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  • Brux Elles

287 Beiträge seit 06.09.2005

[BbBB] Brux banaler Bericht aus Brüssel

Heute: Arbeiten im Wilden Osten Europas

Zu den Besonderheiten der Europäischen Geschichte gehört es, dass
fast alle Länder dieses kleinen Kontinentes irgendwann einmal in der
Geschichte zu den reichsten, mächtigsten, angesehensten der Welt
gehörten.

Zu den Erkenntnissen der Geschichte gehört aber auch, dass dieser
Zustand nie besonders lange angehalten hat. Früher oder später waren
sie alle wieder auf normales Maß zurechtgeschrumpft.

Belgien zum Beispiel wurde trotz – oder gerade wegen – des 2.
Weltkrieges in den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts zu
einer der wichtigsten Industrienationen Europas. Dass sie zuvor ihre
Kolonien in Afrika brutalst ausgebeutet hatten, und so ein solides
Grundkapital zur Investition in die Schwerindustrie bereit stand,
half sicher dabei, aber das ist hier nun nicht das Thema.

Nun, wie wir alle wissen, freuen sich heute die Chinesen über die
belgischen Industrie-Arbeitsplätze. Das mag man den Chinesen gönnen
oder auch nicht, aber dagegen tun kann man wenig – außer vielleicht
Produkte chinesischer Herstellung zu boykottieren, was aber
wahrscheinlich auch nicht viel bringen dürfte.

Heute hat das Land also eine Wirtschaft die im Wesentlichen auf
Dienstleistungen beruht, und vor allem auf den Schultern kleiner und
mittelständischer Unternehmen ruht. Das hat auch damit zu tun, dass
die Belgier sich nicht sehr gerne von jemandem anderes sagen lassen,
was sie tun sollen (und daher lieber ihr eigener Chef werden wollen).

Nun sehen wir heute aber eine andere Entwicklung: Anstatt nach
Fernost schauen die europäischen Firmen mittlerweile eher nach Polen,
Ungarn oder gar Bulgarien. Kein Wunder, sind die Produktionskosten
gerade in letzterem Land doch heute gleich oder sogar noch niedriger
als in China.

Manch einer mag also über die EU-Osterweiterung lamentieren, sie
vernichte Arbeitsplätze in bei uns – aber tatsächlich hilft es, die
Arbeitsplätze wenigstens in der EU zu halten. Notfalls folgt die EU
halt den Firmen – die nächste Erweiterungsrunde wird uns Bulgarien
und Rumänien bringen. In die Türkei investieren übrigens auch schon
recht viele einheimische Unternehmen.

Schwere Zeiten also für Arbeitssuchende? Nicht unbedingt. Die
Freiheiten, welche die Firmen nutzen um auszuwandern, haben auch wir
Normalbürger: jeder EU-Bürger hat das Recht, in jedem anderen EU-Land
Arbeit aufzunehmen. So wie ich in Belgien arbeite (als Programmierer,
falls es jemanden interessiert) und zuvor auch in anderen
europäischen Ländern gelebt und gearbeitet habe, kann auch jeder
andere einfach mal in Polen oder Ungarn nach Arbeit suchen.

In der Theorie jedenfalls. Praktisch gibt es zwei Widerstände:
1.) die Sprache und
2.) die Übergangsregelungen zur Freizügigkeit

Nun, zur Sprache muss ich nicht viel sagen, außer dass Kenntnisse,
die ein paar Wochen Volkshochschule entsprechen, in den meisten
Fällen ausreichen dürften, dieses Problem sollte man also nicht
überschätzen.

Interessanter ist der zweite Punkt: Aus Angst davor, mit der
Osterweiterung plötzlich von billigen v.a. polnischen Arbeitskräften
überrannt zu werden, haben praktisch alle „alten“ EU-Länder eine
Sperrfrist gesetzt, für welche die Bewohner der neuen Mitgliedsländer
eben nicht so einfach in den alten Ländern eine Arbeit aufnehmen
können.

Zur „Rache“ haben diese dann eine ebensolche Regelung für die „alten“
EU-Bürger eingeführt.

Pech natürlich, wenn heute z.B. Ungarn eine sehr viel geringere
Arbeitslosenquote hat als Deutschland.

Pech auch, wenn heute die Kaufkraft eines Durchschnittseinkommens in
Prag deutlich höher ist als in Berlin. Von Städten wie München,
Hamburg oder gar London ganz zu schweigen.

Solange die Sperrfrist also in Kraft ist, sind die mittlerweile recht
interessanten Arbeitsmärkte Mittel- und Osteuropas auch für uns
Westeuropäer verschlossen.

Nun, zum Glück wird weder hier noch da alles so heiß gegessen wie es
gekocht wird. Ebenso wie es Schlupflöcher für Osteuropäer gibt, um im
„Westen“ zu arbeiten, findet auch der interessierte Sysadmin oder
Java-Programmierer immer einen Weg, im Land ihrer Wahl eine Stelle
anzutreten.

Ach ja, und Belgien wird dieses Jahr die Übergangsregelung auslaufen
lassen. Der ein- oder andere Politiker ist doch tatsächlich
lernfähig.

Bis zum nächsten Mal

viele Grüße aus der europäischen Hauptstadt

Brux Elles
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