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Kommentar: Was der Docker-Deal für Microsoft bedeutet

Microsoft will Docker nativ unter Windows lauffähig machen. Dahinter steckt aber nicht eine neu entdeckte Liebe zu Open Source, meint Golo Roden. Es geht ums nackte Überleben.

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Docker und Microsoft wollen eine nativ unter Windows lauffähige Version der Software zum Verpacken und Verteilen von Anwendungen entwickeln. Der Deal unterstreicht nicht nur das außergewöhnliche Potenzial, das Docker von Investoren und anderen Unternehmen bereits zugesprochen wird. Es zeigt auch, dass Microsoft tatsächlich versucht, sich neu zu erfinden. CEO Satya Nadella macht Ernst mit der Devise "Mobile first, Cloud first".

Wenn Microsoft der Ankündigung Taten folgen lässt, wird das die Cloud-Plattform deutlich aufwerten. Schließlich entbehrt die Geschichte von Microsoft Azure nicht einer gewissen Ironie: Nachdem Microsoft in den vergangenen 20 Jahren viel Misserfolg mit webbasierten Diensten beschieden war, macht der Konzern mit der Cloud-Plattform endlich alles richtig. Doch dann kam Docker und revolutionierte innerhalb eines einzigen Jahres die Art, wie cloudbasierte Anwendungen verteilt und ausgeführt werden.

Der Haken: Docker läuft ausschließlich unter Linux. Das ist dank Virtualisierung auch auf Azure kein Hindernis, schließt aber alle Entwickler von Windows-Anwendungen und Microsoft-Techniken wie .NET aus.

Ein Kommentar von Golo Roden

Golo Roden ist Gründer der "the native web UG", eines auf native Webtechniken spezialisierten Unternehmens. Für die Entwicklung moderner Webanwendungen bevorzugt er JavaScript und Node.js und hat mit "Node.js & Co." das erste deutschsprachige Buch zum Thema geschrieben.

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Dass Microsoft nun nicht versucht, eine proprietäre Alternative als Quasi-Standard zu etablieren, sondern sich einer vorhandenen Technologie anschließt, ist äußerst bemerkenswert. In der Vergangenheit wäre das undenkbar gewesen. Obendrein ist zu bedenken, dass Docker unter Windows keinen einzigen der derzeit ungefähr 45.000 verfügbaren Container ausführen können wird: Da die Container einen Linux-Kernel als Basis erfordern, kann ein auf Windows aufsetzendes Docker das naturgemäß nicht leisten. Für Microsoft bedeutet das, große Hoffnungen in die Community und deren Akzeptanz eines "Windows-Dockers" zu setzen. Der Grund für Microsofts Engagement ist also an anderer Stelle zu suchen.

Einen unscheinbaren, aber höchst bedeutenden Hinweis auf Microsofts Motive kann der im März 2014 vollzogene Namenswechsel von Windows Azure zu Microsoft Azure geben: Microsoft hat verstanden, dass die Hochzeit von Windows endgültig Vergangenheit ist und dem offenen Web die Zukunft gehört. Der einzig für Microsoft gangbare Weg bleibt daher der Versuch, Azure als das zu etablieren, was Windows jahrelang für PCs war: das unangefochtene Cloud-Betriebssystem schlechthin. Der massive Ausbau von Azure in den vergangenen Monaten zielt genau darauf ab. Anders lassen sich die zahlreichen Erweiterungen und neu hinzugekommenen Funktionen von Azure kaum verstehen.

Doch alle Bemühungen um Dienste wie Azure Active Directory oder DocumentDB wären für Microsoft und seine Kunden in dem Moment wertlos, in dem Microsoft als einziger der namhaften Cloud-Anbieter auf die native Unterstützung des zukünftigen einheitlichen und modernen Standards zur Anwendungsverteilung und -ausführung verzichten würde. Die Wettbewerbsfähigkeit von Azure wäre schlichtweg verspielt.

Es geht Microsoft bei der Unterstützung von Docker nicht um eine neu entdeckte Liebe zu Open Source im Speziellen oder zu offenen Standards im Allgemeinen. Langfristig gesehen geht es ums nackte Überleben. Nadella hat das erkannt und richtet Microsoft konsequent auf einen neuen Kurs aus. Es keimt die Hoffnung, dass sich das Unternehmen tatsächlich neu erfinden kann – und das vielleicht sogar nachhaltig. (Golo Roden) / (jul)