Windows 8, HTML5 und die Folgen für .NET?

Sprachen Golo Roden  –  Kommentare

Lange Zeit war die Roadmap von .NET so verlässlich wie unspektakulär – seit der PDC 2010 ist die Stabilität jedoch ins Wanken geraten. Was mit der beiläufigen Aussage "our strategy with Silverlight has shifted" begann, fand am 1. Juni 2011 seinen bisherigen Höhepunkt in der Ankündigung zu Windows 8, dass HTML5 und JavaScript zu "First Class Citizens" bei der Entwicklung von UIs werden. Welche Zukunftsaussichten ergeben sich daraus für .NET? Ist der Zenit des Frameworks bereits überschritten, oder gibt es noch Hoffnung?

Am 1. Juni 2011 hat Microsoft einen ersten Ausblick auf Windows 8 und dessen neue, auf Gesten ausgelegte Oberfläche gezeigt. Besonderes Augenmerk hat dabei der neue Startbildschirm verdient, der sich in seiner Gestaltung an die von Windows Phone 7 bekannten Kacheln anlehnt.

Die UI von Windows 8 ist auf Gesten optimiert und basiert auf den aus Windows Phone 7 bekannten Kacheln (Abb. 1). (Bild: Microsoft)

Die Tatsache, dass Windows 8 über eine neue Oberfläche verfügt, mag wenig überraschen – schließlich gilt spätestens seit Windows XP, dass jede neue Windows-Version zugleich eine neu gestaltete grafische Oberfläche aufweist. Während man über den stetigen Wandel der Designs durchaus geteilter Meinung sein kann, war ein Aspekt jedoch bislang unstrittig: Technische Neuerungen wurden im Wesentlichen akzeptiert – etwa die in Windows Vista eingeführte Benutzerkontensteuerung oder die "Address Space Layout Randomization" zur Verbesserung der Anwendungssicherheit (ASLR).

Alles neu – macht Windows 8?

Windows 8 hingegen sorgt in ebendieser Hinsicht für Diskussionen – ausgelöst durch wenige Sätze in der erwähnten Pressemitteilung Anfang Juni. In ihr heißt es unter anderem:

"Windows 8 apps use the power of HTML5, [...] native capabilities of Windows using standard JavaScript and HTML [...]. We are excited to bring an innovative new platform and tools to developers
[...]."

Interessant ist daran nicht nur, dass Microsoft HTML5 und JavaScript zu "First Class Citizens" bei der Entwicklung von Anwendungen für Windows 8 heranzieht, sondern auch, dass die Redmonder gängige UI-Techniken wie Windows Forms, WPF (Windows Presentation Foundation) und Silverlight mit keiner Silbe erwähnen. Zudem nannte die Meldung das vielen zeitgemäßen Anwendungen zugrunde liegende .NET nicht.

Dass diese Lesart der Pressemitteilung für reichlich Verunsicherung unter .NET-Entwicklern sorgt, liegt auf der Hand. Die essenzielle Frage lautet daher: Geht die Entscheidung für HTML5 und JavaScript zugleich mit einer Abwertung von .NET im Allgemeinen und gängigen UI-Techniken im Speziellen einher?

HTML5 + JavaScript = .NET ade?

Zunächst gilt festzuhalten, dass HTML auch in der fünften Version nichts anderes als eine beschreibende Auszeichnungssprache für Dokumente ist, die ein Webbrowser anzeigen kann. Anders sieht es indessen mit JavaScript aus, das inzwischen auch als serverseitige Sprache durchaus Akzeptanz erfährt, beispielsweise in Form von Node.js, einem auf Googles JavaScript-Compiler V8 aufbauenden Framework. Doch welche Aufgaben fallen HTML und JavaScript normalerweise zu?

Betrachtet man heutige Web- und mobile Anwendungen, ist die Nähe beider Techniken zur UI, das heißt zum Frontend, unübersehbar. Der große Vorteil von HTML und JavaScript gegenüber allen anderen UI-Techniken wie WPF und Silverlight ist, dass es sich um die einzige von einer konkreten Plattform unabhängige Technik handelt.

Allerdings besteht eine Anwendung, gleich welcher Art, nicht nur aus der UI – und genau das ist der entscheidende Punkt, der bei besagter Pressemitteilung gerne übersehen wird: Denn selbst wenn HTML5 mittel- bis langfristig XAML & Co. vollständig ersetzen sollte, verbleibt noch das gesamte Backend einer Anwendung. Über das wurde jedoch im Zusammenhang mit Windows 8 nichts erwähnt.