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Kommentar zur GitHub-Übernahme: Fingerspitzengefühl gefragt

Was für die GitHub-Gründer eine tolle Erfolgsstory abrundet, könnte für Microsoft schwer zu stemmen sein. Trotz aller Bekenntnisse zu Open Source: Haben Entwickler Vertrauen in den Datenkraken?

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Fingerspitzengefühl gefragt: Microsoft übernimmt GitHub – ein Kommentar

Microsoft übernimmt GitHub für 7 Milliarden US-Dollar. Herzlichen Glückwunsch, ihr Gründer der das verteilte Versionskontrollsystem Git nutzenden Projekt-Hosting-Plattform. Ihr habt in den zehn Jahren des Bestehens von GitHub wohl alles richtig gemacht, seid finanziell aus dem Schneider und dürft euch nun bequem in den Sessel zurücklehnen.

Denn 2008 gestartet ist GitHub zur wichtigsten Cloud-Umgebung zur Verwaltung von Software-Repositorys geworden. Frühere Platzhirsche wie Subversion oder VCS finden sich nur noch vereinzelt oder in Legacy-Systemen, Git-Konkurrenten mit ähnlichem Potenzial wie Mercurial und Bazaar spielen nur eine untergeordnete oder keine Rolle mehr. Der mittlerweile zu Atlassian gehörende und zuerst allein Mercurial nutzende Filehosting-Dienst BitBucket hatte schon sehr bald mit Git-Unterstützung auf den Erfolg von GitHub reagieren müssen. Microsofts eigener Dienst Codeplex wurde dichtgemacht. Mittlerweile hat nahezu jedes große Open-Source-Softwareprojekt GitHub als Heimat. Da haben Noch-CEO Chris Wanstrath und seine Mitstreiter wirklich viel richtig gemacht.

Dass sich ausgerechnet das einstige Feindbild der Open-Source-Szene GitHub geschnappt hat, ist gar nicht mal so verwunderlich. Spätestens mit der Offenbarung von Firmenchef Satya Nadella, Open Source zu lieben, ist Microsoft zum fleißigen Nutzer von GitHub geworden. Und viele machen die Beobachtung, dass das Engagement des Konzerns bei Projekten wie .NET Core, C#-Compiler, Xamarin, Visual Studio Code und TypeScript durchaus von wahrem Open-Source-Charakter geprägt ist. Microsoft führte sogar schon mal die Jahrescharts der Contributoren auf GitHub an.

Doch das allein rechtfertigt sicherlich nicht die Übernahme, zumal es GitHub bislang nicht gelungen ist, mit seinem kommerziellen Angebot in die Gewinnzone zu kommen und die Rücklagen durch Investoren sicherlich bald aufgebraucht sein werden. Deswegen stand schon geraume Zeit eine Übernahme oder ein Börsengang im Raum. Mal losgelöst von steuerlichen Erwägungen, die aus Microsoft-Sicht für die Akquisition sprechen, mag es für die Redmonder wohl auch darum gehen, die riesige Zahl der registrierten GitHub-Anwender – die Rede ist von 27 Millionen – zu den eigenen Angeboten insbesondere im Azure-Umfeld zu locken. Wie verheißend mag für Microsoft ein direkt aus GitHub nach Azure führender Deploy-Button sein!

Hier wird es jedoch "tricky", und so mancher wird jetzt ein flaues Gefühl in der Magengegend haben. Denn sicherlich nehmen viele Entwickler Microsoft als Datenkrake wahr. Es sei nur an die LinkedIn-Übernahme und Microsofts Umgang mit Telemetriedaten bei Windows erinnert. Ganz zu schweigen von lang gedienten Open-Source-Recken, die – berechtigt oder nicht – ihr traditionelles Misstrauen gegenüber den Redmondern beibehalten haben. Microsoft wird hier viel Fingerspitzengefühl brauchen, die Szene nicht zu vergraulen. Denn schwuppdiwupp sind die ersten, auch renommierten Softwareprojekte Richtung Konkurrent Gitlab gewandert, der obgleich die deutlich kleinere Firma ein vergleichbares Angebot beherbergt. Und wem nach den jetzigen Erfahrungen das zu unsicher ist, der mag es dann mit Gitea probieren.

Die Rede war bislang noch gar nicht von den Nutzern des kommerziellen GitHub-Angebots oder Microsofts Konkurrenten, die ihren nicht öffentlichen Code bei GitHub hosten und nun befürchten müssen, dass der "Feind" mitlauscht. Ist bei diesen das Vertrauen groß genug, dass Microsoft nicht irgendwie Schindluder mit dem neuen Wissen treibt? Da hat Microsoft also viel Aufklärungsarbeit vor sich. GitHub soll "unabhängig weiterarbeiten", um eine Plattform für alle Entwickler in allen Industrien zu bleiben, so heißt es bei Microsoft. Das hört sich doch hoffnungsvoll für fast alle an. Und bei LinkedIn hat der Konzern ja auch das richtige Händchen gehabt, oder etwa nicht? (ane)