Analyse: Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma um Java EE?

Warum schweigt sich Oracle zur Zukunft der Java Enterprise Edition aus? Haben die Bemühungen der Java EE Guardians überhaupt eine Chance, oder braucht es gar einen neuen Besitzer? Fragen, auf die es zurzeit noch keine befriedigende Antwort gibt.

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Kaffeetasse

Bis in den Herbst 2015 hinein sah es noch gut aus, dass die Version 8 der Java Enterprise Edition (Java EE) tatsächlich – wie früher angekündigt – im nächsten Jahr fertiggestellt sein könnte. Das Blatt hat sich mittlerweile grundlegend gewendet. Denn an zahlreichen zentralen Spezifikationen der Java EE tut sich seit geraumer Zeit nichts mehr oder nur wenig. Das liegt ganz offensichtlich daran, dass das maßgeblich hinter der Java-Entwicklung stehende Oracle alle möglichen Kräfte Richtung Cloud verschoben hat. Hier sieht der Konzern das "große Geld" liegen, nicht mehr bei der Quasi-Community-Technik Java, weswegen viele in die Java-Entwicklung involvierten Ingenieure abgezogen wurden oder das Unternehmen mittlerweile verlassen haben.

Eine Einschätzung von Alexander Neumann

Alexander Neumann ist seit sieben Jahren Redakteur von heise Developer und organisiert darüber hinaus mehrere erfolgreiche Entwicklerveranstaltungen.

Das ist eine für viele Entwickler und Unternehmen vermaledeite Situation, die zur Bildung der Java EE Guardians geführt hat. Die hierin involvierten Parteien haben alle ein großes Interesse an Java EE, da ihre berufliche Karriere davon abhängt. Es finden sich aber auch ehemalige Angestellte von Oracle unter ihnen, die das Unternehmen aus Unzufriedenheit mit Oracles Java-Strategie verlassen hatten. Ihr oberstes Ziel ist es, von Oracle ein aussagekräftiges offizielles Statement zur Zukunft von Java EE zu erhalten. Hieran mangelt es tatsächlich, obgleich allerorten und nun auch schon seit geraumer Zeit über Oracles mangelndes Interesse an Java und Java EE spekuliert wird. Selbst große Unternehmen, die ebenfalls im JCP (Java Community Process) involviert sind, bekommen wohl keine Antwort. Fraglich ist tatsächlich, warum der Konzern solch einen miesen PR-Job macht. Es wäre doch ein Leichtes, die Community zu beruhigen oder für klare Verhältnisse zu sorgen.

Aber kennt man das nicht auch von anderen Open-Source-Projekten wie OpenOffice, OpenSolaris und GlassFish, die irgendwann in den Besitz von Oracle kamen? Bei ihnen hat der Konzern auch über kurz oder lang stillschweigend die Bemühungen eingestellt. Bei anderen Projekten wie MySQL hat sich das Unternehmen, ohne mit der Wimper zu zucken, mit der Community zerstritten. Bei Java EE verwundert es aber schon, denn die Programmierplattform nimmt eine eigentlich als strategisch wichtig wahrgenommen Position beim Konzern ein.

Welche Chancen gibt es aber nun, den jetzigen Stillstand, wenn nicht sogar Missstand zu stoppen? Klar gibt es bereits Rufe nach einem Fork. Doch wer will schon die APIs komplett nachbauen, ohne die bestehenden zu nutzen? Google hat sich ja im Falle der Java SE (Java Standard Edition) und seines mobilen Betriebssystems mehrere Male bereits mit Oracles Anwälten vor Gericht getroffen. Ein Fork ist eine sehr unsichere Wahl.

Klar wird über einen offeneren Träger wie etwa die Apache Software Foundation nachgedacht. Sicherlich wird der JCP nicht immer begrüßt, da viele ihn als runden Tisch der Industrie à la ISO und nicht offenen Standardkorpus einschätzen sowie Agilität und demokratische Prinzipien vermissen. Doch was ist eine unabhängige Stiftung überhaupt wert, wenn sich Oracle an ihr nicht beteiligen würde und auf der Marke "Java EE" beharren würde? So wenig Geld verdient das Unternehmen dann doch nicht mit Java. Deswegen sind Oracle die nicht immer offenen TCKs (Technology Compatibility Kit) so wichtig.

Kann die Java-Community zukünftig überhaupt unabhängig von Oracle den Takt der weiteren Entwicklung vorgeben? Braucht es das überhaupt, wo es mit Spring und seinen vielen Unterprojekten eine seit Jahren etablierte und sich ständig weiterentwickelnde Alternative zu Java EE gibt? Braucht es überhaupt ein zeitiges Java EE 8, wo viele mit dem "reifen" Java EE 7 zufrieden sind oder gar erst dahin wechseln?

Vielleicht weisen Bemühungen wie die letzte Woche angekündigten MicroProfiles den Weg in die richtige Richtung. Hier ziehen Hersteller von Java-Anwendungsservern wie IBM, Red Hat, Tomitribe und Payara – nicht aber Oracle – an einem Strang, um eine speziell für die Entwicklung von Microservice-, Cloud- und Container-Anwendungen vorgesehene Untermenge der Java EE zu erarbeiten. Hier haben sich Unternehmen gefunden, denen offensichtlich das Implementieren neuer Features, zumindest aber die Schaffung eines neuen, modernen Java-EE-Subsets wichtig ist.

Vielleicht liegt die Chance hierin, dass sich finanzkräftige Unternehmen wie IBM und Red Hat sowie für die Java-Community wichtige kleine Firmen stärker einbringen und ein noch stärkeres Bekenntnis zu Java EE äußern. Vielleicht ist sogar der Moment gekommen – oder ist er schon da? –, dass die Großen miteinander reden und Oracle in der Folge die Steuerung abgibt oder zumindest Teile davon, damit es nicht irgendwann heißt: "Java = Legacy". Wir werden es sehen – hoffentlich bald! (ane)