Web-Entwicklung allein zu Haus – wie die Corona-Krise unsere Arbeit verändert

"Ich roll' dann mal aus"  –  7 Kommentare

Unter normalen Umständen ist die Web-Entwicklung bei Heise eine Präsenzabteilung, durch die Corona-Krise hat sich das schlagartig geändert.

Normalbetrieb

Vor dem Beginn der COVID-19-Pandemie war der Alltag von Routine im Büro geprägt: Fast alle Kolleginnen und Kollegen kommen täglich ins Verlagshaus in Hannover, einige arbeiten einen Tag in der Woche von zu Hause. Lediglich eine Kollegin arbeitet bei uns dauerhaft aus der Ferne. Bei den Meetings unter der Woche ist in der Regel das Gros der Leute vor Ort, manchmal wird eine Person per Video hinzugeschaltet. Die Sprintwechsel (alle 14 Tage) sind reich an Meetings. Von 10 Uhr bis in den Nachmittag (je nach Team etwas unterschiedlich) laufen Scrum-Veranstaltungen, die alle mit Präsenz stattfinden – unsere Abteilung ist genauso vor Ort wie auch die Gäste beim Review.

Pair- oder Mobprogramming finden meist im Büro an den großen Team-Fernsehern statt, manchmal aber auch bereits remote.

Die Teams haben kurz vor Mittag ihr Daily und die Product Owner (PO) nutzen ihren täglichen Austausch-Termin, um das Backlog mit Post-Its an einer Besprechungsraumwand zu sortieren. An den quasi in jedem Büro montierten Whiteboards wird gemeinsam geplant und skizziert.

Regelmäßig trifft sich die gesamte Abteilung im Flur, um mit einer Variante von Planning Poker gemeinsam Stories zu schätzen.

Details zu all unseren Scrum-Meetings hat mein Kollege Stephen Fischer hier im Blog in drei Beiträgen ausführlich dargelegt.

Der Wechsel

Mitte März veränderte sich innerhalb einer Woche fast alles: Die gesamte Abteilung geht seither nicht mehr ins Büro. Die Schließung der Kitas und Schulen ließ vor allem den Eltern unter uns kaum eine Wahl. Unsicherheit über die Ansteckungsgefahr im öffentlichen Raum und besonders im Nahverkehr trug ebenso zu den Entscheidungen bei. Der Wandel für die Abteilung vollzog sich zunächst dennoch sanft: Unser damals aktueller Sprint hatte gerade erst begonnen, zumindest die Aufgaben für die nächsten zwei Wochen waren klar verteilt. Mobil zu arbeiten, war bei uns bereits ein vertrautes Szenario – nur eben bisher nicht dauerhaft, sondern immer nur für einen Tag in der Woche. So war die notwendige Infrastruktur mit VPN-Zugängen bei allen Kollegen durchaus vorhanden.

Im Gegensatz zu früher fand nun aber eben alles remote statt. Im Chat poppten ständig Meldungen auf, sodass man die Notifications etwas anpassen musste. Auch die Videokonferenzen waren zu Beginn noch etwas unkoordiniert, da jetzt meist sehr viele Teilnehmer*innen dabei waren. In der ersten Woche galt es, gleich mit vier unterschiedlichen Videokonferenz-Programmen zurechtzukommen, aber auch das pendelte sich schnell ein.

Eingespielt

Mittlerweile sind alle Events komplett auf Remote ausgerichtet, auch die Scrum-Events mit Gästen. Bisher wurden für unser Review die Gäste in Gruppen eingeteilt und wechselten durch die Teams, wobei diese ihre Sprintergebnisse einmal pro Gruppe vorgestellt haben. Stattdessen gibt es jetzt einen Videochat und jedes Team hält einmal für alle ihr Review. Anschließend folgt eine Fragerunde und dann ist das nächste Team an der Reihe. Auch die „Funkdisziplin“ hat sich wesentlich verbessert und dazu beigetragen, dass ein Review-Chatraum mit bis zu 35 Personen gut funktionieren kann. Zu diesem Erfolg trägt wesentlich bei, dass sich Teilnehmer stumm schalten, wenn sie gerade nichts zu sagen haben. Denn meist bekommt der/die Verursacher/in von Störgeräuschen selbst gar nichts davon mit. Wenn von Videochatraum die Rede ist, heißt das nicht zwangsläufig, dass alle Teilnehmenden mit Videobild am Austausch teilnehmen, häufig schalten wir die Kamera nur dann ein, wenn es sinnvoll ist.

Gutes Audio, schlechtes Audio

Apropos Mikrofon, der Einfluss der Streaming- und Podcast-Szene zeigt sehr schön, dass inzwischen auch mit geringem finanziellem Aufwand eine gute bis sehr gute Audioqualität erreicht werden kann. Es macht sich dieser Tage schon bemerkbar, wenn man zwei bis drei Stunden am Tag in Video-/Audio-Chats verbringt und die Sound-Qualität gut ist oder ständig Kabelklackern, Wind- und sonstige Raum-Geräusche stören.

Pair- und Mobprogramming machen wir nun per Screensharing und das funktioniert erstaunlich gut. Voraussetzung ist natürlich eine halbwegs brauchbare Internetverbindung, da es nur wenig Freude bereitet, Code mit starken Komprimierungsartefakten und Aussetzern betrachten zu müssen. Technisch kommt dafür bei uns das Live Share Feature von VS Code zum Einsatz oder einfaches Screensharing in der Videokonferenz. Microsoft Teams bietet uns außerdem die Möglichkeit der Kontrollübergabe beim Screensharing – also eine andere als die bildschirmteilende Person kann die Steuerung von Maus und Tastatur aus der Ferne übernehmen, z.B. wenn man sich beim Pair-Programming mal abwechseln möchte, ohne den aktuellen Entwicklungsstand in Git pushen zu müssen.

Unsere normalen Austauschtreffen finden ebenfalls wie gewohnt statt – nur eben jetzt per Video. Inzwischen haben wir sogar einen gangbaren Weg gefunden, das oben erwähnte gemeinsame Story-Schätzen aus der Ferne zu machen. Hier nutzen wir ein im Videochat-Tool integriertes Abstimmungsmodul, um unsere Story-Point-Schätzungen einzureichen.

Das Backlog, zuvor hauptsächlich in Form von Post-Its auf einer Wand, ist nun primär digital. Obgleich es die digitalen Alternativen durchaus schon immer gab, bevorzugte die Mehrheit unter uns lange Zeit die Zettelvariante.

Confluence-Seiten lassen sich in einem Meeting mittels Multi-Cursor-Editing von mehreren Personen gemeinsam befüllen und für das Skizzieren von Ideen steht ein virtuelles Whiteboard parat.

Neben den Arbeitsmeetings pflegen wir schon seit über zehn Jahren den sogenannten Webtreff. Wer dahinter eine „verordnete“ Team-Building-Maßnahme vermutet, wird enttäuscht. Kolleginnen und Kollegen der Abteilung treffen sich einmal im Monat Abends gemeinsam zum Essen und Trinken – immer wieder in wechselnder Besetzung, je nachdem, wer gerade Zeit und Lust hat. Über die Lokalität wurde bislang jedes Mal abgestimmt – in Corona-Zeiten leider überflüssig. Auch dieses Treffen findet nun per Videochat statt. Dabei zeigt das digitale Medium sogar noch eigene Stärken: Ist es beim Treffen im Lokal eher unüblich, dass Kolleg*innen zwischendurch mal weggehen und später wiederkommen, ist das beim Videochat überhaupt kein Problem – und wird auch durchaus genutzt, beispielsweise um Kinder ins Bett zu bringen oder sich mal eben das Abendessen zuzubereiten.

The Odds

Nun ist aber auch nicht alles eitel Sonnenschein. Eltern, die – gemeinsam oder alleinerziehend – noch ein Kind oder sogar mehrere zu Hause haben, die betreut und bespaßt werden müssen, haben sicherlich mehr zu kämpfen, als sonst. Im April ging dann bereits für einige Kinder die Schule wieder los – mit der Konsequenz, dass auch sie Videochats von zu Hause erledigen mussten, was die gemeinsam genutzte Internetverbindung und die heimische Netzwerkinfrastruktur bei einigen auf eine harte Probe stellte. Für die Eltern ergab sich dadurch außerdem ein zumindest anfänglich erhöhter Supportaufwand, denn die Sprösslinge benötigten hie und da etwas Unterstützung bei den schulisch genutzten Tools.

Im Verlauf der Zeit machte sich außerdem generell bemerkbar, dass ein Tag voller Videokonferenzen irgendwie mehr schlaucht, als wenn man ein paar Besprechungen oder Abstimmungsgespräche im Büro gehabt hätte.

Fazit

Bisher scheint es so, als kämen wir mit der Krisensituation generell gut zurecht. Die Arbeiten laufen weiter und wir spüren keine Einschränkungen bei der Handlungsfähigkeit. Die neue Art zu arbeiten geht gut von der Hand und alle unterstützen einander. Auch unsere diversen Treffen und Scrum-Events sind mittlerweile eingespielt und manche laufen per Video teilweise sogar besser als vorher. Für unsere Kollegin in Griechenland haben sich die Möglichkeiten der Partizipation deutlich verbessert. Waren unsere Treffen vorher immerhin aus der Ferne zugänglich, sind sie jetzt völlig auf Remote ausgerichtet und es ist egal, dass sie nicht nur wenige Kilometer entfernt sitzt, sondern Tausende. Es bleibt die Hoffnung, dass diese positiven Auswirkungen der Remote-Arbeit auch nach dieser Zeit bestehen bleiben.