Vor 50 Jahren: Die Software AG wird gegründet

Am 30. Mai 1969 entstand ein Unternehmen, das sich als erste Vertriebsgesellschaft für standardisierte Programmsysteme deutscher Provenienz verstand.

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Die Verbundenheit zu der Lehre von Rudolf Steiner spiegelt sich in der Anmutung des Stammsitzes in Darmstadt-Eberstadt wider

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Auf den Tag genau vor fünfzig Jahren gründeten sechs junge Männer – alle Mitarbeiter des Beratungsunternehmens AIV (Institut für Angewandte Informationsverarbeitung) – die Software AG in Darmstadt. Ziel war es von Beginn an, standardisierte Programmsysteme mit den Gütesiegel "software made in Germany" zu vermarkten. Zwei Aspekte der Gründung waren aus damaliger Perspektive bemerkenswert: Die Betriebsform als AG, die ein Grundkapital von einer Million DM bedingte und die konsequente Aufstellung als Software-Produkthaus. Das Kapital wurde bis auf wenige Tausende DM als Sacheinlage – nomen est omen – in Form der Listings mehrerer bei AIV entstandener Programme eingebracht.

Die Darmstädter waren wahre Trendsetter. Denn eine unabhängige Software-Industrie war gerade im Entstehen begriffen. Zu der Zeit wurden von den führenden Computerherstellern ausschließlich Komplettsysteme aus Hardware, Programmen und Services bepreist und vermarktet. Am 23. Juni 1969 verkündete allerdings IBM offiziell, Hard- und Softwarepreise künftig separat in Rechnung stellen. Der seinerzeit übermächtige Computerkonzern wollte mit dem "Unbundling" seine Position im anstehenden Anti-Trust-Verfahren verbessern. Es dauerte zwar noch bis zum Frühjahr 1972, dass IBM das Versprechen hierzulande einlöste. Gleichwohl wird dieser Unbundling-Schritt ein wenig euphemistisch im Nachgang als Startschuss der unabhängigen Softwareindustrie gefeiert.

Die Gründung der Software AG knapp vier Wochen zuvor belegt indes, dass in Realität die Zeit schlichtweg reif für mehr Software oder genauer Software-Produkte war. Es gab handfeste ökonomische Gründe für eine eigenständige Softwareindustrie. Der technische Fortschritt auf allen Ebenen und der stetige Preisverfall der Hardware ließ die Zahl von Unternehmen genutzten Rechner hochschnellen. Diebold zählten beispielsweise 1960 gerade einmal ganze 170 Computer in der Bundesrepublik. Zehn Jahre später waren es bereits über 6300.

Der Bedarf an spezialisierten Anwendungsprogrammen wurde immer sichtbarer und dringlicher. Schon 1968 hatten die Berater von McKinsey in einem Aufsatz mit dem Titel "Unlock the Computer's Profit Potential" beklagt, dass Hardware für 100 Dollar Folgekosten von 101 Dollar für das Erstellen und Warten von Programmen sowie 186 Dollar Personalkosten nach sich ziehe. Das Wort der Softwarekrise machte zumindest unter Eingeweihten die Runde und die Mehrfachverwendbarkeit vorgefertigter Programmbausteine galt als Ausweg.

Unter der Leitung des Mathematikers Peter Schnell machte sich jedenfalls rund ein Dutzend Mitarbeiter daran, ein universell einsetzbares und adaptierbares Datenbanksystem – kurz ADABAS – zu programmieren. Mit 300.000 DM wurde für das System bereits im 1970 veröffentlichten Softwarekatalog von ISIS (Infratest Software InforSolutions) ein Preis ausgelobt, auch wenn der kommerzielle Einsatz noch ein Jahr auf sich warten ließ. Ein schöner sechsstelliger Batzen Fördermittel aus Bonn kurbelten die Entwicklung an. Das Datenbanksystem wurde für die Darmstädter zu einem kommerziellen Erfolg und steuert heute noch verlässlich so manchen Euro zum Umsatz bei.

Mathematiker und Anthroposoph: Peter Schnell, langjähriger Software AG-Chef und Kopf hinter Adabas

(Bild: Software AG)

Zu Beginn verlief das Geschäft jedoch freundlich formuliert äußerst zäh. Die Folge war, dass der ursprüngliche Vorstandsvorsitzende, der AIV-Chef Peter Kreis, in den Aufsichtsrat wechselte und fortan Schnell die Unternehmensgeschicke leitete. Zugleich – und das ist eine weitere Besonderheit der Software AG – wurden die Darmstädter schnell international aktiv. Gemeinsam mit John Maguire, einem formidablen Vertriebsmenschen, gründete man 1972 beispielsweise die Software AG of North America (Sagna) und erzielte auf dem amerikanischen Markt binnen drei Jahren einen Umsatz von über 5 Mrd. Dollar.

Mit Verzögerung sprangen dann auch hierzulande die Verkäufe an, wozu die für den Behördenmarkt entscheidende Portierung auf Siemens-Rechner ihr Scherflein beitrug. Zugleich werkelte in Darmstadt Peter Pagé, der spätere stellvertretenden Vorstand der Software AG, an der Programmiersprache und Entwicklungsumgebung Natural. Mit der sollten Firmen bequem individuelle Anwendungen auf dem Fundament ihrer Datenbank realisieren können. Das Kombi-Pack aus Adabas und Natural machte die Software AG in den Achtzigern zum führenden deutschen Softwareprodukthaus.

Zu dieser Zeit poppten wiederholt Gerüchte über Fusionsgespräche mit der Walldorfer SAP auf. Auf dem Papier sprach schließlich einiges für eine Liason, bei der eine Seite die Datenbanken und die andere Seite die Anwendungen einbringen würde. In realitas standen die Egos der Firmengründer dagegen. Überhaupt war der prinzipienfeste Rudolf-Steiner-Jünger Peter Schnell wiederholt Gegenstand von Artikeln in Wirtschaftsgazetten, zumal die Geschicke der Software AG lange Zeit mittels trickreichen, steuerschonenden Stiftungskonzepten gelenkt wurden. Seit dem Börsengang vor 20 Jahren – konkret an 29. April 1999 – wird dies allerdings eher als anekdotenhaft hervorgekramt.

Schon in den Neunzigern mühte sich die Software AG um Erfolge im Integrationssoftware- und Middleware-Geschäft

(Bild: Software AG)

Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger wurde das geschäftliche Umfeld der Software AG zunehmend rauer. Wie so viele Softwarefirmen der ersten Stunde hatte man das Marktsegment der dezentralen Datenverarbeitung auf Client-Server-Basis, Unix und der SQL-basierten Datenbanken verpennt. US-amerikanische Newcomer, allen voran Oracle, wurden (über-)mächtig. Sehr zögerlich reagierte man in Darmstadt auf den Markttrend und brachte neben der Unix-Variante von ADABAS mit dem Entire SQL-DB-Server ein weiteres Datenbank-Produkt auf den Markt. Grundlage des später unter dem Namen Adabas D vermarkteten Systems ist DDB4, für das man bei der Siemens Nixdorf-Tochter SQL-Datensysteme eine Lizenz erwarb. Ein nachhaltiger Erfolg ist dem Produkt ebenso wenig beschieden gewesen, wie den um die Jahrtausendwende eingeführten Programmen Bolero (objektorientierte Entwicklungsumgebung für Java) und Tamino (XML-Datenbank).

Die Regentschaft von Erwin Königs, der vom November 1996 bis November 2002 die Geschäfte der Software AG verantwortete, wirkt ein wenig wie die dunkle Zeit der Firmengeschichte. Ein wenig ist der Manager auch Opfer des Crashes der New Economy, da dort die genannten Produkte vermarktet werden sollten. Die Berufung Königs wird im Gegensatz zum Eintritt von Karl-Heinz Streibich von dem Hersteller in der aktuellen Zeitleiste jedenfalls nicht aufgeführt.

Der in Politik und Wirtschaft gut vernetzte Streibich, vormals bei T-Systems beschäftigt, konzentrierte die ausufernden Aktivitäten der Darmstädter wieder auf das traditionelle Adabas/Natural-Datenbankgeschäft und – neu – auf SOA, Middleware und Integrationssoftware. Letztgenannte Sparte baute Streibich durch Übernahmen großer und kleiner Softwarefirmen (webMethods, IDS Scheer, Terracotta, Apama, Cumulocity) auf. Gebündelt als Digital Business Platform (DBP) sollte hiermit Anwendungsfirmen eine Plattform zur Umsetzung ihrer digitalen Transformation geboten werden.

Karl-Heinz Streibich, bis Juli 2018 Software- AG-Geschäftsführer, erklärte auch Politikern die Welt der Digitalisierung

(Bild: Software AG)

2011 verkündete der Manager, dem eine Lehrer-Attitüde nicht fremd ist, den seinerzeitigen Umsatz von 1,12 Milliarden Euro binnen zehn Jahren zu verfünffachen. Tatsächlich pendelt der Umsatz sich aktuell unter 1 Milliarden Euro ein, da die Übernahme der IDS sich als Flop erwies und die Wachstumsphantasien hinter der DBP bislang nicht bewahrheiteten. Konsequenterweise hat der von IBM kommende Sanjay Brahmawar, der seit August 2018 Vorstandsvorsitzender ist, dem Unternehmen eine neue Strategie verordnet. (ane)