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  • Pnyx (1)

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Artefakt

Ich gehöre zu denjenigen, die ADHS für ein Artefakt halten. Eine gesellschaftlich konstruierte Krankheit, der in der Realität nichts Fassbares entspricht, ein vager, nicht verstandener Verhaltenskomplex, dem man einen imposanten Namen gegeben hat, ein (logisches) Negativum, ein Nicht-Seiendes, das durch die Benennung magisch zu einem Seienden mutiert ist. Kurz, ADHS gibt es nicht, und im Gegensatz zum Autor halte ich diese Feststellung für alles andere als müssig. Seinen Vergleich mit der Depression finde ich unpassend. Auch Depression ist als Begriff zwar enorm vage, geradezu formlos, beschreibt aber in einer signifikanten Menge der Fälle einen Zustand einer Person, in der diese nicht nur von aussen zugeschrieben, sondern auch innerlich empfunden leidet. Bekanntlich führt das zuweilen zum Selbstmord. Da liegt also offensichtlich eine psychisch sich manifestierendes physisches - ich nenne es mal Ungleichgewicht vor. (Womit ich keinesfalls meine, das zwingend ein medizinischer Eingriff, z. B. eine Medikamentation, indiziert ist.) Als ADHS-Fälle (meist fremd- heute manchmal auch selbst-)abgestempelte Menschen dagegen leiden nicht an und für sich, sondern bloss indirekt an den Reaktionen einer Umwelt, die ihr Verhalten für nicht adäquat, störend, kontraproduktiv usw. hält. (Eine Aussage, mit der ich keine Wertung verbinde.) Das ist ein wesentlicher Unterschied. Konzentrationsschwäche z. B. tut nicht weh, muss subjektiv nicht als Problem empfunden werden, solange sie nicht als solches zurückgespiegelt wird. Objektiv ist sie selbstredend ein Umstand, der z. B. Lernprozesse behindert und daher objektiv problematisch. Das heisst aber nicht, dass man daraus eine Pathologie konstruieren sollte, der man medikamentös auf den Leib rücken müsste. Aus einer genuin materialistischen Sichtweise heraus kann man annehmen, dass ein gleichsam wie ein Floh herumspringendes, kaum zur Ruhe kommendes Bewusstsein im Hirn eine in irgendeiner Form materielle Entsprechung hat, so wie in einem rotstichigen Foto eben bestimmte sich als Rot manifestierende Pigmente überwiegen. Was aber nicht bedeutet, dass das Entwicklungsbad fehlerhaft war, sondern dass schon bei der Aufnahme etwas schief gelaufen ist. (Man nehme diesen Vergleich cum grano salis, mir fällt kein besserer ein.) Will heissen, die Aufmerksamkeits'störung' ist in nicht Folge eines Defektes, sondern adverser äusserer Umstände. Das Schlimme nun ist, dass man einen imaginierten Defekt medikamentös behandelt, was durchaus nicht imaginierte, sondern sehr reale Folgen hat, anfangs erwünschte, mit der Zeit aber zunehmend nicht wünschbare. Langzeit-Ritalin-Konsumenten berichten z. B. vom Gefühl, ständig wie unter einer Glocke zu leben. Was die Verabreichung dieser Substanz im menschlichen Gehirn längerfristig anrichtet ist bis heute weitgehend unbekannt und auch extrem schwierig zu erforschen. Wie will man unterscheiden können, zwischen dem was eine Person eben ausmacht, bzw. sich anderen Einflüssen verdankt, und dem, was auf einen konkreten längerfristigen chemischen Einfluss zurückgeht. Massenweise Ritalin-Gabe ist toll für den Umsatz der an Produktion und Vertrieb beteiligten Unternehmen, für die Konsumenten dagegen eine existentielle Wette mit völlig unbekanntem Ausgang.

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