Vodoo im Handymarkt

Die mobile Denkfabrik  –  2 Kommentare

Im Unternehmen des Autors arbeitet seit einiger Zeit eine Schreibkraft, die ein herrenloses Tablet als "Lesewerkzeug" für die Mittagspause rekrutierte. Seither ist ein höchst seltsames Verhalten zu beobachten: Das Gerät hängt permanent an der Steckdose, "um seine Geschwindigkeit zu erhöhen".

Die Befragung ergab folgenden Sachverhalt: Das Tablet wurde nach einer längeren Surf-Session zunehmend langsamer. Irgendwann war der Akku leer, das Gerät schaltete sich aus. Nach dem Wiederaufladen erreichte der Handcomputer wieder die frühere Geschwindigkeit.

In Wirklichkeit geschah Folgendes: Das fast komplett entladene Tablet hatte außerdem keinen freien Speicher mehr. Das Leerwerden des Akkus sorgte für eine unfreiwillige Defragmentierung, nach dem Neustart mit vollem Akku war der Browser wieder flott.

Alle Versuche, die Mitarbeiterin von einer vernünftigeren (und für das ältliche und ob seiner Seltenheit wertvolle Tablet schonenderen) Herangehensweise zu überzeugen, wurden durch heftige Unmutsäußerungen quittiert. Der Handcomputer schmort derweil einem langsamen und qualvollen Ende entgegen.

Mehrere Vorführungen der Restart-Prozedur blieben ergebnislos. Das liegt unter anderem daran, dass die Geschwindigkeit eines Computersystems primär "emotional" wahrgenommen wird – viele in Consumer-Magazinen veröffentlichte Registry-Hacks funktionieren nur deshalb, weil sich der Nutzer ebendas einbildet.

Menschen neigen dazu, ihnen nicht einleuchtende Vorgänge zu "mytholigisieren". Dabei entstehen Fehlkorrelationen, die aus dem Gehirn des Nutzers nicht ohne Weiteres zu tilgen sind. Wie schon im Fall des vorher besprochenen Instant Messenger gibt es auch hier nur einen richtigen Weg: Go with the flow.