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Kommentar: Bye bye, Nokia!

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Die Nachricht trifft nicht nur Insider des Mobilfunkmarkts wie ein Vollmantelgeschoss: Microsoft kauft Nokias Kerngeschäft für 5,3 Milliarden Euro. Stephen Elop kehrt mit der Handysparte zu seinem alten Arbeitgeber zurück. Auch die unter anderem auf S40 basierenden Feature-Phones werden künftig unter Microsoft-Regie gefertigt, für sie darf der Konzern die bei den Finnen bleibende Marke "Nokia" noch eine Weile benutzen.

Langfristig steht wohl auch für diese Geräteklasse die Umstellung auf Windows Phone an. Ob Microsoft dieses Ziel erreicht, ist allerdings fraglich. Denn ob das auf Intermediärcode basierende Windows Phone mit derartigen Geräten zurechtkommt, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.

Die Nokia World war auch 2011 voll – damals aber mit halb so viel Platz und jeder Menge Finanzjournalisten.

(Bild: Tam Hanna)

Die Übernahme markiert das absehbare Ende einer langjährigen Leidensgeschichte: Elop hat Entwickler und Fachjournalisten gleichermaßen vergrätzt. Auf der Nokia World 2011 in London herrschte nur deshalb nicht gähnende Leere, weil die Finnen die Standfläche im ExCel halbiert hatten – es waren die Finanzjournalisten, nicht die Entwickler, die für "volle" Hallen sorgten.

Nachdem Elop Symbian für tot erklärt hatte, kehrten viele Entwickler der (an sich zuverlässigen) Plattform den Rücken. Das Ende von MeeGo und Meltemi untermauerte zudem die weitgehende Wertlosigkeit der ehemals für viel Geld aufgekauften Trolltech-Entwickler.

Zu guter Letzt schaffte es Nokia auch, seine treuesten Gefolgsleute nachhaltig zu verstimmen. Die Communicator-Serie brachte den Finnen stets ein konstantes Einkommen – das Nokia E7 war der Traum vieler Nutzer. Unter Windows Phone gab es dann aufgrund der Abwanderung zu RIM und Sony Ericsson gar kein QWERTY-Telefon mehr – ein typischer Fall von "dumm gelaufen".

In den "goldenen Zeiten" von Windows Mobile gab es Dutzende von Herstellern, die mit ihren Smartphones um Marktanteile stritten. Nach der Einführung von Windows Phone reduzierte sich die Auswahl stark. Mittlerweile sind nur noch Samsung, Huawei, HTC und Nokia übriggeblieben. Doch auch hier täuscht der erste Eindruck: Laut der aktuellen Ausgabe des englischen Branchenmagazins Mobile kommen vier von fünf WP8-Telefonen mittlerweile aus dem Hause Nokia.

Samsung wollte die Omnia-Serie im Jahr 2009 auf Symbian umstellen – warum das nicht erfolgte, haben die Koreaner bis heute nicht verraten.

(Bild: Tam Hanna)

Samsungs Motive, weiter WP8-Hardware zu bauen, sind schwer einzuschätzen – es wäre denkbar, dass sich die Koreaner damit ihren Anteil am Marketingbudget erzwingen und sich so für das unrühmliche Ende des auf Symbian basierenden Omnia HD "bedanken". Huawei baut sein WP8 nur, um Nokia zu mobben – bei HTC dürften Verzweiflung und die Erinnerung an gute alte Zeiten den Ausschlag geben.

Für keinen der drei Hersteller wäre der Verlust des Windows-Phone-Geschäfts bedeutend. Es ist durchaus vorstellbar, dass einige der Anbieter der Plattform den Rücken kehren: Microsoft hat sich in der Vergangenheit immer wieder als unfair spielender Gegner erwiesen. Richtig kritisch wird die Lage, wenn Microsoft unter dem Namen Nokia auch Notebooks oder Tablets anbietet – die Folgen davon sind noch nicht abschätzbar.

Die Rest-Finnen konzentrieren sich in Zukunft auf Infrastruktur für Netzbetreiber und ihre Location-Dienste. Es ist fraglich, ob das sinnvoll ist – Carrier möchten ihre Logistikbeziehungen vereinfachen; Huawei und ZTE nutzen dies, um ihre Konkurrenten im Smartphone-Markt unter Druck zu setzen. Zudem haben die chinesischen Anbieter die Regierung der Volksrepublik China im Rücken. "Microsoft als Handybauer" dagegen ist unter Zugzwang – ob der Anlauf, mit Windows Phone und Nokia-Aufkauf die Apple-Strategie nachzumachen, funktioniert, wird sich weisen müssen. Genug Geld in der Hinterhand, um eine möglicherweise lange Übergangsphase durchzuhalten, hat Microsoft auf jeden Fall.


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