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  • aquadraht

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Respekt, Konicz hat mal wieder perfekt getrollt

Die AfD-Anhängerschaft in den Heiseforen ist auch schon im Erregungsstatus, der Clickbait zündet und Clicks und Kommentare werden bald hochgehen.

Da ist es vielleicht nicht falsch, einmal nachzuschauen, auf welche mehr oder minder wissenschaftlichen Erkenntnisse sich Konicz' Thesen stützen.

Zunächst einmal ist da die Studie, und da unterläuft Konicz der erste Fehler oder die erste Manipulation. Konicz bezeichnet die Studie von Martin Schröder als

wissenschaftliche Studie des German Socio-Economic Panel on Multidisciplinary Panel Data Research beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Das ist falsch. Das DIW schreibt im Vorspann:

The decision to publish a submission in SOEPpapers is made by a board of editors chosen by the DIW Berlin to represent the wide range of disciplines covered by SOEP. There is no external referee process and papers are either accepted or rejected without revision. Papers appear in this series as works in progress and may also appear elsewhere. They often represent preliminary studies and are circulated to encourage discussion. Citation of such a paper should account for its provisional character.

Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Konicz trollt. Nicht einmal die Arbeiten von Lengfeld oder Schröder bestreiten, dass Menschen mit niedrigem Einkommen und Status in erheblichem Masse von der AfD angesprochen sind und die Mehrzahl oder mindestens einen sehr grossen Teil der AfD-Basis bilden.

Lengfeld (Uni Leipzig) argumentiert etwa ( https://www.sueddeutsche.de/kultur/abgehaengte-bevoelkerungsgruppen-afd-waehler-sind-nicht-wirtschaftlich-sondern-kulturell-abgehaengt-1.3675805-2 ), die AfD-Wähler seine "kulturell abgehängt". Er bestätigt aber durchaus, dass sie auch materiell abgehängt sind:

Diese Menschen leben in ihrer eigenen Welt. Sie haben ein Gefühl der massiven Benachteiligung, obwohl sie wirtschaftlich gar nicht so schlecht dastehen. Das hört man immer wieder: Die Flüchtlinge bekommen alles und bei uns wird der Lebensmittelladen geschlossen und alles wird immer schlimmer. Dass etwa die Kleinstädte sterben oder die Kitas im Osten geschlossen werden, ist nicht Folge der Flüchtlingspolitik, sondern des gesellschaftlichen Wandels.

(Zitat aus ebenda)

Damit leugnet er aber gerade nicht die Situation der "Modernisierungsverlierer". Lengfeld behauptet nur, die kulturellen Einstellungen seien dominierend, nicht der soziale Status, mit dem sie einhergehen. Und an denen sei nichts zu machen, das sei halt der gesellschaftliche Wandel. Nun, kann man so sehen.

Schröder argumentiert auf einer ähnlichen Schiene: Entscheidend seien die "ausländerfeindlichen Einstellungen", die er im Sozioökonomischen Panel (SOEP) an der Beantwortung der Fragen festmacht, ob Flüchtlinge 1) gut für die Wirtschaft sind und ob sie 2) die Kultur bereichern und 3) Deutschland zu einem besseren Lebensort machen, ausserdem 4), ob sich die Befragten des SOEP besorgt über Zuwanderung zeigen.

Wer auf einer Skala von 1-11 die Fragen 1) bis 3) negativ bis stark negativ und die Frage 4) positiv bis stark positiv beantwortet hat, ist laut Schröder ausländerfeindlich. Und eine solche Beantwortung korreliert stark mit Zustimmung zur AfD. Damit ist für Schröder "bewiesen", dass nicht Einkommen und Status, sondern Ausländerfeindlichkeit Ursache der Zustimmung zur AfD sind.

Da gibt es gleich eine Menge Einwände. Zum Einen sind negative Einstellungen zu 1) bis 3) und Besorgnis bei 4) integraler Bestandteil der Propaganda und des Auftretens der AfD. Schröder findet also - Überraschung! - heraus, dass AfD-Anhänger AfD-Parolen zustimmen.

Zum anderen ist die SOEP-Fragestellung auch holzschnittartig und unexakt. "Flüchtlinge" kann sowohl Asyl- und Schutzberechtigte bezeichnen als auch Zuwanderer aus allen möglichen Motiven im Rahmen "offener Grenzen". Die Verundeutlichung dieser Diskurse geht zulasten der Links- und Neoliberalen, die damit das humanitäre Asyl- und Schutzrecht in Frage stellen. Die AfD ist Nutzniesser einer solchen Polarisierung, in der auch schon Linksliberale wie Augstein den Sozialstaat zur Disposition stellen.

Die Frage 1) würden auch linkskeynesianische Ökonomen wie Holger Flassbeck und Jens Berger verneinen: Unkontrollierte Zuwanderung mag gut für an Dumpinglöhnen interessierte Neoliberale sein, nicht aber für den Wirtschaftsprozess. Und im Falle 2) ist fraglich, spielt aber keine Rolle, wenn Asylberechtigte und Schutzbedürftige nicht die Kultur bereichern oder Deutschland verbessern, für kontrollierte Zuwanderung kann es ein Kriterium für die Aufenthaltsgewährung sein. Der Holzschnitt passt nicht, und wer da Einwände macht, ist kein Ausländerfeind oder AfDler. Und dass sich Menschen gerade im Bereich der unteren Einkommensgruppen Sorgen machen über eine Zuwanderung, die Löhne drückt und Wohnungen verknappt, ist eigentlich nur rational.

Insofern rührt Schröder da eine ziemlich krude Suppe. Der tatsächliche Elefant im Raum ist, dass die AfD, eine ursprünglich kleinbürgerlich-rechtskonservative bis rechtsradikale Partei bei Arbeitern und Arbeitslosen Anklang gefunden hat. Das ist schlimm, und weder Konicz' Getrolle noch Schröders Zirkelschlüsse ändern oder erklären das.

Zu der "Liebesfrage" nur ein paar Worte: Die "psychologische Umfrage" wurde unter registrierten Mitgliedern des "alternativen Dating-Portals" Gleichklang.de durchgeführt. Zur Programmatik schreibt dieses in https://www.dating-vergleich.de/partnervermittlung/gleichklang-de/ :

Das Online-Portal Gleichklang bezeichnet sich selbst als Alternative zum Dating-Mainstream. Ob für die Partner-, Freundschafts- oder Reisepartnersuche – Gleichklang steht allen legitimen sexuellen Orientierungen und Überzeugungen offen. Die Mitgliederbasis besteht aus ökologisch sowie sozial orientierten Menschen, die Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit suchen. ..

Aktuell bietet die alternative Kennenlern-Plattform rund 16.500 aktuelle Mitglieder.
Auf einen Mann kommen bei Gleichklang etwa zwei Frauen. ..
Mehr als 60 Prozent der Gleichklang-Mitglieder sind Vegetarier oder Veganer oder möchten zukünftig vegan/vegetarisch leben.
Etwa 20 Prozent der Mitglieder suchen nach einem gleichgeschlechtlichen Partner

Das ist natürlich die perfekte repräsentative Basis, um die sexuellen Einstellungen und Erfahrungen von AfD-Mitgliedern zu erforschen.

Danke Thomas Konicz. Sollte man nicht eine Telepolis-Trollwiese für ihn schaffen?

a^2

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (17.08.2018 06:02).

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