Was Perl 5.16 wirklich brachte

Sprachen  –  25 Kommentare
Anzeige

Wohin bewegt sich Perl 5 und welche Kräfte treiben derzeit die Entwicklung an? Da Pressemitteilungen und die eher technische Dokumentation dazu keine Auskunft bieten, schickt sich heise Developer an, diesen entscheidenden Fragen anlässlich der neuesten Version der Programmiersprache nachzugehen.

Am 20. Mai rutschte Perl 5.16 vom Stapel. heise Developer und andere berichteten selbstverständlich darüber, doch den Schaulustigen wurde auf dem ersten Blick nur wenig geboten. Unicode war auf die Version 6.1 aktualisiert, und es gab das neue Token __SUB__. Was sich allerdings hinter der Menge der kleinen Änderungen verbarg, sind ein bemerkenswerter neuer Kurs, den der Kapitän der Kernentwickler einschlug, sowie zwei gewaltige, subventionierte Einzelleistungen.

Jesse Vincent, der nach zweijähriger Regentschaft im November 2011 das Zepter an Ricardo Signes übergab, hat im Gegensatz zu seinen Vorgängern kaum programmiert, sondern lediglich die Aufgaben eines Managers erfüllt. Unter anderem formulierte er eine neue Vision für Perl 5, die die langfristige Weiterentwicklung sicherstellen soll. Damit fand er großen Anklang in Auditorien, Perl-nahen Blogs und nicht zuletzt bei den Perl-5-Portern (kurz p5p), wie es sich vor allem an den ersten Einträgen der neuesten perldelta ablesen lässt. Dass seine Vorstellungen dezent an Perl 6 erinnern, sollte nicht verwundern, da Vincent ab 2005 für mehrere Jahre Projektmanager von Perl 6 war und davor die dafür vorgesehene virtuelle Maschine Parrot kurz betreute.

Als Larry Wall im Juli 2000 Perl 6 ausrief, war es nur eine Idee, mit der er der emotionalen Stagnation in den innersten Kreisen begegnen wollte. Die folgende Phase der Konzeptfindung wurde ungewohnt öffentlich zelebriert, was zu überschäumender Begeisterung und beträchtlicher Unsicherheit führte. Zwei technisch getrennte Ökosysteme mit gleichem Namen und lediglich abweichender Versionsnummer sind ebenfalls ein vielerorts schwer vermittelbarer Umstand, an den sich die Perl-Gemeinschaft erst gewöhnen musste.

Besonders die fünf Jahre der Version 5.8, als zum Beispiel technische Probleme mit Unicode und Threads bewältigt werden wollten, sind als Tiefpunkt für Perl 5 anzusehen. Ihn überwunden zu haben ist nicht zuletzt das Verdienst des damaligen Pumpking Nicholas Clark. Ende 2007 läutete die Version 5.10 eine Wende ein. Einerseits präsentierte man viele neue Funktionen, die größtenteils dem Entwurf von Perl 6 entnommen waren, andererseits begann eine Emanzipation als Projekt mit langer Zukunft.

Zwar hatte Wall von Beginn an betont, Perl 6 werde Perl 5 nicht unmittelbar ersetzen, aber erst ab 2008 kam das in der Breite an. Eine Konsequenz war ein inoffizielles Maskottchen, das sich Perl 5 2009 neben Kamel und Zwiebel zulegte: den Velociraptor. Der kleine, vielen aus Jurassic Park bekannte Saurier verbildlicht das Selbstverständnis der Perl-Benutzer, dass die Sprache als veraltet angesehen werden mag, aber im direkten Vergleich unbedingt durchsetzungsfähig ist.

Ab 2010 spricht Matt Trout auf diversen Perl-Konferenzen als Hauptredner "über den Zustand des Velociraptoren", womit Perl 5 gemeint ist. Wall selbst lässt sich auf seinen Keynotes allein über Perl 6 und die gesamte Gemeinde aus. Trouts Kompagnon, Mark Keating, verbreitet mit vielen Aktionen die neue Sicht der Dinge und ist mittlerweile Marketing-Chef der Perl Foundation.

Keating und Trout gründeten zuvor mit anderen die EPO (Enlightend Perl Organization), die die Aufmerksamkeit auf die besten neuen Module und weitere erfreuliche Entwicklungen zu lenken sucht. Um den neuen, sich etablierenden Standard hervorzuheben, zu dem auch Moose gehört, schrieb chromatic das fortwährend aktualisierte Buch "Modern Perl". Der neue Stil, der sich erheblich vom Perl 5.6 aus 2000 unterscheidet, wird deshalb manchmal "Modern Perl", manchmal "Enlightend Perl" oder auch "Perl Renaissance" genannt. Letzteres war zudem das Motto der YAPC::EU vor zwei Jahren in Pisa.

Anzeige