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Was ist ein Festpreisprojekt wert?

Continuous Architecture

Festpreise sind eine wichtige Projektart in der Softwareentwicklung. Aber ist es wirklich sinnvoll, sich auf das Preisrisiko zu fokussieren?

Festpreise sind ein Mittel, um mit dem Preisrisiko umzugehen. Auch außerhalb der IT sind Preisrisiken oft erheblich: Der Berliner Flughafen BER oder die Hamburger Elbphilharmonie sind Beispiele. Also erscheint es sinnvoll, dieses Risiko zu managen.

Individualsoftware zu erstellen ist aber immer teuer, weil speziell angepasste Software erstellt wird. Deswegen ist es auch risikoreich – nicht nur in Bezug auf den Preis. Es ist paradox: Ein Projekt ohne Risiko sollte man gar nicht erst anfangen. Risikolos ist ein Projekt, wenn es egal ist, ob es liefert oder nicht. Warum macht man es aber überhaupt, wenn das Ergebnis egal ist?

Die einzige Möglichkeit, Kosten und Risiken eines Individualsoftwareprojekts zu vermeiden, ist es, stattdessen Standardsoftware zu nutzen – vorausgesetzt, es sind keine wesentlichen Anpassungen notwendig. Die Software nimmt dann aber auch keine Rücksicht auf spezielle Anforderungen.

Also gibt es einen fundamentalen Widerspruch: Wenn Individualsoftware sowieso teuer und risikoreich ist - warum stellt ein Festpreisprojekt ausgerechnet den Preis in den Vordergrund? Wichtiger sollte der Wert sein, der durch den Erfolg des Projekts entsteht. Das kann ein neues Produkt sein, Prozessoptimierungen oder einer der vielen anderen Gründe für Softwareprojekte.

Und genau das wird oft vernachlässigt. Häufig ist nicht klar, was der Wert des Projekts ist. Oder es gibt konkurrierende Ziele ohne klare Priorisierung. Darunter leidet der Fokus. Noch seltener ist klar, wie der Wert gemessen wird, um sicherzustellen, dass die Ergebnisse auch erreicht werden. Und wenn das doch alles gegeben ist, erbringen viele Projekte nicht den gewünschten Erfolg. Die Forschung[1] legt nahe, dass die Erfolgsrate bei 30 Prozent liegt.

Der Fokus auf die richtigen Features und den Wert des Projekts kann nicht nur den Erfolg erhöhen, sondern auch Geld sparen. Das billigste Feature ist das, was man gar nicht baut. Das Preisrisiko lässt sich also reduzieren, indem man sinnlose Features möglichst frühzeitig aussortiert.

Auf den ersten Blick gibt es einige Projekte, die "einfach gemacht werden müssen" und keinen Wert erbringen können. Dort könnte ein Festpreis sinnvoll sein. Beispielsweise muss die technische Basis einer Software aktualisiert werden. Ein solches Projekt soll eine Software nur zukunftssicher machen und keine neuen Features implementieren. Standardsoftware kommt oft mit den komplexen Prozessen des alten Systems nicht zu Recht und ist daher keine Alternative. Aber auch in diesem Fall ließe sich durch die neue Software neue Features umsetzen und damit Werte schaffen – Prozessoptimierungen, neue Produkte usw.

Sicher ist Vorhersagbarkeit und Planbarkeit wichtig. Aber statt des Preisriskos sollten Projekte den Fokus auf den Wert und Erfolg legen – denn das ist der Grund, warum es überhaupt Individual-Softwareprojekte gibt. Genau diese Fragen werden viel zu sehr vernachlässigt.

Danke an die innoQ-Kollegen Falk Hoppe, Simon Kölsch, Holger Kraus, Silvia Schreier und Stefan Tilkov für die Diskussion über eine frühe Version des Blog-Posts!


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-3300705

Links in diesem Artikel:
[1] http://ai.stanford.edu/~ronnyk/ExPThinkWeek2009Public.pdf