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  • Brux Elles

287 Beiträge seit 06.09.2005

[BBBB] Brux’ banaler Bericht aus Brüssel

Der Winter in Brüssel ist gewöhnlich kurz und nass. Dieses Jahr war
er nach einer Woche vorbei – und selbst das ist länger als
gewöhnlich. Als doppelglasscheibenverwöhnter Mitteleuropäer sehe ich
mit Entsetzen auf die Nachricht, der Golfstrom könnte sich in
Richtung Süden verziehen und uns hier mit skandinavischen Wintern für
die Nichteinhaltung des Kyoto-Protokolles strafen.

Man sagt, die Belgier gäben weniger Geld für Isolierung aus als die
Spanier, und mehr für die Heizung als die Schweden – was
wahrscheinlich irgendwie zusammen hängt. Veraltete Heizanlagen,
einfachverglaste Fenster – gewöhnlich noch nicht mal an den Ritzen
abgedichtet..  Wozu auch, das Wetter hier entspricht dem im Süden
Englands – feucht, warm und ziemlich verregnet.

Wenigstens ist das Essen hier besser.

Aber auch sonst ist man in Brüssel auf die Engländer nicht immer gut
zu sprechen. Der sogenannte „Britten-Rabatt“ war immer schon ein
Zankapfel, und dass nun ausgerechnet während der britischen
Ratspräsidentschaft das Thema wieder auf den Tisch kommt, ist sicher
auch kein Zufall.

Besonders entsetzt über die britischen Vorschläge waren nun die
osteuropäischen Neu-Mitglieder. Diese hätten eher erwartet, dass
ihnen die Deutschen oder die Franzosen noch „einen reinwürgen“ würden
– für die Unterstützung Großbritanniens und der USA im Irakkrieg sind
ja noch ein paar Rechnungen offen – aber dass ausgerechnet ihr
„Verbündeter“ Tony Blair ihnen in den Rücken fällt, dürfte in Zukunft
einige neue Alianzen entstehen lassen.

Nun hört man allerorten Polen und Tschechen über ‚diese Britten’
nörgeln. Plötzlich fällt ihnen auf, dass es immer die Inselbewohner
sind, die ihnen den Parkplatz wegnehmen, die nachts laut auf der
Straße krakelen und frühmorgens mit Kloggs durch’s Treppenhaus
rennen. Außerdem können sie nicht autofahren – und gerade letzteres
ist ein Ruf, den man sich hart erkämpfen muss, in einem Land, in dem
angeblich die schlechtesten Autofahrer der Welt auf die Menschheit
losgelassen werden.

Es gibt ein ‚bon mot’, nach dem die Deutschen im Zweiten Weltkrieg in
Belgien mehr Soldaten durch Autounfälle verloren haben sollen als
durch die Kampfhandlungen. Das ist natürlich Quatsch, gibt aber eine
Ahnung davon, wie es um die Fahrkünste der Belgier bestellt ist.

Ich sehe das allerdings etwas differenzierter: der durchschnittliche
Belgische Autofahrer ist ganz in Ordnung – wirklich in Acht nehmen
muss man sich (in genau dieser Reihenfolge) vor den folgenden:

1) Die allerschlechtesten Fahrer auf Brüssels Straßen sitzen in Autos
mit Diplomatennummernschildern (grünes „CD“ und rote Nummer). Wenn
ein solches Auto auftaucht, unbedingt *sehr* großen Abstand halten
und immer mit dem Schlimmsten rechnen.

2) Als nächstes kommen die Eurokraten (zu erkennen am blauen
Nummernschild das mit *EUR* beginnt). Auch hier gilt es vorsichtig zu
sein (nicht zu verwechseln mit den Mitarbeitern von EuroControl, bei
denen heisst es *EURO* im Nummernschild, und die wissen i.A. was sie
tun)

3) Dann kommen die belgischen Nummernschilder, die *nicht* nach dem
Schema „ABC•123“ gehen. Das sind alte Nummernschilder, die zu einem
Fahrer gehören, der niemals eine Fahrprüfung gemacht hat. Wenigstens
hat er mindestens schon 10 Jahre Fahrerfahrung und bisher überlebt,
aber höchstwahrscheinlich kennt er die Hälfte der Verkehrsregeln
einfach überhaupt nicht.

Das Problem ist, dass in Brüssel etwa jedes dritte Auto in die
Kategorien 1) oder 2) fällt, und ein weiteres Drittel in die
Kategorie 3). Das heisst, man muss also immer mit haarsträubenden
Fahrfehlern rechnen: Blinker werden allgemein als unnötig angesehen,
Fahrbahnmarkierungen gelten als Zumutung, und grundsätzlich gilt: wo
ein Wille ist, ist auch ein Weg – notfalls überholt man mal eben
rechts über den Gehweg.

Wenn ihr also mal auf ein Bierchen nach Brüssel kommen wollt, stellt
den Wagen am besten in Aachen auf den Park’n’Ride Parkplatz, und
nehmt den Zug. Das spart viel Nerven, und wahrscheinlich auch die
ein- oder andere Beule im Blech (oder schlimmeres).

Aber ich schweife ab.

Unser aller Merkel scheint es geschafft zu haben, Blair und Chirac zu
versöhnen. Ob das wirklich ihr Verdienst war, darüber gehen die
Meinungen hier auseinander, aber auf jeden Fall ist es ihr gelungen,
sich als Mediator in Szene zu setzen, und alleine das ist auch schon
eine sehr gute Leistung, die ihr kaum jemand zugetraut hätte (am
wenigsten ich selber).

Aber auch Leute, die ihr politisch näher stehen, wundern sich, dass
sie tatsächlich in der Lage ist, solchermaßen geschickt die Strippen
zu ziehen und am Ende als Gewinner dazustehen.

Einige haben auch schon darauf hingewiesen, dass ironischerweise
Stoiber damals die Wahl verloren hat, weil Merkel im falschen (bzw.
richtigen, je nachdem wie man es sieht) Augenblick Bush in den A..
gekrochen ist.

Nachher wollte sie davon ja verständlicherweise nichts mehr wissen,
aber praktischerweise ist sei drei Jahre später selber
Kanzlerkandidatin und nun Kanzlerin. Ein Schelm wer böses dabei
denkt.

Stoiber ist nicht so gut auf Merkel zu sprechen. Wundern tut’s mich
nicht :-)

Nächste Woche schreibe ich wie man Spass mit Lobbyisten haben kann –
oder auch über das Wetter, oder wie sehr die Belgier Sudoku lieben,
oder... na, mal sehen... ich zieh' mir erst mal einen Pullover an, es
ist kalt!

Bis dahin

viele Grüße aus der europäischen Hauptstadt

Brux Elles
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