Avatar von Anja Böttcher

mehr als 1000 Beiträge seit 24.08.2014

Service für Florian Rözer: Der Begriff des "Deep States" stammt...

... von dem kanadischen Politologen Peter Dale Scott, der nach seiner Arbeit im diplomatischen Dienst Kanadas in Polen von 1957 bis 1961 ab 1961 dann zunächst als Gastprofessor, ab 1981 als ordentlicher Professor an der University of California in Berkeley tätig war.

Als "deep state", den er von dem transparent agierenden "public state" unterzeichnet, bezeichnet Scott die eigenständige Handlungsdynamik im Interessewirken historisch gewachsener Institutionen wie Geheimdiensten, militärischem Apparat und ihren Beziehungen zum kriminellen Untergrund (etwa der CIA zur Drogenmafia der des US-Militärs zu "big oil"), die sich durch Immunisierung entscheidender Akteure und ihrer geschäftlichen Beziehungen der öffentlichen Kontrolle entziehe. Während Scott bereits in früheren Publikationen von "deep politics" spricht, wird die historische Entwicklung des USamerikanischen "deep state" seit der Tätigkeit der CIA-Begründer, der Dulles Brüder, in der Schweiz zum Ende des zweiten Weltkriegs in der 2014 erschienenen Publikation "The American Deep State" nachgezeichnet.
https://www.amazon.de/American-Deep-State-Democracy-published/dp/B00XWXMU0K/ref=la_B001IGJXJO_1_21?s=books&ie=UTF8&qid=1531637083&sr=1-21&refinements=p_82%3AB001IGJXJO

Diese Veröffentlichung Peter Dale Scotts wurde intensiv zitiert auch in der 2016 von David Talbot verfassten, bzw. veröffentlichten, Biographie Allan Dulles, die in Deutschland unter dem Titel "Das Schachbrett des Teufels" zu einem Bestseller im Sachbuchbereich wurde.
https://www.amazon.de/Das-Schachbrett-Teufels-heimlicher-Regierung/dp/3864891493

Eine weitere begriffsprägende Publikation zum "deep state" ereignete sich mit dem Buch "Deep State: Inside the Government's Secrecy Industry" von 2013 des ABC News Journalisten und White House - Korrespondenten des National Journal, der zuvor als politischer Chefberater von CBS news gearbeitet hatte.
https://www.amazon.com/Deep-State-Government-Secrecy-Industry/dp/1118146689

Was interessant ist an Armbinders Publikation (weil es Hinweise darauf gibt, warum zwischen jenen Teilen der US-Eliten, die sich auf Seiten etablierter Machtzirkel positionieren, und denen, die Trump unerstützen - und die, wie z.B. die Koch-Brüder, natürlich nicht weniger "Establishment" sind, nur jenes, das seine Basis im Milieu der Tea Party sieht - sich ein von beiden Seiten hysterisch ausgetragener Konflikt ergeben hat.)

Der große gewaltige Unterbau jenes Machtapparats, der sich in den USA bereits im Zweiten Weltkrieg grundlegte, erst recht aber im Kalten Krieg machtvoll ausstreckte, befindet sich laut Armbinder nämlich im Prozess der Auflösung, der sich u.a. durch zahlreiche Leaks und andererseits irrationales Beharren auf Geheimhaltung manifestiert. In der Legende zu dem Buch bei Amazon heißt es:

There are indications that this deep state is crumbling. Necessary secrets are often impossible to keep, while frivolous secrets are kept forever. The entire system has fallen prey to political manipulation, with leaks carefully timed to advance agendas, and over-classification given to indefensible government activities.

Deep State, written by two of the country's most respected national security journalists, disassembles the secrecy apparatus of the United States and examines real-world trends that ought to trouble everyone from the most aggressive hawk to the fiercest civil libertarian. The book:

- Provides the fullest account to date of the National Security Agency’s controversial surveillance program first spun up in the dark days after 9/11.

- Examines President Obama's attempt to reconcile his instincts as a liberal with the realities of executive power, and his use of the state secrets doctrine.

- Exposes how the public’s ubiquitous access to information has been the secrecy industry's toughest opponent to date, and provides a full account of how WikiLeaks and other “sunlight” organizations are changing the government's approach to handling sensitive information, for better and worse.

- Explains how the increased exposure of secrets affects everything from Congressional budgets to Area 51, from SEAL Team Six and Delta Force to the FBI, CIA, and NSA.

- Assesses whether the formal and informal mechanisms put in place to protect citizens from abuses by the American deep state work, and how they might be reformed.

Man muss nun weder die Darlegungen von Scott noch Armbinder teilen, auch nicht der Auffassung sein, Donald Trump beziehe sich differenziert oder reflektiert auf ihre Publikationen (die er vermutlich nicht gelesen hat), aber so zu tun, als hätte niemand eine konkrete Vorstellung davon, was mit "deep state" gemeint ist, ("Und er sprach schon zuvor wieder vom "deep state". Wer immer dies ist..."), ist nicht seriös.

Offensichtlich hat der transatlantische Tabuisierungsdruck von Machtkonstanten einer US-geführten Machtkonstruktion auf Seiten derer, die hier ihre Auflösung fürchten, eine derartige Auswirkung, dass Konzepte, die sie beschreiben, hier öffentlich nur mit spitzen Fingern angefasst werden dürfen, wenn man sich davor verwahren will, einer medialen Schlammschlacht und Angriffen unterhalb der Gürtellinie ausgesetzt zu sein.

Hier zeigt sich, dass Säkularisierung die Menschen nicht klüger oder gedanklich freier gemacht hat. Jede Krisenzeit hat offensichtlich ihren "Gott sei bei uns"; in Zeiten eines im freien Fall befindlichen Transatlantismus besteht diese wohl in der gerade verbleichenden vergangenen Machtvertikale des nicht zum ersten Mal zur Gefahr des Überlebens der Menschheit werdenden US-Machtapparats.

Trotz der mörderischen Exzesse der Ostasienkriege und der Bedrohung der Welt durch nukleare Aufrüstung und Schlagbereitschaft in den 60ern und noch einmal in den 80ern unter dem unzurechnungsfähigen Ronald Reagan, unter dem alleine im Jahr 1983 nur zweimal - dank sowjetischer Zurückhaltung - beinahe der Atomkrieg ausgebrochen wäre, darf über den völkermordenden US-Staat heute weniger klar und offen gesprochen werden als in den 70ern.

Und das, obwohl gerade die erschütternden Memoiren des ehemaligen "Nuclear War Planners" Daniel Ellsberg, der später zum investigativen Journalisten wurde, der die Pentagon Papers unter Nixon veröffentlichte, allen, die es wissen wollen, schonungslos vorgelegt haben, dass dieser Machtapparat in den 60ern nur von sowjetischen Kontinentalraketen davon abgehalten werden konnte, bis zu einem Drittel der damaligen Menschheit, darunter die Mehrheit der Westeuropäer, Osteuropäer, Russen und Chinesen, komplett auszulöschen.

Man schaue sich nur dieses Interview Ellsbergs auf "Democracy Now" an und lese seine "Confessions of a Nuclear War Planner".
https://www.democracynow.org/2017/12/6/doomsday_machine_daniel_ellsberg_reveals_he
http://nymag.com/daily/intelligencer/2017/11/daniel-ellsberg-on-the-doomsday-machine.html?utm_source=fb&utm_medium=s3&utm_campaign=sharebutton-t
http://www.ellsberg.net/daniel-ellsberg-new-york/
http://www.slate.com/articles/arts/books/2017/12/the_doomsday_machine_daniel_ellsberg_s_sobering_new_memoir_about_life_as.html
https://www.youtube.com/watch?v=SAFQXsy55ls
https://www.youtube.com/watch?v=e7cJG9j0NdY

Was für eine hündische gesamtgesellschaftliche Unterwürfigkeit steckt hinter der Tabuisierung des katastrophalen und üblen Zustands eines Machtapparats, der immer nur für uns die Gefahr unserer kompletten Auslöschung bedeutete?

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