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Kommentar: Power to the Developer People!

heise-Developer-Redakteur Alexander Neumann sieht Softwareentwickler in der Pflicht, für eine bessere Welt mit gutem Beispiel voranzugehen.

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(Bild: Tatiana Shepeleva/Shutterstock.com)

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Seit Monaten gehen Schulkinder weltweit jeden Freitag auf die Straße, um für eine bessere Welt zu protestieren. Die Veranstalter der IAA haben schon lange nicht mehr so viel Protestbewegung erfahren dürfen wie in diesem Monat. Die PHP-CE-Konferenz wurde gecancelt nach Protesten, dass ihr Speaker-Line-up nicht genügend divers zusammengestellt war. Unternehmen wie Google, Microsoft, AWS, Salesforce.com, aber auch jüngst der DevOps-Experte Chef Software erhalten Gegenwind auch aus den eigenen Reihen, wenn sie sich mit Organisationen einlassen, die nach Meinung so mancher für inhumane Absichten stehen.

Vier ganz unterschiedliche Beispiele, die verdeutlichen, dass es dieser Tage in den Gesellschaften und Communitys brodelt. Schon lange ist es her, dass so viele Menschen ein Signal gegen menschenverachtendes Gebaren, die Zeichen der Zeit verkennende Industrien oder für eine klimafreundliche Zukunft gegeben haben. Die Allgemeinheit reagiert darauf ganz gemischt. Für die einen ist die Klimaaktivistin Greta Thunberg eine Heilsbringerin, andere stört der Kauf des nächsten SUV überhaupt nicht. So unterschiedlich sind die Menschen nun mal.

Und doch hat es allem in allem den Anschein, als erlebten wir gerade eine Welt im Umbruch. Wäre es vor ein paar Jahren denkbar gewesen, dass ein einzelner Softwareentwickler wie Seth Vargo einfach mal so beschließt, den von ihm früher entwickelten Open-Source-Code zurückzuziehen, als er davon hört, dass sein früherer Arbeitgeber mit der US-Einwanderungsbehörde zusammenarbeitet? Vielleicht ja, wobei die meisten wohl früher Politik eher als firmenintern wahrgenommen hatten. Entscheidender ist vielmehr, dass Manager wie die von Chef in ihren Entscheidungen ziemlich schnell zurückrudern müssen, wenn der Druck durch soziale Netze und offenkundig sogar die eigene Belegschaft allzu groß wird. Letztere will man ja in Zeiten des Personalmangels unbedingt halten.

Nun kann man sicherlich darüber streiten, mit welchem Recht dürfen Entwickler Code für sich in Anspruch nehmen, den sie einst als Angestellte veröffentlicht haben. Für gewöhnlich regeln so etwas Arbeitsverträge oder eben Lizenzen, unter denen der Code steht. Auch lässt sich sehr wohl darüber diskutieren, ob politisches Engagement IT-Verträge beeinflussen darf.

Für mich stehen zwei andere Punkt im Vordergrund: Vargo handelt als ein mit den gesellschaftlichen Zuständen unzufriedenes Individuum und setzt in seinem Fall ganz klar ein Zeichen für die Menschlichkeit, der es einigen potenten Machthabern ja zu fehlen scheint. Das passt sehr gut zu einer zunehmend größer werdenden Entwicklerschar, die sich ihrer wachsenden Bedeutung in der Gesellschaft bewusst wird und die Rolle von Meinungsträgern bis hin zu Vorbildern einnehmen.

Der zweite Punkt greift die auch nicht gerade neue Überlegung auf, so etwas wie einen hippokratischen Eid für Softwareentwickler einzuführen. Eine Idee, die angesichts des Durchbruchs von Machine Learning und Künstlicher Intelligenz und einer Zeit, in der quasi alles digitalisiert, also mit Software realisiert wird, nicht von der Hand zu weisen ist. Dass hier viel Raum besteht, irgendwelchen Schindluder zu treiben oder dafür missbraucht zu werden, steht außer Frage. Warum also nicht Entwickler frühzeitig in die Verantwortung nehmen, und zwar mehr als nur als eine Selbstverpflichtung!

Gut, das könnte für jede Berufsgruppe zutreffen, und alle sollten ein Interesse haben, dass wir im Sinne einer besseren Welt handeln. Schließlich haben wir nur diese eine. Doch die Zunft der Softwareentwickler steht nun mal durch ihre herausragende Position besonders in der Pflicht und sollte allen anderen phalanxartig vorangehen. Vargo ist demnach mit gutem Beispiel vorangegangen. (ane)