"Wir haben die O'Reilly-Bücher in Code umgesetzt"

DC/OS ist ein Cluster-Manager, der auch als Betriebssytem für das Rechenzentrum bezeichnet wird. In dieser Analogie bildet Mesos den Kernel des Systems. heise Developer sprach mit dem Mesosphere-Mitgründer Florian Leibert.

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"Wir haben die O'Reilly-Bücher in Code umgesetzt"

heise Developer: Herr Leibert, erzählen Sie uns doch bitte etwas über die Hintergründe von Mesosphere beziehungsweise DC/OS.

Florian Leibert: Ende 2009 habe ich bei Twitter angefangen. Damals hatte der Mikro-Blogging-Dienst massive Skalierungsprobleme. Grund waren zwei Features der Plattform: Zum einen war Twitter immer Real Time, was Facebook beispielsweise nicht war, zum anderen konnte man so viele Follower haben, wie man mochte – es gab keine Limitierung. Wir stießen damals auf etwas, das wir das "Justin-Bieber-Problem" nannten: Justin Bieber hatte Millionen von Followern, und jedes Mal, wenn er eine Message schreibt, muss man Millionen Real-Time-Auslieferungen durchführen. Das ist für die Infrastruktur und die Teams, die diese warten müssen, eine enorme Anforderung.

Florian Leibert

ist Mitgründer von Mesosphere, das inzwischen Investitionen von über 126 Millionen Dollar von Andreessen Horowitz, Hosla Ventures, HPE, Microsoft, Fuel Capital und Data Collective erhalten hat.

Vor seiner Zeit bei Mesosphere arbeitete er in führenden Entwicklerpositionen bei Twitter und Airbnb an kritischen Infrastrukturprojekten mit Mesos. Er entwickelte zudem mit Chronos ein verbreitetes Job-Scheduling-Framework für Mesos.

Damals hatte ein guter Freund von mir seine Doktorarbeit an der UC Berkeley im Bereich verteilte Systeme geschrieben. Er meinte: Wir müssen ein System bauen, das quasi wie ein Cloud-Betriebssystem sein soll – ,und er hat den Kern mit Apache Mesos gebaut. Wir haben ihn damals bei Twitter eingestellt und Apache Mesos als Infrastruktur genutzt. So wurde Mesos bekannt.

Später war ich bei Airbnb, wo wir ähnliche Skalierungsprobleme hatten. Wir nutzten damals Amazon Web Services (AWS), aber wir wollten einen Lock-in auf der Plattform vermeiden und haben mit Mesos eine Ebene darüber gelegt und erweitert. Daraus habe ich erkannt: Jede Firma braucht diese Art der Software.

heise Developer: Was bietet DC/OS jenseits von Mesos?

Leibert: Mesos ist für uns quasi wie ein Kernel. Es bietet ein tolle Funktionen, ist aber sehr limitiert. Viele unserer Kunden wollen ein Komplettpaket wie den SMACK-Stack (Spark, Mesos, Akka, Cassandra und Kafka). Das könnten sich Firmen auch selbst zusammenstellen, ist aber äußerst umständlich.

Wir haben bei Mesosphere quasi die O'Reilly-Bücher zu den Themen in Code umgesetzt, sodass man sich nicht mehr um die Durchführung und Installation kümmern muss. Auf die Weise können Firmen beispielsweise ein produktionsfähiges Hadoop beziehungsweise Spark aufsetzen, das automatisch skaliert.

heise Developer: Inzwischen gibt es auch eine Open-Source-Variante von DC/OS. Was waren die Beweggründe dafür und wer sind die typischen Nutzer?

Leibert: Wir haben erst im April 2016 die Open-Source-Version gelauncht. Der Anlass war, dass unheimlich viele Firmen begonnen haben, OpenStack zu benutzen. Da OpenStack aber nicht funktioniert, sind viele Firmen auch wieder davon abgerückt. Daher sollte DC/OS ein funktionierendes OpenStack sein. Allerdings muss man fairerweise dabei sagen, dass sich DC/OS nicht um den Infrastruktur-Layer kümmert, also beispielsweise kein Provisioning von VMs übernimmt. Das sind Funktionen, über die OpenStack verfügt. Wir sitzen quasi einen Layer darüber.

DC/OS bietet quasi die Cloud-Plattform-Services, die beispielsweise auch AWS hat. Da alles in einem Paket existiert, das sich relativ einfach installieren und konsumieren lässt, konnten wir es gut als Open Source veröffentlichen. Manche große Konzerne, gerade in China, nutzen die Open-Source-Variante von DC/OS.

heise Developer: Im Vergleich zu beispielsweise Kubernetes gibt es relativ wenige Contributors für die Open-Source-Software. Was sind die Gründe dafür?

Leibert: Wir haben das Projekt ja erst vor einem Dreivierteljahr gestartet. Außerdem gibt es einen Unterschied zwischen Committers und Contributors: Viele sieht man gar nicht, weil einige Internetfirmen, die unsere Kunden sind, aus IP-Gründen (Intellectual Property, geistiges Eigentum) keine Möglichkeit haben, selbst zu contributen. Mit denen haben wir einen Vertrag, und sie routen ihre Beiträge und Patches über unsere Committer.

heise Developer: Neben Linux planen Sie auch eine Windows-Version. Gibt es dazu schon Details? Was ist mit macOS?

Leibert: Wir arbeiten gerade mit Microsoft daran, damit wir noch dieses Jahr vollen Windows-Support bereitstellen. Mesos ist POSIX-kompatibel, daher kann man es jetzt schon auf Windows starten. Es erfordert jedoch noch ein wenig Aufwand, bis das Komplettpaket DC/OS auch auf Windows funktioniert.

Bezüglich macOS: Viele unserer Entwickler lassen Mesos auf macOS laufen, aber meist in der Virtualisierung. Für DC/OS gibt es keine Pläne zur Umsetzung, weil es dafür schlicht keine Nachfrage gibt.

heise Developer: Gibt es schon Ankündigungen über zukünftige Pläne?

Florian Leibert: Wir planen im ersten Halbjahr eine Konferenz zu verteilten Systemen in San Francisco. Dort wird es dann einige Produktankündigungen geben.

heise Developer: Wird das quasi die erste Hausmesse für DC/OS?

Florian Leibert: Genau. Wir sind auch schon Mitveranstalter der MesosCon, aber bei ihr liegt der Fokus schon sehr stark auf dem Kern, also Apache Mesos. Wir wollen jetzt eine Konferenz machen, mit der wir unsere Kunden ansprechen und dort beispielsweise Best Practices zum Aufbau einer Plattform für das Internet der Dinge auf DC/OS zu zeigen.

heise Developer: Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Rainald Menge-Sonnentag, Redakteur von heise Developer.

Siehe dazu in iX 2017, S. 42-45: