YAPC::EU 2015: Perl-Community trifft sich in Granada

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Die mit knapp 300 Teilnehmern größte europäische Perl-Konferenz lief Anfang September ohne Worte wie "Modern", "Future" oder "Renaissance" in der Überschrift. Stattdessen hieß es "Art+Engineering", was nicht nur zur filigranen Kunstfertigkeit passte, die sich im Nasridenpalast der Alhambra zeigt, sondern auch das Verständnis von Perl-Schöpfer Larry Wall wiedergibt, dass Programmieren eine Kombination aus Kunst und Wissenschaft sei.

In den auf vier Hörsäle der Fakultät der (technischen) Wissenschaften verteilten über 70 Vorträgen ging es um erwartbare Themen wie Code-Audits, Fehlerbehandlung, Webframeworks, statische Codeanalyse, Serialisierung, Dokumentation, Automatisierung und Extreme Programmierung – mit all den vertrauten Kürzeln wie SSH, PDF, OLAP, REST, MOP, JIT und CPAN.

In etwa einem Fünftel der Vorträge ging es jedoch vordergründig nicht um Technisches, sondern um Erfahrungsberichte und Hilfestellungen – wie man zur Dokumentation, Modulen oder dem Sprachkern beiträgt oder selbst Konferenzen organisiert. Auf dem Gebiet fielen besonders beeindruckend die Gäste aus Fernost auf. Die von Japanern um Daisuke Maki professionell organisierte YAPC::Asia hatte dieses Jahr 2100 Besucher und einen wesentlich breiteren Fokus als Perl.

Vereinzelt griffen Referenten wie Moose-Autor Stevan Little das Konferenzthema direkt auf und zeigten, wie Programmierer von der Arbeitsweise von Künstlern lernen können.

Große Verlautbarungen gab es etwa vom Entwickler-Helden und selbsternannten Hipster Tatsuhiko Miyagawa, der seit dem diesjährigen QA-Hackathon in Berlin an einem neuen Paketmanager tüftelt. Carmel soll das ebenfalls von ihm stammende Carton ablösen, einem weit beachteten Kommandozeilenprogramm für die Verwaltung von Abhängigkeiten. Eine analoge Überarbeitung des beliebten Installers cpanminus kündigte er an.

Für geweitete Augen sorgte Reini Urban, dessen cperl 1,5-mal schneller ist und unter realistischen Bedingungen nur circa 82 Prozent Speicher gegenüber perl 5.22 benötigt. cperl ist ein Fork, der alternative Vorschläge zum Design der Interna macht. Vor allem ist geplant, Funktionen wie native Typen, Klassen, einen Compiler (B::C) und ein FFI (Foreign Function Interface) zu bieten (bei voller Kompatibilität).

All das gehörte zum "regulären Programm", das fünf Keynotes und mehrere "Lightning Talks" einrahmten. Letztere beenden jeden Konferenztag und sind nicht nur wegen ihrer Vielfalt und Unterhaltsamkeit ein wichtiger Teil jeder YAPC. Etliche werden spontan eingereicht und sind öffentlichkeitswirksame Reaktionen auf andere Vorträge.

Im Keynote-Vortrag des ersten Tages erinnerte Curtis "Ovid" Poe an die schwierige Entwicklung, die im letzten Jahrzehnt durchstanden und gemeistert wurde, und schlug vor, deswegen für Perl die Losung 'Battle tested' zu verwenden. Er unterstrich seine Haltung mit Zitaten aus einer für viel Geld zugänglichen Gartner-Studie, wonach Perl ein "solides Investment für die mittelfristige Zukunft" mit einer "starken Gemeinschaft" sei. Unter Beifall stellte er alle technischen Inhalte der Konferenz als Ausreden bloß, um sich so zwanglos wie möglich mit Gleichgesinnten auszutauschen.

Curtis Poe (Ovid): Turning points

Auch während der nun von Sawyer X abgehaltenen "State of the Velociraptor"-Rede zum Stand von Perl 5 ging es weniger um technische Errungenschaften als um die Pflege einer Gemeinschaft, die Heimat sein kann und soll. Natürlich spielten aktuelle Themen wie genetische Algorithmen, skalierende Systeme, das API-Framework Swagger oder asynchrone Message-Queues in den Präsentationen eine Rolle. Doch man ist glücklicherweise davon abgerückt, um den neuesten Hype zu buhlen, was sich ebenfalls im eingangs erwähnten Titel der Konferenz zeigt.

Sawyer X: State of the (Art) Velociraptor

Dabei ist gerade das im Programm mit neun Vorträgen vertretene Perl 6 voll Buzzword-kompatibel. Die erst in diesem Jahr von Jonathan Worthington zu Ende spezifizierte und implementierte Synopse 17 kennt Threads, Semaphore und Locks, bietet aber gleichzeitig Konstrukte wie Promise, Supply und Channel, die asynchrone und parallele Programmierung stark vereinfachen. Besonderen Eindruck machte auf der YAPC der neue Schleifen-Befehl whenever, der einen Block immer dann ausführen lässt, wenn ein Promise von beliebig vielen etwas meldet. Selbst die Aufgabe, nach dem letzten Promise etwas aufzuräumen, lässt sich somit mit linear strukturiert aussehendem Code lösen.

Der zum abschließenden Höhepunkt auftretende Larry Wall ging darauf nur mit wenigen Sätzen ein und beschrieb lieber das große Bild, nach dem Perl 6 gestaltet ist. Und zwar das einer praktischen und vielseitigen Sprache, die es einfach macht, im laufenden Betrieb geändert zu werden. Auch er verwendete seine halbe Redezeit auf die sozialen Aspekte seiner Abenteuerreise, die er mit seinem Lieblingsbuch "Herr der Ringe" verglich, für das Tolkien ebenfalls 15 Jahre benötigte.

Larry Wall: Get ready to Party

Da die großen, noch ausstehenden Arbeiten beinahe abgeschlossen seien (effektivere und intelligentere Implementierungen von Listen und Unicode-Normalisierung), hält er weiterhin an dem auf der diesjährigen FOSDEM gegebenen Versprechen fest: Dieses Weihnachten ist es soweit: Perl 6 wird kommen. Er warnte zwar davor, mehr Erwartungen als an andere 1.0-Software zu hegen. Auch wird Perl 5 auf absehbare Zeit nicht veraltet sein. Nichtsdestoweniger rief er zu einer Feier auf, wie sie Hobbits abhalten können, da Rakudo in den letzten fünf Jahren genug gereift sei, um es einem größerem Publikum anzuvertrauen.

Solch eine Botschaft wurde von den anhaltend applaudierenden Zuhörern wohlwollend aufgenommen und es ließ sich danach vielerorts eine verhaltene Vorfreude feststellen. Doch ist sie letztlich nur ein Faktor der zum in Granada beobachtbaren wiedererstarkten Selbstbewusstsein beitrug. Wie von Curtis Poe treffend bemerkt ist die Gemeinschaft gereift und orientiert sich weniger dünnhäutig an kurzlebigen Meldungen. (ane)

Herbert Breunung
schreibt regelmäßig Artikel über Perl 5, Perl 6 und GUI-Programmierung und spricht darüber auch auf Konferenzen im In- und Ausland. Außerdem führt er ein freies Softwareprojekt und ist Autor von diversen Dokumentationen.

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