Adobe Muse – Ein Dreamweaver für Print-Designer

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Mit Muse wagt Adobe einen Versuch, Web-Designern einen an das Print-Design angelehnten Workflow nahezubringen. Prinzipiell lassen sich mit der Software Webseiten gänzlich ohne HTML-, CSS- und JavaScript-Kenntnisse entwerfen, die Bedienoberfläche orientiert sich an aus Photoshop und InDesign bekannten Elementen.

Den Arbeitsprozess teilt Adobe mit Muse in vier Schritte auf (Planung, Design, Vorschau und Veröffentlichung). In der Entwurfsphase wird die Webseite zunächst per Sitemap definiert, hier kann der Designer Layout-Templates und die prinzipielle Navigationsstruktur vorgeben.

In Muse werden Webseiten zunächst per Sitemap definiert (Bild: Adobe)

Im zweiten Schritt lässt sich dann das Aussehen der Seiten anpassen, Vorlagen aus Photoshop und Fireworks sollen sich direkt in Muse einbinden lassen. Navigationselemente können per Drag and Drop ebenso hinzugefügt werden, wie Akkordeons und Lighboxen, ebenso Tooltips oder über dem Kopf der Seite schwebende Elemente.

Der jeweils aktuelle Stand kann über einen in Muse integrierten, abgespeckten Browser auf Basis von WebKit geprüft werden, anschließend lässt sich die Seite exportieren – Muse verspricht, dass der erzeugte Code zu allen gängigen Browsern kompatibel sei. Durch eine enge Integration mit Adobe Business Catalyst haben Anwender dabei auch die Möglichkeit, ihre Webseiten direkt in Adobes Hosting-Angebot zu veröffentlichen (wahlweise auch nur in einer Trial-Version, was sich laut Adobe für das Testen unter realen Bedingungen anbieten soll).

Adobe Muse steht aktuell als kostenlose Betaversion für Windows und Mac OS X zur Verfügung. Der Service soll voraussichtlich Anfang 2012 in der Version 1.0 veröffentlicht werden – Anwender, die die Software dann weiter nutzen wollen, können sich wahlweise für ein monatliches oder ein jährliches Abo-Modell entscheiden. Die Preise beginnen bei 15 US-Dollar im Monat.

Plattformübergreifende Webseiten, ohne auch nur eine Zeile Code schreiben zu müssen – Designern wird viel versprochen und die optische Nähe zu InDesign macht den mit Adobe-Produkten vertrauten Anwendern den Einstieg schmackhaft. Die Tücken liegen aber auch hier im Detail, und Entwickler horchen bei automatisch erzeugtem Quellcode gerne erschreckt auf. Zu Unrecht?

Adobe verkauft es zum Beispiel als Feature, wenn websichere Schriften verwendet werden dürfen – und all die anderen beim Export der Seite automatisch in Grafiken umgewandelt würden. Diese versieht Muse zwar immerhin mit aussagekräftigen Alt-Texten, zeitgemäß geht aber anders. Hier wäre eine Option für den Einsatz von Web Fonts angebracht. Ähnlich eigenwillig auch der Umgang mit Textboxen, die Muse in einem Sprite zusammengefasst als Bild ausgibt. Auch hier kann man mit HTML5 mehr erreichen.

Wenn Adobe schreibt "Du kannst echte HTML-Seiten nach aktuellsten Web Standards ohne eine Zeile Code entwerfen und veröffentlichen", dann ist das – zumindest mit der jetzt vorgelegten Betaversion – eine optimistische Prognose. Immerhin steht über ein integriertes Texteingabefeld die Möglichkeit zur Verfügung, selbst HTML-Code eingeben zu können. Ohne jegliche Syntax-Hervorhebung oder gar ein grafisches Interface, das Designern einen einfachen Zugang zu grundlegenden HTML-Elementen erlaubt, wird jedoch viel Potential verschenkt.

Über einen einfachen Texteditor lässt sich auch in Muse HTML-Code eingeben

Unschön: Zwar können sogenannte Master Pages erstellt werden, die sich als Template für die Unterseiten nutzen lassen, doch das scheint sich lediglich auf Layout-Vorgaben zu beziehen. Schriften und Schriftgrößen werden nicht automatisch für neu angelegte Unterseiten übernommen. Das schlägt sich auch auf die beim Export generierten Dateien nieder. So wird für jede Unterseite ein eigenes CSS erzeugt, das global angelegte site_global.css enthält lediglich ein paar allgemeine Vorgaben. Feinheiten wie Progressive Enhancement, bei dem der aktuelle Stand der Technik individuelle Style Sheets in Abhängigkeit vom darstellenden Gerät erlaubt, bleiben ganz außen vor.

Aber zu sehr sollte man sich wohl auch nicht mit dem Code beschäftigen, mit Muse liegt der Fokus darauf, Webseiten plattformübergreifend einheitlich darzustellen. Nicht umsonst beschreibt Adobe seinen pragmatischen Ansatz mit den Worten "Focus on design rather than technology." Bis zur offiziellen Version Anfang 2012 kann Adobe zudem noch das ein oder andere Feature nachreichen. (rl)