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  • Dwarvo

13 Beiträge seit 01.12.2017

Das Große und Ganze

Ich habe mir einige Kommentare hier durchgelesen. Meinungsbildung ist wohl doch ein schwieriger Prozeß, und das um so mehr je mehr Meinung man bereits hat ;-)

Deshalb möchte ich meine Sichtweise zum Artikel und den Thesen mal darstellen:

zum Artikel selbst: er bringt nichts grundlegend Neues, sondern präzisiert theoretische Überlegungen und andere Studien, indem er sich einige Teilaspekte genauer anschaut. Das ist eine gültige und in keiner Weise manipulierte oder minderwertige Herangehensweise, wie hier z.T. suggeriert. Das Elektromotoren die effizientesten Motoren sind, hat unsereins schon in der Schule gelernt. Hier wurde es auf die gesamte Wirkungskette ausgedehnt, unter Voraussetzungen, die zwar aktuell nicht erreicht sind, aber ein realistisches zukünftiges Szenario darstellen. Insofern eine wirklich interessante Studie.

Zu den Thesen:
vorgeschriebene Technologien: ob Gesetze oder nicht notwendig oder sinnvoll sind, kann man nicht mit einem grundsätzlichen Ja oder Nein beantworten. Ein grundsätzliches Nein geht von Annahmen aus, wie z.B. die beste Technologie setzt sich in einer Art evolutionären Prozeß durch. Das ist wahrscheinlich, nur ist die Frage, was ist "die Beste" Technologie. Hier spielen nämlich viele Faktoren hinein:
- Kosten: bekannte Technologien sind günstig in der Produktion, weil Neuentwicklungen meist erst einmal viel Geld kosten, und erst langsam kostendeckend werden. Teure Technologien wie Brennstoffzellen haben von vornherein einen schlechteren Start, selbst wenn sie für die Umwelt besser wären. Die Kosten können zum Erfolg einer schlechteren Alternative führen, wie die "Senioren" sicher noch hinsichtlich des VHS Videoverfahrens bestätigen können.
- Veränderung: Firmen wollen die Zukunft kennen, damit sie ihre Strategie planen können. Veränderungen führen Unbekannte ein, die das wirtschaftliche Risiko erhöhen. Deshalb setzen viele Firmen lieber auf Bewährtes. Hier spielen auch psychologische Aspekte eine große Rolle (was der Bauer nicht kennt, frißt er nicht).
- Mode: klingt vielleicht komisch, aber man kann es ständig beobachten: plötzlich wird ein Gerät super bekannt, das nichts macht als sich nur auf den Fingern zu drehen. Und genauso schnell vergißt man es wieder. Einmal sind 12 Zylinder und apokalyptischer Motorenlärm super geil, und plötzlich finden man es super schick, vollkommen geräuschlos in 3 Sekunden von 0 auf 100 zu beschleunigen. Das sind kurzfristige Effekte, aber der Erfolg von Firmen wie Apple zeigt ihre Bedeutung. In einem Test dieser unsäglichen Laubbläser hat man mal herausgefunden, dass Männer eher zum Kauf des lautesten Teils neigen, selbst wenn eine leistungsstärkere Elektro-Alternative angeboten wird.
- intellektuelle Erkenntnis: mein Eindruck ist, dass die Entscheidung auf Basis eines Erkenntnisprozesses, also Sammlung von Information, Bewertung, Schlußfolgerungen und konsequente Umsetzung, kurzfristig die geringste Rolle spielt. Diese Effekt sind wenn vorhanden, eher langfristig, wie man z.B. an der Entwicklung der biologischen Landwirtschaft erkennt. Sie war in ihren Zielen und Wirkungen in den 1980ern nicht anders als heute, aber heute ist es absolut nichts besonderes mehr, Bio zu kaufen, es gilt im Gegenteil als Zeichen persönlicher Verantwortung. In den 80ern wurde man schnell als alternativer Öko belächelt oder beschimpft.

Es gibt natürlich viel mehr Faktoren. Der Gesetzgeber kann nun durch Eingriff vor allem die langfristigen Entwicklungen beschleunigen oder sogar steuern. Das setzt voraus, dass er qualifiziert handelt. Und ich vermute, dass genau hier in den Augen vieler der Hase im Pfeffer liegt. Ein unregulierter Markt ist jedoch nicht automatisch der bessere Markt, wie man aus obigen Argumenten ableiten kann, es kommt allein auf die Bewertungskriterien an.

Dazu kommt gleich Punkt zwei: aus umweltpolitischer Sicht ist die steuerliche Begünstigung von Dieselkraftstoff auf jeden Fall zweifelhaft. Ein schnellerer Wandel zu Gunsten der Umwelt könnte herbeigeführt werden, wenn diese Subventionen zu Gunsten umweltfreundlicher bzw regenerativer Technologien verwendet würden. Die Steuerung durch den Gesetzgeber kann also durchaus positiv bewertet werden, ganz abhängig von den Bewertungskriterien.

Rohstoffe: hier fehlt ein wichtiger Aspekt: zukünftige Entwicklungen. Aktuelle Lithium-Polymer-Technologie gilt Manchem jetzt schon als Übergangstechnologie. Die Diskussion zum Rohstoffbedarf muß also die sich abzeichnenden zukünftigen Technologien berücksichtigen. Hier scheint es eine positive Entwicklung zu geben, weg von seltenen Erden, hin zu z.B. Feststoffbatterien (Fraunhofer Institut, Fisker). Diese Aspekte müssen berücksichtigt werden, können aber wegen ihrer Veränderlichkeit nicht zu K.O.-Kriterien stilisiert werden. Wichtiger wäre es, hier Alternativen zu suchen, wo Schädigung von Mensch und Umwelt oder Rohstoffknappheit entsteht. Hier wird auf lange Frist auch schlicht nur Mäßigung des Bedarfs helfen.

Faktor Zeit: besser wäre alles sofort, aber natürlich brauchen die Entwicklungen ihre Zeit. Mir fällt auf, dass vor allem die Wirtschaft versucht auf diesen Faktor zu spielen, vielleicht nach dem Motto: "dann bin ich hoffentlich schon in Rente und muß keine Verantwortung übernehmen." Unsere deutsche Automobilindustrie liefert hier eine schlichtweg jämmerliche Vorstellung, wenn ich das mal bewerten darf :) Firmen wie Toyota oder Tesla zeigen, dass man die Sache auch anders angehen kann, Firmen wie Hyundai/Kia zeigen, dass man sogar einen von anfang an betriebswirtschaftlichen Blickwinkel anwenden kann.

Die Umstellung von Nutzfahrzeugen wäre ein wesentlicher Faktor. Das ein Unternehmen wie die Post genau das macht, zeigt, dass hier auch betriebswirtschaftliche Aspekte für den Einsatz von Elektroautos eine Rolle spielen. In Frankreich werden schon großräumig Elektroautos als Zustellfahrzeuge eingesetzt, Deutschland ist da also nicht mal so recht vorreiter (der Unterschied ist, in Deutschland soll die gesamte Flotte auf Elektro umgestellt werden). Kommunen tun sich da natürlich schwerer, wegen der unmittelbaren Kosten und des Kräftespiels zwischen Politikern und Wirtschaft (Beispiel LiMux).

Und ganz zum Schluß meine eigene Meinung: ich fahre Hybrid, und bin fest entschlossen mir als Nachfolger einen Vollelektrischen zu kaufen. Wenn man einen Hybrid fährt merkt man sehr schnell, dass elektrisch fahren einfach das bessere Fahren ist :)

Was bleibt: der Blick aufs Ganze: der Individualverkehr ist nur ein Teil des Gesamtpaketes. Emissionen entstehen vor allem in Industrie, Landwirtschaft und Verkehr. Verkehr kann man noch unterteilen in z.B. zu Land, zu Wasser und in der Luft. Die Ökobilanz des Schiffsverkehres z.B. scheint verheerend zu sein, und hier passiert noch nicht viel. Die Luftfahrt hört die Nachtigal trapsen, hofft aber aktuell wohl noch, dass der Kelch an ihnen vorübergeht ...

Ach ja, und ich bin hier gerade total eingeschneit. Also, das mit dem Klimawandel, da stimmt doch was nicht ... ;-)

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