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  • cheche_fra

632 Beiträge seit 12.09.2014

Re: DGB-Gewerkschaften

RolandD schrieb am 15.03.2015 10:49:

Die Gewerkschaften haben es geschafft sich als Vertreter der Besitzstandswahrer zu positionieren. Die Vertreten die Interessen der *Stammbelegschaften* also Privilegieninhaber.

Vor Ort gibt es häufig Leute, die das Interesse ihrer *Kollegen* vertreten und das muss nicht immer der offiziellen Linie der Gewerkschaftsfunktionäre entsprechen. Die Wahrnehmung der Gewerkschaft als ganzes ist aber eine andere. Man geht davon aus das die Gewerkschaft für ihre Ziele bereit ist, ganze Firmen und damit Arbeitsplätze der Leute zu opfern für die sie angeblich kämpfen.

Wenn dann noch die *politischen* Aspekte der Gewerkschaften hervortreten, hat man 80% der Arbeitnehmer komplett vergrault.

Es ist inzwischen gerade in Großkonzernen im Tarifbereich der VERDI üblich, dass allein zur Besitzstandswahrung und Arbeitsplatzsicherung der langjährigen Stammbelegschaft von der Gewerkschaft nahezu jede Kröte geschluckt wird. Leiharbeits-Tochterunternehmen werden toleriert, seltene Neueinstellungen und meist zwangsweise geschehende Übernahmen aus der Leiharbeit mit Nebentarifverträgen auf ein Level noch unter den Leiharbeitsverträgen gedrückt, ohne Aufstiegschancen und zu oftmals demotivierenden Konditionen wie 30% Jahressonderzahlung, statt 90% wie bei der "Stammbelegschaft", Eingruppierung in neu geschaffene Lohngruppen, die oft nur 30% des Gehalts der länger beschäftigten Kollegen bei absolut gleicher und zum Teil noch mehr Arbeit ausmachen, Sonderdienstplänen mit unbeliebten Randarbeitszeiten oder Kurzzeitschichtraster...

Vor Ort kann man als neu Eingestellter nicht einmal von Vertretung durch die Gewerkschaften sprechen, denn deren einziges Argument ist, dass doch dafür die Arbeitsplätze -im Konzern!!!- sicher seien, was bei genauer Betrachtung der entsprechenden Verträge aber aufgrund deren sofortiger einseitiger Kündbarkeit bei Verschlechterung der wirtschaft. Lage auch nicht der Fall ist.
Im schlimmsten Fall werden sogar aktiv Neu- gegen Alt-Beschäftigte ausgespielt, mit dem Argument, jedes Zugeständnis für die Neuen würde unmittelbar Kürzungen bei den Alten nach sich ziehen.
Von Lohngerechtigkeit oder auch nur Tarifeinheit - wie war das mit der Forderung "gleicher Lohn für gleiche Arbeit"?!? - kann da schon gar keine Rede mehr sein.
Wenn es die DGB-Gewerkschaften, allen voran VERDI, nicht einmal schaffen, dass innerhalb eines Betriebes, innerhalb einer Abteilung, für alle Kollegen, die ein und dieselbe Tätigkeit ausüben, gleicher Lohn gezahlt wird, sind solche Kampfsprüche einfach nur unglaubwürdig und lächerlich.

Wenn man dann auch noch erfährt, dass bei den "Rettungstarifverträgen" sich die Gewerkschaftsvertreter nicht einmal haben konkrete Zahlen vom Arbeitgeber vorlegen lassen, mit denen er seine Argumentation von der zukünftigen wirtschaftl. Bedrohung ja mündlich untermauert, sondern blind auf dessen Wort gehört haben, verliert man den letzten Glauben und bald auch die letzte Hoffnung.
Aber was erwartet man auch von einer Großgewerkschaft, wo Tarife für Flughafenbeschäftigte von Einzelhandelskauffrauen ausgehandelt werden sollen....
Die enstprechende Fachabteilung wurde nicht einmal mit einbezogen!

So fühlt man sich dann bei jeder neuen jährlichen Rekordgewinnmeldung immer wieder vor den Kopf gestoßen, weil man ja zur Rettung des Unternehmens auf fast alles verzichtet hat - mehr oder weniger freiwillig - und an den sich immer weiter überschlagenden Einnahmen keinen Anteil mehr hat.

Die kleinen sich neu bildenden Spartengewerkschaften haben aber im Großkonzern keine Chance, sich gegen die vor allem von arbeitgebernahen Bereichen, wie Personalservice (früher hieß das noch Personalreferenten oder kurz "Personaler") oder Marketing und Retail, die zumeist selbst direkt am Unternehmensgewinn beteiligt werden und deren vergleichsweise astronomische Gehälter noch durch leistungsbezogene Bezahlung aufgestockt werden, immer wieder in die Mehrheit gewählt werden. So sind z.T. Betriebsratsvorsitzende seit 20 Jahren auf diesem Posten, ohne zwischendrin auch nur einen einzigen Tag im Unternehmen gearbeitet zu haben.
Zugleich werden jetzt schon von der VERDI Schmähkampagnen gegen die angeblichen "Spalter" und "Unfriedensbringer" derjenigen Vereinigungen laut, die für eine bessere Vertretung der operativ statt der administrativ arbeitenden Beschäftigten kämpfen wollen, laut. Leider hören viele darauf und werden eingeschüchtert und mangels besserer Information (viele operative Mitarbeiter haben einen Migrationshintergrund und Sprachprobleme), bzw. angesichts der einseitigen Überinformation seitens VERDI, die dafür Unsummen ausgeben, weiter hinter der Großgewerkschaft stehen. Die jetzige Verunsicherung durch die Pläne von Nahles & Co. spielen dieser Situation und den DGB-Gewerkschaften dabei noch zusätzlich in die Hände.

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