Lingua franca

Babel-Bulletin  –  21 Kommentare

Neulich las ich einen Artikel darüber, welche Probleme Programmierer aus englischsprachigen Ländern mit ihren eigenen Schlüsselwörtern hatten. Caroline Eastman schrieb in ihrem Artikel "A comment on English neologisms and programming language keywords" neben vielen anderen lesenswerten Dingen über die Spiegelwörter. Damals war es nämlich noch schick, einen durch ein Schlüsselwort eingeleiteten Block mit dem gespiegelten Schlüsselwort zu beenden.

Der Artikel war von Ende 1982 und damit schon ein bisschen älter. Und in den Achtzigerjahren war vieles anders. ABBA hatte sich in dem Jahr getrennt, Nicole sang großpreisig über "Ein bisschen Frieden"; "Der Kommissar" wurde von Falco besungen; Paul McCartney sang zusammen mit Stevie Wonder über die Wichtigkeit des friedlichen Nebeneinanders ebenhölzerner und elfenbeiniger Klaviertasten ("Ebony & Ivory"); Markus trällerte davon, Spaß haben zu wollen ("Ich will Spaß"), Culture Club wollte nicht länger verletzt werden ("Do You Really Want To Hurt Me"); und Nena würde nur wenige Wochen später ihren Welterfolg mit "99 Luftballons" starten.

Über die für die Zeit all zu typischen Klamotten und Frisuren will man – so man je darin beziehungsweise damit abgelichtet wurde – lieber nichts sagen. Wer sich nichts (mehr) darunter vorstellen kann, muss sich einfach nur alte Musikvideos von Madonna anschauen oder Filme wie "Susan … verzweifelt gesucht" (Desperatly Seeking Susan, 1985), "Der Frühstücksclub" (Breakfast Club, 1985) und "Die Waffen der Frauen" (Working Girl, 1988). Nicht so repräsentativ für modische Aspekte, aber dafür umso sehenswerter waren "Blade Runner" (1982), der erste Indianer-Jones-Film "Raiders of the Lost Ark" (1981) und die Star-Wars-Episode VI "Return of the Jedi " (1983) – wie es der Zufall will, alle mit Harrison Ford und allesamt in den Top 250 der imdb (Plätze 116, 22 und 107). Auf Michael Jacksons "Thriller" (1983) und das dazugehörige erfolgreichste und meist verkaufte Album aller Zeiten würde man noch fast ein Jahr warten müssen.

Der IBM-PC hatte aber schon im Jahr zuvor das Licht der Welt erblickt, sein kompatibler Klon stand schon in den Startlöchern. Die meisten Einheiten verkaufte allerdings Commodore mit dem C64 (von dem jetzt eine moderne Neuauflage erscheinen wird), noch vor Apple mit dem Apple II, der sich auch nach fünf Jahren noch wie warme Semmeln verkaufte. Den Amiga und den Atari ST gab es noch nicht. Und das Betriebssystem aus dem Hause Gates hieß noch PC-DOS und konkurrierte mit CP/M, das aber verlor.

Unter den Programmiersprachen tauchte nach acht Jahren die neue Version Smalltalk-80 auf, aus dem wenig später Objective-C hervorgehen würde – noch vor C++. DBase II beherrschte die kleinen Datenbankanwendungen und Clipper, FoxPro und Paradox würden bald auf dem Markt erscheinen. Postscript ermöglichte nie da Gewesenes auf Druckern, Ada 83 tilgte die Schwächen des Originals und Turbo Pascal revolutionierte das Arbeiten mit integrierten Entwicklungsumgebungen (für all diejenigen, die von Smalltalk noch nie etwas gehört hatten).

Wenn man bedenkt, dass "moderne" Compiler damals schon mehr als dreißig Jahre auf dem Buckel hatten, ist es schon erstaunlich, dass man sich erst in den Achtzigern mit dem Problem der durch den Compilerbau neu geschaffenen Wörter, dieser Neologismen, annahm. Der Artikel stellt klar heraus, dass die Spiegelwörter nicht gern gesehen sind, weil sie offensichtlich unsinnig sind. Den Compiler-Bauern ist das in der Regel völlig egal, denn ein Schlüsselwort kann nicht unsinnig genug sein – schließlich kann der Übersetzer nicht wirklich "lesen".

Die gespiegelten Schlüsselwörter fi, od und esac wurden zwar schon in Algol 68 eingeführt, Ausläufer davon finden sich aber auch heute noch in der bash, der Achtzigerjahre-Version der Bourne-Shell, der Mutter aller Unix-Shells, die seit 1977 (damals unter Unix V7) zu finden ist. Die Spiegelwörter sind nicht intuitiv (auch wenn sie, wenn man es weiß, leicht ableitbar sind) und stören den Lesefluss. Erstaunlicherweise sind Abkürzungen in Ordnung – aber das könnte durch den krankhaften Zwang in der IT-Branche begründet sein, alles auf ideale drei Buchstaben abzukürzen. So sind proc oder fun würdige Abkürzungen für procedure und function; für letzteres fn zu benutzen ist da schon grenzwertig.

Zu einer anderen akzeptablen Form gehören mehr oder weniger neu zusammengesetzte Wörter. So ist beispielsweise goto ein inzwischen akzeptiertes "Wort", obwohl es eigentlich go to heißen müsste. Desgleichen gilt für elseif, wenngleich in diversen Sprachen auch die Alternativen elsif oder elif existieren. Auch hier hieße es korrekt eigentlich else if, aber dies erfordert möglicherweise ein anderes, unübersichtliches Einrücken.

Wenn Frau Eastman aber schon die "Native-Speaker" bemitleidet, was sollen denn dann all diejenigen sagen, für die Englisch eine Fremdsprache ist. Und das losgelöst davon, dass Englisch mit Zeichen geschrieben wird, die für viele Menschen auf der Welt wie chinesische Zeichen für die meisten von uns sind.

Eine Unterhaltung mit Kollegen brachte es ans Licht: Die meisten Softwareentwickler müssen ohnehin Englisch lernen, um die Dokumentation lesen zu können; also können sie auch ein paar fremdsprachliche Schlüsselwörter verstehen. Bei Wörtern wie if oder goto, sogar bei extends oder implements stimme ich dem ja auch fast zu. Ein bisschen schwieriger ist es da mit Exoten wie coerces und comprises. (An dieser Stelle würde mich interessieren, ob sich jemand – ohne zu schummeln – vorstellen kann, wozu diese Wörter gut sein könnten.)

Jetzt stellt sich auch die Frage, ob da ein internationalisiertes Schlüsselwort Abhilfe schaffen könnte. Tatsächlich hat es mit Algol schon die Möglichkeit gegeben, eine deutschsprachige Variante zu nutzen. Anstatt if x < y then konnte man also wenn x < y dann schreiben. Schwieriger wird es mit Wörtern, die im Englischen so plausibel klingen, wie end if. Schreiben wir da ende wenn? Oder bei "Gettern" und "Settern": Heißen die "Leser" und "Schreiber", "Bekommer" und "Setzer"? Und schreiben wir setzeX und leseX?

Das Englische scheint hier einfach besser geeignet – natürlicher –, auch wenn eine Internationalisierung viele Vorteile hätte. Ja, Nachteile gibt es natürlich auch, speziell im Zusammenhang mit der Portierung oder internationalen Bereitstellung von Bibliotheken. Aber mit einem geeigneten Konzept wäre selbst das möglich.

Im Grunde ist es eigentlich egal, man gewöhnt sich ja an fast alles. Aber mit dem Englischen ist es halt einfacher. Schließlich gibt es im englischsprachigen Raum auch Frauennamen wie Jahreszeiten, US-amerikanische Bundesstaaten und Blumen. Einige wenige davon findet man ähnlich auch hier in Europa, aber beim besten Willen kein erfolgreiches Unternehmen, das "Apfel" heißt.