Preis- und Lizenzgestaltung von Software außerhalb der USA

Kais bewegtes Web  –  20 Kommentare

Vorbemerkung: Das hier gezeigte Beispiel von Adobes Creative Suite und Creative Cloud stellt nur eine von vielen Situationen dar, in denen die Preisdiskussion hochkocht und wurde von mir ausgewählt, da ich nun einmal viel mit Adobes Software zu tun habe. Andere Soft- und Hardware-Hersteller spielen genau das gleiche Spiel mit ihren Kunden und verhalten sich in keiner Weise besser oder fairer.

Alle Jahre wieder. Es erscheint eine neue Version von Adobes Creative Suite, der US-Dollar-Preis bewegt sich je nach gewählter Version und Konfiguration im Bereich von 1599 bis 2599 US-Dollar. Preise außerhalb der USA sind jedoch je nach Land und Währung zwischen 15 und 50 Prozent höher als der "fiktive Preis", der sich durch die Umrechnung von US-Dollar in die jeweilige Landeswährung ergäbe.

Die Gründe dafür lassen sich im Wesentlichen in zwei Kategorien unterteilen: nachvollziehbare Gründe und Marketing-Blabla. In die erste Kategorie fallen beispielsweise:

  • Unterschiede in der lokalen USt/VAT/GST-Besteuerung. US-Preise sind in der Regel immer ohne lokale Steuern angegeben (die je nach US-Bundesstaat unterschiedlich hoch sein können). Diese lokalen Besteuerungsunterschiede können in der Regel einen Unterschied von bis zu 20 Prozent rechtfertigen. In Australien beträgt die GST beispielsweise 10, hier in Neuseeland 15 Prozent.
  • Kosten für die internationale Auslieferung und Lagerhaltung von sogenannter Box-Software für Retail-Vertrieb. Auch hierfür bin ich durchaus bereit, einem Softwarehersteller einen gewissen Spielraum einzuräumen. Es wäre interessant zu erfahren, wo die Boxen mit den DVDs hergestellt werden. Sollte das (wie ich stark vermute) in China sein, ist dieser Spielraum schon wieder kaum zu rechtfertigen.
  • "Das sind nur Listenpreise und nicht die tatsächlichen Straßenpreise". Klar – soweit richtig. Aber in den USA gibt es keine (noch billigeren) Straßenpreise als die US-Dollar-Listenpreise, oder wie?
  • "Wir müssen uns gegen Wechselkursschwankungen absichern". Auch das ist prinzipiell richtig. Aber wie viel Spielraum ist hier gerechtfertigt, und warum bleiben dann Euro, AU-$ oder NZ-$ immer hoch, egal in welcher Richtung sich der US-$-Kurs bewegt?
  • "Wir passen die Preise den Bedürfnissen des Markts an". Marketing-Sprache für: "Wir versuchen den höchstmöglichen Preis aus dem Kunden im Land X, Y oder Z herauszuquetschen".
  • "Lokalisierungskosten". Akzeptiert für Sprachen wie Deutsch, Französisch etc. Aber auch für Locales wie en_UK, en_AU oder en_NZ? Ich persönlich habe noch nie eine auf neuseeländisches Englisch lokalisierte Version von Creative Suite gesehen.
  • "Kosten für lokalen Support". Jeglicher technische Support, mit dem ich bislang zu tun hatte, wurde durch ein Callcenter in Indien abgewickelt. Adobe stellt mir in Neuseeland eine lokale 0800-Nummer zur Verfügung. Kaum eine Rechtfertigung für überhöhte Preise.

Adobe CS 6 Master Collection: US$ 2599 im US-Shop.

Wenn ich aus Neuseeland bestellen wollte, ist der Preis AU$ 3949 (neuseeländische Preise werden mir erst gar nicht angezeigt), das entspricht NZ$ 5135,16 (oder: US$ 4176,63)

Dieser Online-Preis ist übrigens GST-frei, da es sich um ein Download-Produkt handelt. Also vergleichen wir hier Gleiches mit Gleichem.

Was das im Resultat bedeutet ist, dass Adobe mir für das Vergnügen aus Neuseeland zu bestellen, 1577,63 US-Dollar mehr berechnet als einem Kunden in den USA. Das entspricht NZ$ 1939,70 – und für diese Summe kann ich problemlos von Neuseeland in die USA fliegen (z.B. nach Honolulu) und mir sogar noch zwei oder drei schöne Tage in Waikiki Beach machen. Klasse!

Alternativen: der Kunde kauft sich die Lizenz von seinem Heimatland aus mit der Kreditkarte eines Freundes in den USA. Oder der Kunde ist so frustriert von dieser Abzocke, dass er/sie sich einfach eine Raubkopie besorgt. Gibt es eigentlich Studien darüber, welcher Anteil von Nutzern einer Software ins Raubkopierertum getrieben wird, weil sie sich von Softwareherstellern einfach nicht derartig behandeln lassen wollen?

Um das noch einmal zu betonen: Adobe ist nur die Spitze des Eisbergs. Apple, Microsoft, Oracle und andere spielen alle das gleiche Spiel mit uns als Kunden.

Es wird noch besser: Man sollte nun denken, dass in Zeiten von Cloud-Subscriptions wie Adobes zugegebenermaßen wirklich gelungener Creative Cloud alles besser werde. Leider falsch gedacht. Wer sich mal die Mühe macht, seine lokalen Creative Cloud-Preise in US$ umzurechnen, wird feststellen, dass sich nichts geändert hat – die Preise sind außerhalb der USA immer noch deutlich höher. Der (Spar-)Effekt ist abgemildert, weil wir von Verhältnissen wie ca. 50 US-$ zu 70 australischen Dollar etc. pro Monat reden, was aber nichts am zugrunde liegenden Problem ändert.

Nun ermittelt zumindest ein Komittee des australischen Parlamentes gegen verschiedene Softwarehersteller die in Australien aktiv sind. Das wird auch Zeit.