im Kalender stehen wie die gemeinsamen Ideenfindungsphasen und die gemeinsamen Usability-Tests. Nur so ist sichergestellt, dass Lean UX den nötigen Platz im Gesamtprozess bekommt und nicht nach kurzer Zeit wieder verschwindet.

Neben dieser Prozessanpassung sind allerdings auch Strukturen in der Organisation zu ändern. Teams müssen neu organisiert und eingerichtet werden. Sie benötigen Platz für die anstehenden Ideenfindungs-Meetings, für Usability-Tests und um sich mit anderen Teams austauschen zu können. Nur eine gute Kommunikation in und zwischen Teams führt zu guten Ergebnissen und einem Wissensgewinn.