OOP 2017: Liebe zum Detail

Neben bewährten Themen wie Microservices und Agile Transformation hatte die OOP-Konferenz dieses Jahr neue Tracks zu moderner Softwareentwicklung und zum Wechselspiel zwischen IT und Gesellschaft. Einige Trendthemen ließ sie jedoch außen vor.

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OOP 2017: Liebe zum Detail

Die OOP in München blickt auf eine lange Geschichte mit inzwischen 26 Auflagen zurück. In den Anfängen war der Konferenzname eine Anlehnung an die objektorientierte Programmierung. Bjarne Stroutstrup hatte das Standardwerk zu C++ in der zweiten Edition veröffentlicht, und Java stand in den Startlöchern, um Mitte der neunziger Jahre einen einzigartigen Siegeszug anzutreten. Seinerzeit entstand mit CORBA zudem eine Idee, die sich in gewisser Weise in den heutigen Microservices wiederfindet: Die Common Object Request Broker Architecture setzte auf verteilte Objekte zur Kommunikation zwischen Anwendungen. Inzwischen ist OOP zum festen Namen der Konferenz geworden, den vor allem jüngere Teilnehmer kaum mit der ursprünglichen Bedeutung verbinden dürften.

Nachdem im Vorjahr der jahrelange Untertitel "Software Meets Business" zum Motto der Konferenz aufstieg, findet er sich 2017 wieder unter dem OOP-Logo. Das diesjährige Motto "Details Matter" soll den Blick auf die Kleinigkeiten schärfen, die einen großen Unterschied bewirken können. Jutta Eckstein, Technical Chair der Konferenz, bringt im Programmheft das Beispiel der Venussonde Mariner, die sich 290 Sekunden nach dem Start selbst zerstörte. Eine verbreitete Erklärung dafür ist ein fehlerhaftes Zeichen im Fortran-Programm: Ein Punkt statt eines Kommas führte dazu, dass das System eine Schleife als Variable interpretierte. Ein Fehler im Detail mit fatalen Folgen.

Der Track "Software Architecture – Do Details Matter?" widmete sich dem Thema aus der Architekturperspektive, aber das Motto fand sich auch in anderen Vorträgen wieder, und einige Sprecher brachten es zumindest am Rande in ihre Sessions ein. Ein Dauerbrenner ist das Thema Agile, das wieder einen der umfangreichsten eigenen Tracks erhielt. Interessante Einblicke gab es dazu auch in anderen Sessions, darunter die Erfahrungen aus einem agilen Team, in dem Entwickler plötzlich (und anfangs widerwillig) testen müssen und Tester Code schreiben. Bevor das Vorgehen zu mehr Produktivität führte, musste die Sprecherin viel Überzeugungsarbeit leisten und Widerstände überwinden.

Wie im Vorjahr gab es Graphical Recording einiger Sessions.

Ein weiterer Schwerpunkt lag erneut auf dem Thema Microservices. Auch dazu gab es neben den gewohnten Inhalten interessante neue Perspektiven. So warf ein Vortrag einen Blick darauf, wie eine Benutzerschnittstelle die einzelnen Dienste zusammenführt und wo dabei die Grenzen der Verteilung liegen. Ein anderer widmete sich unter dem Titel "Seven (More) Deadly Sins of Microservices" den Anti-Patterns, die Softwarearchitekten tunlichst vermeiden sollten.

Der neue Track "SocITy" thematisierte die Verknüpfung von Informationstechnologie und Gesellschaft. Ein Vortrag beleuchtete das Thema Neuro-Diversität, unter anderem mit Autisten in der Softwareentwicklung. Ein anderer präsentierte eine Web-Individualschule, die Unterricht per Skype für Kinder anbietet, die durch das Raster der Regelschule fallen.

Für Softwareentwickler, die über den Tellerrand schauen wollen, gab der neu eingeführte Track "Modern Programming" interessante Ein- und Ausblicke. Dazu gehörten konkrete Themen wie Webanwendungen mit Clojure oder Android-Apps mit Kotlin, aber auch generelle Sessions wie "Moderne Sprachen für moderne Probleme". Ein Vortrag widmete sich der polyglotten Softwareentwicklung anhand eines Open-Source-Projekts, das den gesamten Entwicklungszyklus vom Einrichten der Werkzeuge bis zur Dokumentation in Code abbildet. Dabei stand die Erkenntnis am Anfang, dass es die perfekte Programmiersprache nicht gibt und selbst für spezifische Aufgaben Entwickler unterschiedliche Vorlieben haben.

Einen ähnlich breit gefächerten Ausblick brachte der Track "Modern Architecture" für Softwarearchitekten. Unter anderem bekamen die Zuhörer eine Einführung in den Umgang mit serverlosen Architekturen mit AWS Lambda und Azure Functions. Dabei bewiesen die Sprecher mit Live-Demos, dass sich innerhalb einer halben Stunde ein voll funktionsfähiges Projekt in der Cloud aufsetzen lässt.

Allerdings hatte der Blick auf moderne Themen einige auffällige Lücken. So gab es kaum Vorträge, die sich schwerpunktmäßig dem Thema Internet der Dinge widmeten. Auch zu Blockchain gab es nur drei Sessions. Der Bereich maschinelles Lernen blieb nahezu komplett außen vor. Wer sich für den Themenkomplex interessierte fand jedoch am mittleren Konferenztag mit dem kostenlosen Intel AI Day eine Kooperationsveranstaltung, die laut Veranstaltern insgesamt etwa 350 Besucher zählte. Dort ging es weitgehend um die Intel-eigene Hardware und Software zum Thema sowie die Perspektiven im Bereich künstliche Intelligenz. Im Vordergrund stand das Nervana-Portfolio, das aus der Übernahme des gleichnamigen Unternehmens hervorgegangen ist.

Marie Moe zeigt eine Fehlermeldung des Herzschrittmachers.

In der Eröffnungskeynote warf Marie Moe einen ganz persönlichen Blick auf die IT-Sicherheit. Die Expertin für Informationssicherheit trägt einen Herzschrittmacher und beschäftigte sich aus persönlichem und beruflichem Interesse intensiv damit, wie sicher das für sie lebenswichtige Gerät ist. Da von offizieller Seite wenige Informationen existieren, hat sie ein Hacking-Projekt gestartet. Zudem musste sie einige Dinge am eigenen Körper erfahren: So ging ihr beim Treppensteigen die Puste aus, weil das Gerät der zu hohen Pulsfrequenz entgegensteuern wollte. Bei der Anpassung in der Klinik stolperte sie über einen Rechenfehler im System. Ein anderes Mal führte ein Datenfehler während eines Flugs zu einem Notfall. Auch wenn es bisher keine bekannten Angriffe gibt, sind Crash-Attacken oder das böswillige Entladen des Akkus durchaus realisierbar und als besonders skrupellose Ransom-Hacks vorstellbar.

Deutlich beschwingter ging es in der Keynote von Frank Simon zu, der im Vorstand des German Testing Boards sitzt. Er erklärte das Zusammenspiel vieler Details zu einem großen Ganzen auf ganz anschauliche, oder besser hörbare Weise: Die Zuhörer sollten zu Beginn eine beliebige Piano-App auf ihr Smartphone oder Tablet laden, um dann das Klavier und die Querflöte auf der Bühne musikalisch zu begleiten. So erklärte Frank Simon auf unterhaltsame Weise, dass eine Testabdeckung oft zu gering ist, und dass der Test einzelner Komponenten ebenso wichtig ist wie der des großen Ganzen. Außerdem verhalten sich losgelöste Teile – im konkreten Fall das Auditorium ohne Begleitung von der Bühne – anders als im Kontext.

Frank Simon vom German Testing Board am Flügel

Ebenso musikalisch war die Keynote vom mp3-Miterfinder Karlheinz Brandenburg, der sich dem Traum vom perfekten Klangerlebnis widmete und den Zuhörern erklärte, dass der reine Blick auf technische Aspekte nicht genügt. Schon für die Komprimierungsverfahren mussten die Macher die Biologie des Ohres verstehen. Ebenso spielt die Psychologie eine entscheidende Rolle: Mit "was wir hören, ist das was wir erwarten" erklärt er beispielsweise dass eine überwiegende Zahl von Testteilnehmern den Klang einer Schallplatte als besser empfanden als den vom Computer, obwohl die Vinylscheibe lediglich das erwartete Anfangsknistern zu exakt denselben Daten hinzufügte. Ebenso wirkt ein Raumklang mit geschlossenen Kopfhörern in einem Konzertsaal besser als in einem engen Raum, obwohl die Ohren dabei denselben Klang empfangen.

Der 26. OOP ist der Spagat zwischen Details und dem Gesamtüberblick ebenso gelungen wie der zwischen traditionellen Themen und dem Blick nach vorn, auch wenn einige Trends etwas zu kurz kamen. Wie im Vorjahr gab es insgesamt 130 Vorträge. Der Veranstalter Sigs Datacom meldete etwa 2000 Teilnehmer und Besucher. Der Rahmen der OOP bot mit insgesamt 90 Ausstellern sowie Abendveranstaltungen reichlich Gelegenheit zum Austausch mit zahlreichen Firmen, anderen Teilnehmern und den Sprechern. (rme)