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Re: Luther, die Musik und allgemein die Bewertung von Kulturbeiträgen

kulinux schrieb am 05.05.2020 10:49:

Nun, da kann man sich streiten: Schließlich liefert das AT massenweise Belege dafür, dass es ok ist, im Namen des Herrn zu morden.

Es gibt dort jede Menge Schilderungen rein literarischer Gewalt und Grausamkeit, die als irgendwie vorbildlich verkauft werden. Soweit stimmen wir ja überein.

Es findet sich aber nicht die Aufforderung im Text, Jerusalem um jeden Preis zu erobern.

[...] selbst wenn diese nur auf einer sehr gewagten Auslegung einer "Heiligen Schrift" beruhen.

Das würde ich dann eher "theokratisch" oder so nennen wollen.
Für mich wäre eine fundamentalistische Gesellschaft eine Gruppe von Menschen, die streng nach den Regeln ihrer jeweiligen Buchreligion leben will und deren Inhalt wortwörtlich glaubt. Auch wenn es dort einige Dinge gibt, die Auslegungsbedürftig sind.

Irgendeine Ideologie zu vertreten und sich dabei auf Gott, die Götter oder übernatürliche Kräfte wie Schicksal zu berufen ist noch mal was anderes. Erstens weil die Anhänger dieser Ideologie vergleichsweise flexibler sind und ihre Ziele nicht durch teils jahrtausende alte Bücher vorbestimmt sind. Zweitens weil auch der Übergang zu relativ säkularen Gesellschaften fließend ist.
Die heutigen USA berufen sich zum Beispiel sehr häufig auf Gott, aber ihre Grundverfassung würde vielen sehr fundamentalistischen Kräften nahezug ketzerisch erscheinen, mit einem starken Recht auf Religions- und Meinungsfreiheit, offenen Materialismus usw. Nichts davon lässt sich ohne Auslegung aus der Bibel herleiten.
Die Sowjetunion dagegen berief sich auf die Gesetze der Dialektik, die der Materie irgendwie innewohnen sollen. Wo ist da der Unterschied zum Glauben an ein Schicksal?

[...]und forderten, ALLES aufzugeben, und eben auch Kultur.

Hast gewonnen, überzeugende Argumentation.
Allerdings, für so einen buddhistischen Mönch bietet es sich auch nicht von selbst an, Gedichte zu verfassen oder Abhandlungen. Eine Gesellschaft, die nur aus diesen Mönchen besteht, könnte auf Dauer nicht überleben.

[Buddhismus in China]

Ich will mich nicht zu stark aus den Fenster lehnen, aber meines Wissens muss man folgende beide Punkte festhalten:
1. Das traditionelle chinesische Herrschaftssystem mit Kaiser usw. berief sich auf religiös-kultische Vorstellungen, um sich zu legitimieren. Das ist keine Besonderheit. Besonders war eben nur die Religion. Die alten Chinesen scheinen da keinen strengen Unterschied zwischen Buddhismus, Daoismus oder Konfuzius Lehre gemacht zu haben.
2. Beim einfachen Volk war wohl eine Art "Volksglaube" verbreitet, der zwar von den großen Religionen und/oder Philosophien beeinflusst wurde, aber nicht damit identisch war. So der Glaube an irgendwelche Drachen, Geister usw., die so weder Teil der orthodoxen buddhistischen Lehre, noch der anderen chinesischen Lehrsysteme waren.
Das war auch deshalb möglich, weil es niemals einen Karl den Großen oder eine Inquisition gab, die religiöse Konformität erzwang. Es ging dort wohl, wie bei den alten Römern, eher um Loyalität zum Staat. Sofern dieser sichergestellt war, konnte jeder glauben an was er wollte.

Sehe ich anders: Ich verstand chinesischen Chan-, und dann japanischen Zen-Buddhismus immer als Fortsetzung und quasi Überspitzung des (auf dem Weg über Tibet ja schon mächtig veränderten) Buddhismus. M.W. spielten auch daoistische Schriften im Zen nie irgendeine einflussreiche Rolle oder wurden gar (wie die buddh.) tradiert, abgeschrieben, auswendig gelernt, rezitiert

Je weiter man im Zen in der Überlieferung zurückgeht, umso schneller kommt man zu irgendwelchen chinesischen Autoren. Die spielen sehr wohl eine gewisse Rolle.

Ich bin kein Experte, aber im sog. "Gozan"-System wurden chinesische Lehren dann verstärkt wahrgenommen.

m.W. und für das Bsp. mit Brecht relevanter, war es eher so, dass die Künstler (nicht nur Schriftsteller) quasi mit "Auftragswerken" finanziert wurden, die konnten z.B. auch von Betrieben, Kulturhäusern, Theatern etc. kommen.

Der Schriftsteller konnte auch ein Manuskript an einen Veralg schicken. Wenn er dauerhaft davon Leben oder es regelmäßig gedruckt sehen wollte, war eben Auftragsfertigung angesagt.
Es gab eben 5 Jahres Pläne und von denen konnte man nicht abweichen. Selbst wenn das besonders absurd war wie im Fall von Kunst und Literatur.

und das brachte kräftig Divisen ein, denn die musste ein Künstler ja i.d.R. ganz oder zu seinem sehr großen Teil umtauschen.

Wenn es etwas gibt, dass man Brecht meines Erachtens vorwerfen kann, dann dass er seine Privilegien niemals für eine echte Kritik am System eingesetzt hat. Es gibt zwar den Spruch mit der Regierung, die das Volk auflöst und ein neues wählt (aus einem durchaus kritischen Gedicht), aber insgesagt hat er das Ostblock-System eher unterstützt.

Er war wohl ein echter Gläubiger... doch selbst dann hätte er wenigstens die Umsetzung in Frage stellen können...

yepp … scheint sogar fast die Regel zu sein: Von den am höchsten verehrten Künstlern (die m.M.n. nicht wirklich immer die besten waren) gibt es ja haufenweise Anekdoten, die sie als eher unsympathische Charaktere erscheinen lassen: von Michelangelo über Mozart, auch Beethoven bis Wagner u.v.a.m.

Beethoven und Michelangelo? Michelangelo war meines Wissens einfach nur sehr eigensinnig und ein Einzelgänger. Und Beethoven war im Alter eben krank (+ die Medizin seiner Zeit) und zunehmend taub. Klar, dass er da "exzentrisch" wirkte.

Hier stellt sich auch die Frage nach Henne und Ei.

obwohl" er ein Schürzenjäger

Das ist mir neu. Ich wäre eher vom Gegenteil ausgegangen, jedenfalls nach dem wenigen persönlichen, das ich von ihn weiß.

grauenhafter Vater

Interessanterweise waren Einsteins Kinder wohl "geistig umnachtet". Das ist insofern überraschend, als das Vorurteil uns glauben machen würde, dass das große Genie Einstein auch geniale Nachkommen hätte.

Und es gibt eine Parallele zu Hilbert.

und vermutlich sogar geistiger Dieb war (ich halte es für sehr plausibel, dass seine Lebensgefährtin in Bern erheblich mehr zur mathematischen Formulierung seiner "Wunderschriften" von 1905 beigetragen hat als der gute Albert selbst ;-))

Bei der SRT gibt es das Gerücht, dass seine Frau in geholfen hat. Das klingt nicht unrealistisch.
Bei der ART (die ich noch viel weniger verstehe) gibt es ein vergleichbares Problem mit Hilbert. Der soll die wesentlichen Gleichungen jedenfalls schon vor, jedenfalls praktisch "Gleichzeitig" (Schenkelklopfer) mit Einstein veröffentlicht haben...

Allerdings, im Wunderjahr erschienen auch andere Beiträge, die ihn berühmt gemacht haben und es lag ja auch nicht nur an der mathematischen Formulierung, dass diese in der Fachwelt solches aufsehen erregten.

[...] seine (weiblichen) Mitmenschen ausbeutet, hat das schon mehr als ein "Geschmäckle", finde ich.

Dazu habe ich übrigens mal ein bedenkenswertes Widerwort gehört: Keine der Personen, die Brecht angeblich ausgebeutet hat, hat unabhängig von ihn noch mal vergleichbare Werke geschaffen.

Für mich das Fazit: Brecht war zumindest als Person ambivalent.

zu Jazz und Rock oder gar außereuropäischer Musik kommen wir dann ein andermal ;-)

Ich glaube, das reichte fürs erste. Danke.

Naja, wenn man das "höher" mal "quantitativ" auswerten wöllte, käme man wohl darauf, dass die indischen Märchen und Sagen mit Abstand die einflussreichsten sind

Denkbar. Wie das Schachspiel.

Ich wette, man könnte den Stoff eines ganzen "wissenschaftlichen" Psychologie-Studiums in Märchen und Sagen wieder finden, nacherzählen und verdeutlichen.

Das wird ja auch gemacht und ist, scheinbar zumindest, enorm populär.

So wie es irgendeine höhere Instanz neben/über dem christlichen Gott geben muss, der dieser seinen Sohn / sich selbst am Kreuz opfern muss, damit die Menschheit angeblich erlöst werden kann. Ist ein typisches "Do-ut-des"-Tauschgeschäft, nur will die Theologie nicht damit heraus rücken, wer die andere Seite des Geschäfts ist ;-)

Der Punkt ist gar nicht mal so uninteressant.

Allerdings übersiehst du dabei zwei Dinge: Erstens könnte man annehmen, dass "Schuld" so eine Art "Substanz" ist oder eine Art Rechtsanspruch und das auch Gott diese nicht aufheben kann und/oder will, ohne Strafe. (Das könnte tatsächlich eine Lektion sein.)
Zweitens gibt es doch die Dreifaltigkeit...

Wobei ich mal gelesen habe, dass diese ganze Auslegung eigentlich auch jüngeren Datums ist. Für die ersten Christen in der Antike war wohl die Pointe der Geschichte leicht anders.

P.S.: Der Thread ist ja schon abgestanden. Ich überlasse daher dir, wenn du magst, das letzte Wort.

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