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  • Brux Elles

287 Beiträge seit 06.09.2005

[BbBB] Brux' banaler Bericht aus Brüssel

Heute: Schweizer Käse allerorten

Wer es schafft, ohne allzu viele Dellen im Auto durch die Brüsseler
Innenstadt zu kommen, ist deswegen noch lange nicht da angekommen, wo
er hinwollte. Die Brüsseler haben eine eigene Methode entwickelt,
„ihre“ Stadt gegen den Einfall der Barbaren – pardon, der Fremden
jedenfalls – zu schützen: Es gibt ein unterirdisches Labyrinth, in
dem sich die Urtsunkundigen verirren sollen, bis sie ihre
schändlichen Versuche, zu ihrem Hotel zu gelangen, endlich aufgeben.
Genau, es geht um die Brüsseler Tunnels.

Unter der Erde sieht Brüssel nämlich eher aus wie ein Schweizer Käse
– Schächte und Tunnels allerorten. Nicht nur für Metro, U-Bahn und
Kanalisation – auch den Straßenverkehr hat man auf diese Weise
buchstäblich ‚unter die Erde’ gebracht.

Abgesehen davon, dass ganz Belgien ohnehin sehr schlecht (und dazu
noch abwechselnd Französisch und Niederländisch) ausgeschildert ist,
haben die Brüsseler Tunnels noch die unangenehme Eigenschaft, dass
sie eigentlich nie einfach nur gerade weiterführen, sondern sich
krümmen und winden; dass sie sich verzweigen und der Ausgang dann
irgendwo wieder an’s Tageslicht führt, nur nicht da, wo es der
Ortsunkundige vielleicht erwarten würde.

Wem das nicht reicht, dem haben die Brüsseler noch besondere
Komplikationen eingebaut: Tunnelzweige, die normalerweise gesperrt
sind, weil sie direkt in den Königspalast oder zur Europäischen
Kommision führen.

Das hält abenteuerlustige Autofahrer freilich nicht davon ab,
gelegentlich mal zu probieren, ob man so nicht vielleicht mal eben
den Stau (=Dauerzustand in Brüssel!)  umfahren könnte. Wie schon
zuvor erwähnt: Verkehrsregeln gelten in Brüssel bestenfalls als
unverbindliche Empfehlungen.

Beliebt ist z.B. die linke Fahrspur im Belliard-Tunnel, die auch bei
Stau fast immer frei ist. Nun, an der roten Ampel darüber kann es
nicht liegen, so etwas kümmert hier sonst keinen. Die meisten
Brüsseler ahnen jedoch, dass diese Abzweigung keine Abkürzung sein
kann. Wer sich auskennt, weis sogar, dass am Ende dieses Tunnels ein
Heer an Polizisten und Sicherheitskräften nur darauf wartet, dass ein
Selbstmordattentäter versucht, auf diesem Weg eine Autobombe in den
Keller der Kommision zu fahren.

Na ja, vielleicht auch nicht. Das Flugverbot über dem EU-Viertel
scheint ja auch niemanden zu interessieren. Ich würde es jedenfalls
lieber nicht ausprobieren. Aber ich würde ja auch die Tunnels
überhaupt lieber vermeiden, zu mindest diejenigen, über deren Verlauf
ich mir nicht 100%-ig sicher bin.

Wenn schon Schweizer Käse, dann lieber in einem der entsprechenden
Spezialitätenrestaurants. Als internationale Kapitale hat Brüssel
natürlich auch Küche aus aller Herren Länder aufzubieten. Ein schöner
Fondueabend mit Freunden kann wirklich nett sein, vor allem, wenn der
Wirt sich zu unseren Gunsten bei der Abrechnung verrechnet (was hier
seltsamerweise recht häufig vorkommt! Muss wohl am Bier liegen :-)

Schade nur, dass in Brüssel ganz eindeutig die Eidgenossen sehr
schwach repäsentiert sind. Genauso wie die Norweger übrigens, aber
darüber schreibe ich ein anderes Mal.

Nun haben die Schweizer ja den Beitritt zum Europäischen
Wirtschaftsraum abgelehnt, und obwohl sie offiziell einen
Beitrittsgesuch bei der EU eingereicht haben, gilt dieser im
EU-Jargon als „eingefroren“ (der Schweizer Ausdruck dafür ist
„schubladisiert“)

Bis auf weiteres bleibt es daher bei den sog. „Bilateralen
Verträgen“, die alles und nichts bedeuten können. Auf jeden Fall sind
sie draußen – und wen ärgert’s am meisten? Richtig: die Schweizer
selbst.

Dem Käsebauern in der Schwyz wird vielleicht nur der Zugang zu seinem
zweitwichtigsten Absatzmarkt etwas schwerer gemacht, aber schon auf
dem Flughafen sieht der reiselustige Eidgenosse etwas, was ihm im
Herzen wehtun muss: EU und Non-EU steht da über den zwei Ausgängen.

Während nun also die polnischen Klempner und tschechischen
Fliesenleger munter durch den „EU“ Ausgang strömen, stehen Berner
Geschäftsleute in einer Schlange mit Asylbewerbern aus Ghana und
Mosambique.

Das Spiel wiederholt sich, wenn man sich im Ausland niederlassen
will. In den Ausländerämtern aller EU Länder gibt es die gleichen
zwei Warteschlangen: EU und Nicht-EU. Ratet mal, in welcher es
schneller vorwärts geht. Ratet mal, an wem die Beamten ihre
Frustrationen auslassen.

Kein Wunder also, dass so ziemlich alle Schweizer, die man so im
Ausland trifft, sehr wenig Verständnis für den Isolationismus der
Daheimgebliebenen haben.

Vor allem, wenn man bedenkt, dass die allergrößte Angst jedes
Schweizers – ihr Fränkli gegen den großen bösen Euro einzutauschen –
mittlerweile den Schrecken verloren haben dürfte. Kein Mensch will
mehr Franken haben. Selbst Sadam Hussein hatte in seinem Versteck
Pfund und Euros gehortet, keine Fränkli. Das schmerzt schon!

Außerdem haben zahlreiche andere Länder bewiesen, man kann in der EU
sein, ohne den Euro einzuführen. Ob es auf Dauer klug ist, sei hier
mal so dahingestellt.

Übrigens auch umgekehrt. Hat sich schon mal jemand gedacht, womit man
in Ländern, die zuvor keine eigene Währung hatten, sondern sich an
Mark, Lire, Francs oder Pesos hielten, nun bezahlt? Länder wie San
Marino, Monaco oder der Vatikan haben gemein, dass sie alle keine
EU-Mitglieder sind, aber trotzdem eigene Euromünzen ausgeben dürfen.
Mit Andorra wird derzeit noch verhandelt.

Nun ja, ich freue mich heute abend auf ein schönes Käsefondue, und
hoffe, dass der Taxifahrer wenigstens den Weg durch die Löcher im
Käse findet. Denn den schweren Käse spült man am besten mit einem
schwerer Burgunder hinunter.

Viele Grüße aus der Europäischen Hauptstadt

Brux Elles
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