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Analyse zum Ende von Firefox OS: Pleiten, Pech und Pannen in Orange

Die Mozilla Foundation hat bei ihrem mobilen Betriebssystem gravierende Fehler gemacht und die Entwickler schlichtweg vergrätzt, findet App-Entwickler Tam Hanna.

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Fuchs

Um zu verstehen, warum sich die Mozilla-Entwickler nun von ihrem Betriebssystem wieder verabschieden, müssen diverse Dinge in der Historie von Firefox OS genauer durchleuchtet werden. Denn es wurden gravierende Fehler gemacht, welche die Open-Source-Organisation als kleiner Akteur hätte vermeiden müssen, damit ihr Projekt ein Erfolg geworden wäre.

Beginnen wir mit dem kritischsten Problem. Mobile Apps sind und bleiben geistiges Eigentum: Wer den Entwickler von "Clash of Clans" nach seinem Quellcode fragt, erntet schallendes Gelächter. Bei Mozilla wurde der Glaube an die "heilige Mission des offenen Web" höher bewertet. Die zweifelsohne verfügbare C++-API wurde für Drittentwickler deswegen nicht freigegeben. Das führte auf Seiten dieser Entwickler zu nobler Zurückhaltung – viele Produkte wurden für Firefox OS schlichtweg nicht angeboten.

Andere Unternehmen entschieden sich für eine Client/Server-Architektur, die das wertvolle geistige Eigentum von den Firefox-OS-Smartphones fernhielt. Für Kunden war das insofern unbefriedigend, als die Nutzung der Apps eine Internetverbindung voraussetzte.

App-Entwickler arbeiten – schon aus Tradition, aber auch aus Gründen der Haptik – ungern mit Emulatoren. Während die meisten Unternehmen immensen Aufwand in ihre "Erstlinge" steckten, entschied man sich bei Mozilla für eine Partnerschaft mit der spanischen Firma GeeksPhone. Diese erwies sich als alles andere als sinnvoll: Die Telefone waren anfangs so gut wie immer ausverkauft, Entwickler mussten sich mit den für die Plattform zu diesem Zeitpunkt weniger wichtigen normalen Nutzern um die Hardware streiten. Dass das von einer spanischen Bank bereitgestellte Frontend bei der Bestellung zudem Kreditkarten diverser prominenter Banken verweigerte, verschärfte die Situation zusätzlich.

Mindestens ebenso schlimm war die Qualität der Hardware: Während man mit dem Peak unter Abstrichen leben konnte, war der auf Kongressen und Events verteilte Keon wegen des nicht responsiven Bildschirms ein veritables Desaster. Erfahrungsgemäß stecken Entwickler am meisten Aufwand in die Plattform, die sie selbst verwenden – hier vergab Mozilla eine Chance.

In Retrospektive ist das bitter: Die später auf dem Mobile World Congress gezeigten Geräte waren durch die Bank um einige Klassen besser.

Wer eine Applikation für Firefox OS veröffentlichen wollte, lernte das Permission-Subsystem des Herstellers kennen. Mozilla erwies sich hier als besonders paranoid; selbst anspruchslose Funktionen wie das Öffnen eines TCP-Sockets setzten manuelle Zertifikation der Applikation voraus. Wer diesem Aufwand – QA-Wartezeiten von mehr als zwei Wochen waren anfangs Usus – durch eine zeit- und kostenintensive Umstellung auf WebSockets und eine gehostete App aus dem Weg gehen wollte, musste sich eine neue URL für sein Programm zulegen und verlor alle bisherigen User und Downloads.

Anbieter von "Hosted Apps" wurden im Store bis zuletzt benachteiligt: Es war nicht möglich, ein Programm nach dem erstmaligen Upload als aktualisiert zu markieren. Entwicklern entging dadurch wertvolle Marktbedeutung – bei einem Wechsel auf eine paketierte App wäre ebenfalls ein neuer App-Eintrag erforderlich gewesen, der alle bisherigen Downloads hätte verwaisen lassen.

Zwar kümmerten sich aus Amerika eingeflogene Entwickler auf Hackathons rührend um Interessierte. Leider galt dieser gute Eindruck nur eingeschränkt für den Rest der Organisation. Anfragen an das für die Vergabe von Promotionplätzen zuständige Team blieben oft wochenlang liegen, manche lokale Repräsentanten zeigten sich Entwicklern gegenüber sogar offen feindselig. An dieser Stelle litt Mozilla unter dem "Nachteil des Kleinen". Während man großen Unternehmen Ignoranz bis zu einem gewissen Grad verzeiht, ist das bei Kleinfirmen nun mal nicht der Fall.

Webbasierte Betriebssysteme funktionieren im Mobilmarkt nicht: Palms Pre-Serie mahnt warnend aus dem Friedhof der Geschichte. Die Niederlage von Mozilla ist – so bedauerlich sie für die Individuen auch sein mag – im Großen und Ganzen hausgemacht. Wer als Underdog in einem von etablierten Konkurrenten dominierten Markt Erfolg haben möchte, darf keine Fehler machen.

(Tam Hanna) / (ane)