Umfrage: Informatikfakultäten bescheinigen sich Praxisrelevanz

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Nicht selten wirft man den IT-Lehrstühlen der deutschen Universitäten und Fachhochschulen Praxisferne vor. Ein Blick auf die Ergebnisse einer Befragung der Informatik-Fakultäten durch die iX und heise Developer lässt das ungerechtfertigt erscheinen.

Die Informatik als eigenständiges Studienfach gibt es in Deutschland seit dem Wintersemester 1969/1970, als die Universität Karlsruhe mit der Ausbildung von Diplom-Informatikern begann. Sie hat sich als wissenschaftliche Disziplin aus der Mathematik herausgebildet, die zumindest im Informatik-Grundstudium eine gewichtige Rolle einnimmt und immer noch als Hauptgrund gelten darf für zahlreiche frühzeitig beendete Hochschulkarrieren. Darüber hinaus finden sich bei allen Universitäten und Fachhochschulen praktische und theoretische Informatikveranstaltungen.

Über die Jahre hinweg haben sich die Anforderungen, die mit dem Fach Informatik einhergehen, verständlicherweise stark verändert, sowohl von technischer Seite als auch durch die Erwartungen seitens der IT-Industrie. Letztere, vielerorts als Schlüsselindustrie gepriesen, hat denn immer wieder Einfluss auf die Lehrpläne und auf die Ausrichtung des Studiums nehmen wollen und genommen. Dazu gehören Äußerungen, dass es der an den Hochschulen gelehrten Informatik an Praxisrelevanz fehle. Viele Universitäten haben reagiert beziehungsweise das Informatikdiplom durch Bachelor- und Masterstudiengänge ersetzt, wodurch zu einem früheren Zeitpunkt des Studiums als vorher der Praxisanteil eine höhere Gewichtung hat.

Bei der TU München, die den Wechsel 2005 vorgenommen hat, findet man laut Florian Matthes, Dekan der Informatikfakultät, im Master-Studium nur noch 25 Prozent der Theorie des früheren Diplom-Studiengangs. Erfreulich ist für die Fakultät, dass sich seitdem der Schwund an Studenten, die der Universität im Lauf des Studiums den Rücken gekehrt haben, deutlich verringert hat. Gegenüber 50 Prozent aus dem Jahr 2002 sind es nun nur noch etwa 30 Prozent. Auf die Zahl mögen aber auch die Einführung eines Eignungsfeststellungsverfahrens im Vorfeld des Studiums und deutlich erhöhte Studiengebühren Einfluss genommen haben, räumt Matthes ein.

Eine Umfrage der Zeitschrift OBJEKTspektrum kam gar zum Ergebnis, dass die Ausbildung an den IT-Lehrstühlen in vielen Bereichen "nicht einmal ausreichend" ist. Insbesondere, inwiefern man die praxisrelevante Fertigkeit "Testen" antrifft, wich in der Erhebung stark von der von Hochschulen und Industrieträgern prognostizierten Bedeutung ab. Etwa ein Drittel der Befragten konnte sich zu einem "ausreichend" für die Studienabgänger durchringen, und knapp 60 Prozent gaben an, "dass selbst gute Absolventen Testen unzureichend bis gar nicht beherrschten". Etwas besser, aber bei Weitem nicht gut schnitten in der Umfrage andere Fertigkeiten wie Programmieren, Fehlersuche und Refaktorisieren ab.

Gehört zur Informatikerausbildung ein umfangreiches Programmierprojekt (Abb. 1)

Wie es um das Verhältnis von Theorie und Praxis an den Informatik-Lehrstühlen der deutschen Universitäten und Fachhochschulen steht, war eines der Ziele, die die iX und heise Developer in einer Befragung unter den Informatiklehrstühlen herausfinden wollte. Von den 135 ermittelten Instituten haben sich 53 an der Aktion beteiligt. Mit Ausnahme einer Hochschule ist ihnen gemein, dass zur Informatikerausbildung ein umfangreiches Programmierprojekt mit mehr als 1000 Codezeilen gehört. Das können die Studenten bei drei Instituten als Einzelarbeit erledigen, in 32 Fällen haben sie es im Rahmen einer Gruppenarbeit zu absolvieren. Bei 17 Universitäten geht die Umsetzung sowohl als Einzel- als auch im Rahmen einer Gruppenarbeit.

Eine wichtige Frage ist, wie viel Prozent des Lehrangebots eher theoretischer Natur ist und wie viel man zur angewandten Softwareentwicklung zählen kann. Hierfür einen Durchschnittswert zu ermitteln ist nicht einfach, denn die Angaben weichen stark voneinander ab. Es gibt Lehrstühle, die ihr Programm mit einem Verhältnis von neun zu eins zugunsten der Theorie charakterisieren, und umgekehrt findet sich eine Reihe Universitäten, die das gleiche Verhältnis zugunsten der Praxis umkehren.

Zwei Drittel aller Hochschulen gaben an, dass der Praxisanteil höher anzusiedeln sei als der der Theorie. Auf ein ausgewogenes Verhältnis legen sechs Lehrstühle wert, der Rest setzt den Schwerpunkt auf die theoretischen Inhalte. Ein Unterschied von mehr als 30 Prozent zwischen Theorie und Praxis findet sich bei rund drei Fünftel der Befragten, bei einem von 40 Prozent sind es noch zwei Fünftel.