Virtuell vereint: Wann Teams remote und/oder vor Ort gut zusammenarbeiten

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Die erste Folge von "Götz & Golo" war ein Plädoyer für eine offene und tolerante Kommunikation in der IT-Unternehmenskultur. Eine Kernaussage war, dass Softwareentwicklung in interdisziplinären Teams stattfindet. Doch was ist ein Team? Gehört dazu eine zeitlich abgestimmte, gemeinsame Präsenz an einem Ort? Oder funktioniert das auch "remote"?

In vielen Unternehmen wird regelmäßig um die Frage gestritten, wie viel Remote-Arbeit zulässig, angemessen und erwünscht ist. Einige Unternehmen lehnen sie gänzlich ab, weil man dann keine Kontrolle über die Arbeitnehmer mehr habe. Andere Unternehmen fordern und fördern sie explizit, weil sie eine "Remote-only- und Results-Only Work Environment" (ROWE) in den Vordergrund rücken.

Die meisten Unternehmen allerdings bewegen sich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen, die von Angst beziehungsweise Vertrauen getrieben sind: Remote ist ab und zu schon in Ordnung, aber dann doch nicht zu oft erwünscht. Schließlich hat auch beides, vor Ort oder remote zu arbeiten, seine jeweiligen Vor- und Nachteile, warum also nicht das Beste aus beiden Welten vereinen?

Wo Licht ist …

Götz & Golo

"Götz & Golo" ist eine gemeinsame Serie von Götz Martinek und Golo Roden. Der eine ist Geschäftsführer der sodge IT GmbH, der andere CTO der the native web GmbH. Was die beiden vereint, ist ihre große Leidenschaft für die Entwicklung von Software. Seit September 2019 nehmen sie sich monatlich ein Thema vor, zu dem dann jeder seine individuelle Perspektive beschreibt, ohne den Artikel des jeweils anderen im Vorfeld zu kennen. Der zugehörige Artikel von Götz findet sich im Blog von sodge IT. Die Fragestellung zu diesem Beitrag lautete "Wollen wir wirklich orts- und zeitunabhängig arbeiten?".

Fragt man nach den Vorteilen von Arbeit vor Ort, werden fast immer die gleichen Argumente genannt. Vor Ort zusammenzuarbeiten fördere den persönlichen Kontakt und Austausch, und man habe kurze und informelle Wege für den Austausch von Informationen. Arbeit sei schließlich mehr als nur Arbeit, sondern auch ein soziales Gefüge, und das funktioniere nun einmal am besten im persönlichen Kontakt, weil virtuell zu viele Aspekte wie Gestik und Mimik entfallen würden.

Dem werden allerdings auch stets die gleichen Nachteile gegenübergestellt, was häufig zugleich mit den Vorteilen für Remote einhergeht. Kritisiert wird zum Beispiel der Zeitaufwand für Anfahrten, die bei bei der Remote-Arbeit gänzlich entfallen, weshalb bei Remote letztlich mehr Zeit für sinnvolle Tätigkeiten bleibe. Gerade deshalb sei Remote-Arbeit auch weitaus besser mit der Familie vereinbar, weil man sich die Zeit besser einteilen und auch zwischendurch einmal etwas erledigen könne. Außerdem laufe man bei kurzen Wegen Gefahr, ständig jemanden bei der Arbeit zu unterbrechen. Da Remote häufig auf asynchroner Kommunikation basiert, müsse man sich hier mehr eigene Gedanken machen, bevor man um Hilfe frage.

Aus Unternehmenssicht spreche für die Remote-Arbeit außerdem, dass es viel einfacher sei, Mitarbeiter zu finden, weil sich nicht mehr alle auf eine Stadt einigen müssen. Lässt man nicht nur orts-, sondern auch zeitunabhängiges Arbeiten zu, könne man auf dem Weg mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern arbeiten, die über die ganze Welt verteilt sind. Das sei zeitgemäßer und passe auch besser in die virtuelle Welt, die von Haus aus eher global funktioniert.

… ist auch Schatten

Doch auch bei Remote gibt es Nachteile. Beispielsweise müsse man aufpassen, dass die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht dazu führe, dass die Grenzen verwischen und man zu viel arbeite und gedanklich nicht mehr loslasse. Auch sei eine höhere Selbstdisziplin erforderlich, um sich gelegentlich auch ohne das entsprechende Umfeld aufzuraffen. Und asynchrone Kommunikation sei nicht jedermanns Sache. Zudem gebe es Probleme, die sich ohnehin besser persönlich klären lassen.

Nimmt man das alles zusammen, liegt die Schlussfolgerung nahe, eine Mischung zuzulassen: Auf diesem Weg, so die Hoffnung, erhält man tatsächlich das Beste aus beiden Welten. Schaut man sich allerdings die Realität an, bekommt man häufig jedoch eher den Eindruck, dass es sich bei diesem Mix um das Schlechteste aus beiden Welten handelt.

Gerade gemischte Teams, die teilweise vor Ort und teilweise remote arbeiten, funktionieren nicht gut, wie praktisch jedes Meeting mit einem zugeschalteten Remote-Teilnehmer zeigt. Dieser ist in der Regel bereits nach wenigen Minuten vergessen, und die Audioverbindung lässt häufig in beide Richtungen stark zu wünschen übrig – von der teilweise mangelhaften Anbindung, die eine vernünftige Videoverbindung verhindert, ganz zu schweigen.

Für alle die gleichen Voraussetzungen

Nun könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Nachteile der Remote-Arbeit überwiegen, zumal die klassische Arbeit vor Ort bereits seit Jahrzehnten bewiesen hat, dass sie funktioniert. Ein wunderbares Gegenbeispiel ist jedoch die Open-Source-Bewegung, bei der zahlreiche Projekte ausschließlich remote arbeiten – und das sogar unter der verschärften Bedingung, dass sich die einzelnen Beitragenden in der Regel noch nicht einmal persönlich kennen.

Was all diejenigen, die gemeinsam an einem Open-Source-Projekt arbeiten, jedoch vereint, ist die Motivation, ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Außerdem sind sie intrinsisch motiviert, da die Arbeit an Open Source auf freiwilliger Basis erfolgt. Auch der US-amerikanische Unternehmer Joel Spolsky hat das vor inzwischen fast 15 Jahren in seinem äußerst lesenswerten Blogeintrag "The Identity Management Method" festgehalten: Ein Team, das an der Sache interessiert und daher intrinsisch motiviert ist, erreicht mehr, als ein Team, das nur durch finanzielle Anreize oder Kontrolle und Gehorsam motiviert wird.

Daraus lässt sich schließen, dass Teamarbeit vor allem dann funktioniert, wenn ein Team von sich aus motiviert ist, und wenn für alle Teammitglieder die gleichen Voraussetzungen gelten, das heißt, wenn entweder alle vor Ort oder alle remote arbeiten. In dem Fall wird es nämlich möglich, dass eine Gruppe als Gemeinschaft funktioniert und nicht als ein mehr oder minder beliebiger Haufen von Einzelkämpfern. Und genau das ist es, was gute Teams auszeichnet: Sie arbeiten als Gemeinschaft.

Gemeinsam mehr erreichen

Ein gutes Team funktioniert als Gruppe, die ihre Ziele gemeinsam erreicht. Es geht zum Beispiel in einem guten Team nicht darum, wer einen Fehler gemacht hat, sondern wie man einen Fehler beheben und anschließend verhindern kann, dass er noch einmal auftritt. Wie auch beim Sport gewinnt man in einem guten Team gemeinsam – oder man verliert gemeinsam. Das heißt, ein gutes und erfolgreiches Team braucht vor allem ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Und worüber lässt sich das besser herstellen als über gemeinsame Ziele und Ideale?

Ob man dabei dann vor Ort oder remote entwickelt, spielt am Ende keine Rolle. Für die einen funktioniert das eine besser, für die anderen das andere. Hier gibt es also kein pauschales Richtig oder Falsch, es hängt immer von der jeweiligen Situation und den einzelnen Menschen ab. Wichtig ist nur, sich für eine der beiden Möglichkeiten zu entscheiden, und diese dann zielstrebig und ernsthaft zu verfolgen.

Halbherzige Maßnahmen wie "x Tage remote pro Monat" sind dabei eher hinderlich und führen häufig zu Unmut. Wer es aber schafft, die Arbeit vor Ort oder auch remote auf eine solide Basis zu stellen, dessen Team wird gemeinsam mehr erreichen.

tl;dr: Bei der Frage nach Arbeit vor Ort oder remote gibt es keine pauschale Antwort. Teams funktionieren dann gut, wenn sie gemeinsame Ziele und Ideale aus eigenem Antrieb verfolgen. Wie das dann organisiert wird, ist zweitrangig – sofern für alle die gleichen Voraussetzungen gelten.