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  • Marlene

mehr als 1000 Beiträge seit 29.06.2001

tit for tat

Das Axelrod-Experiment

Eines der Modeworte unserer Zeit ist Strategie. Unternehmen suchen
nach ihren Erfolgsstrategien. Aufsteiger suchen nach ihrer
Karrierestrategie. Parteien entwickeln ihre Wahlstrategie. Das Wort
Strategie kommt aus der Sprache der Kriege. Bei der Frage nach der
Strategie geht es um die Frage: Wie kann ich den Gegner besser
besiegen?
Ist die richtige Strategie dafür entscheidend, ob das Leben gelingt,
oder geht es doch um mehr? Eher um die richtige Lebensphilosophie und
die richtigen Werte?
Kann man gegen raffinierte Strategien mit starken Werten und einer
starken Philosophie überhaupt ankommen? Lohnt es sich Werte zu haben,
oder ist dieses in unserer Welt blauäugiges "Geschwätz" von
Moralpredigern und Werteaposteln? Gibt es auch zu dieser Frage eine
Antwort, die nicht auf Morallehren gründet und nicht auf hehren
Erziehungsleitsätzen?
Ja, es gibt sie! Das ist das viel zu wenig bekannte
Axelrod-Experiment. Seit den 50er Jahren gibt es die sogenannte
Spieltheorie. Begründet von John Neumann und Oskar Morgenstern.

Die beiden Begründer leben nicht mehr, aber drei Wissenschaftler, die
die Spieltheorie weiterentwickelt haben, wurden vor zwei Jahren mit
dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Darunter als erster
Deutscher Reinhard Selten, Bonn.
Die Spieltheorie stellt die Frage: Welche Verhaltensweisen sind
erfolgreicher? Welche zahlen sich besser aus?
Im Rahmen der Entwicklung der Spieltheorie hat im Jahre 1979 ein
amerikanischer Politik-Wissenschaftler namens Robert Axelrod ein
hochinteressantes Experiment durchgeführt. Er hat unter
Spieltheoretikern ein Turnier von Computerprogrammen ausgeschrieben,
wer wohl die erfolgreichste Strategie findet, die sich am besten
auszahlt. Alles war möglich. Raffinierte Spielstrategien, offene oder
solche, bei denen die Karten nicht offengelegt wurden. Es gab nur ein
Ziel: Auszahlungserfolg.
15 Programme mit jeweils unterschiedlichen Strategien traten in der
ersten Runde gegeneinander an. Einer der Teilnehmer war der
Mathematiker und Systemtheoretiker Anatol Rapoport aus Toronto. Er
hatte das kürzeste und simpelste Programm geschrieben und nannte es
"Tit for Tat". Das Programm hatte vier Regeln:

1.) Ich spiele offen. Ich habe keine geheimen Regeln in der
Hinterhand.
2.) Ich spiele immer auf Kooperation, suche Zusammenarbeit und die
gemeinsame Optimierung des Nutzens.
3.) Wenn mich einer, weil ich "so nett" spiele, ausnutzen will,
schlage ich unverzüglich zurück.
4.) Aber ich bin nicht nachtragend. Schon in der nächsten Runde
spiele ich wieder auf Kooperation.
Ich bin also rasch im Vergelten und rasch im Vergeben. Die Runde
wurde gespielt, Anatol Rapoport hatte die größte Auszahlung. Das war
eine Überraschung. Axelrod veröffentlichte die Analyse dieses Spiels
und lud zu einem zweiten Turnier ein.

Die Zahl der Teilnehmer wuchs. Diesmal wollten auch
Wirtschaftswissenschaftler, Mathematiker, Ingenieure, Biologen und
Computerfreaks mitmachen. Es traten 26 Programme gegeneinander an.
Anatol Rapoport blieb bei seiner simplen Strategie. Bei den anderen
wuchs der Ehrgeiz. Sollte es denn nicht möglich sein, diese
"gutmütige" Strategie zu besiegen? Anatol Rapoport gewann auch das
zweite Turnier. Daraufhin entwarf Axelrod eine neue Turniervariante.
Er unterwarf die einzelnen Programme einem evolutionären
Selektionsprozess. Er simulierte die Wirkung einer natürlichen
Auslese in seinem Computer. Die erfolgreicheren Programmvarianten
konnten sich stärker vermehren. Die erfolgloseren starben aus. Jetzt
setzte sich Rapoports "Tit for Tat"-Strategie sofort an die Spitze
und baute ihren Vorsprung aus. Besonders interessant dabei war, dass
die Strategien, die auf die rücksichtslose Ausbeutung der Schwächeren
setzten, sich anfangs vielversprechend vermehrten, dann aber
untergingen. Ausbeutung brachte also kurzfristige Erfolge.
Langfristige nicht.

Dieses Axelrod-Experiment kann gar nicht genug bekannt gemacht
werden. Es müsste Bestandteil des Schulunterrichts sein, jeder
Gemeinschaftskunde und jedes Religionsunterrichts. Das Ergebnis ist
dramatischer, als jede Moralpredigt sein kann: Die beste Strategie im
Leben heißt: Offen spielen, Zusammenarbeit suchen, kooperativ
arbeiten, den gemeinsamen Nutzen fördern. Dies aber gepaart mit dem
Signal, dass Kooperation nicht Schwäche ist und dass man jemanden,
der so "gutmütig" spielt, nicht aufs Kreuzlegen kann.
Axelrod selbst schreibt in seiner Ergebnisanalyse den Satz: "Sogar
Strategie-Experten aus den politischen Wissenschaften der Soziologie,
Ökonomie, Psychlogie und Mathematik machten systematisch die Fehler,
zu wenig kooperativ für ihren eigenen Vorteil zu sein, zu wenig zu
geben und zu pessimistisch hinsichtlich der Reaktionsmöglichkeiten
der anderen Seite zu sein." Ich bin überzeugt: Die Wertedebatte kann
und muss auf einer neuen system-theoretisch naturwissenschaftlichen
Ebene geführt werden. Es gibt begründbare Werte, die jenseits aller
intellektuellen Beliebigkeit stehen, wie sie das Gedeihen des Lebens
in Fülle und Vielfalt fördern.
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