Zu oft missverstandenes Konzept: Dunbar wird überbewertet

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Dunbars Zahl – 150 – muss für vieles herhalten. Manche Firmen richten (oder richteteten) sogar ihre Projekt-, Unternehmens- oder Standortgröße danach aus.

Robin Dunbar bezeichnete mit "seiner" Zahl 150 die Anzahl der stabilen sozialen Beziehungen, die ein Mensch kognitiv eingehen kann. Er führte die Zahl zurück auf die Beziehung zwischen Gehirngröße und sozialer Gruppengröße beziehungsweise extrapolierte dieselbe von Beobachtungen bei Primaten (s. a. Wikipedia)

Heute wird die Zahl oft "blind" verwendet, nicht nur, um die maximale Zahl von Freunden zu definieren, sondern auch im geschäftlichen Kontext für zum Beispiel die Definition der maximalen Anzahl von Mitarbeitern an einem Standort oder der maximalen Gesamtgröße eines Projekts. Blind ist die Verwendung deshalb, weil sich kaum einer die Mühe macht, sich mit den Hintergründen zu befassen. Diese Hintergründe sind:

  • Die Zahl 150 ist ein Maximum.
  • Die Zahl steht in direkter Beziehung zum Grad der Intimität, das heißt dem sozialen Kontakt. Bei den Primaten wird diese Intimität durch das sogenannte "Social Grooming", also die gegenseitige Fellpflege erzeugt und erhalten.

Man kann demnach nicht davon ausgehen, dass sich dadurch, dass man nicht mehr als 150 Menschen zusammenwürfelt, diese Menschen als soziale Einheit/Gruppe/Team verstehen. Beim Blick auf den Grad der Intimität lässt sich schnell feststellen, dass die Mehrheit der Menschen wohl selten auf weit über 10 Personen kommt, mit denen sie diese enge soziale Beziehung pflegen kann und will. Meist reduziert sich dieser Grad der Intimität auf die (engere) Familie.

Warum schreibe ich darüber? Weil Dunbars Zahl viel zu oft für viel zu vieles herhalten muss, das aber letztlich gar nicht leisten kann – außer man nimmt sich noch Dunbars Ratschlag zu Herzen:

"Damit eine Gruppe mit 150 Personen tatsächlich als Einheit funktioniert, muss jedes Gruppenmitglied 42 Prozent seiner Zeit für das Social Grooming aufwenden, das heißt für vertrauensbildende Maßnahmen."

Wie sich jetzt herausstellt, schafft das nicht einmal ein Vorzeigeunternehmen wie Gore (was oft als Paradebeispiel für Dunbars Zahl herhalten muss). Dort haben sie jetzt festgestellt, dass (selbst) durch das Achten auf Dunbars Zahl keine Skalierbarkeit gegeben ist (meines Wissens plaudern sie darüber zum ersten Mal auf dem nächsten Organization Design Forum).

Von daher: Lasst uns einfach Dunbars Zahl vergessen, sie ist keinerlei Hilfestellung bei der Definition von zum Beispiel Projekt- oder Standortgrößen (außer man nimmt den entsprechenden Aufwand des Social Grooming auf sich).