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  • schopy

mehr als 1000 Beiträge seit 26.08.2008

Denkfehler im Artikel. Mit schönem Gruß von Emmanuel Goldstein

> Der Islamismus ist somit selber ein Produkt der Krise des 
> kapitalistischen Weltsystems, das aufgrund beständig zunehmender 
> Produktivität und Kapitalintensität in der Warenproduktion eine 
> buchstäblich "überflüssige" Menschheit produziert. 

Der menschenverachtende weil Menschen missachtende Kapitalismus ist
sicher eine der Bedingungen, die den Zulauf zu den religiösen
Massenmördern speisen. Aber es fehlt hier noch ein wesentliches
Element.

Junge Moslems sind nicht die einzigen Menschen, die vom Kapitalismus
weggeworfen werden. Aber sie sind die Einzigen, die alle Menschen
töten wollen, die nicht in der von ihnen vorgeschriebenen Form dem
unsichtbaren Wüstenkobold Allah huldigen.

Somit muss hier das Weggeworfenwerden durch den Kapitalismus als
Antezedenzbedingung verstanden werden und die Religion (in der
aktuellen Situation: der Islam) als Motiv.

> Der konzernartig operierende Dschihadismus "sammelt" als Erbe des 
> gescheiterten arabischen Nationalismus - der ein wirtschaftliches 
> Modernisierungsprogramm verfolgte - die "überflüssigen" und 
> desorientierten jungen Männer auf, um ihnen die Plünderungswirtschaft 
> als vorläufige Lebensgrundlage und - vermittels einer ausgefeilten
> webgestützten Propagandakampagne seine irre Ideologie als 
> weltanschaulichen Halt anzubieten.

Damit nähert sich Konicz für einen kurzen Moment - und, wenn man
andere Artikel von ihm berücksichtigt, sicher nur aus Versehen -
einem sehr wichtigen Aspekt, der für ein Verstehen des islamistischen
Terrors unabdingbar ist:

Der Kapitalismus muss in seiner Endphase immer mehr Menschen
gegenüber immer brutaler auftreten. Das bringt die exponentiell
ansteigende Akkumulation von Kapital zwangsläufig mit sich.

Der Kapitalismus ist das System, das diese Akkumulation organisiert
und sicherstellt. Dies ist die *einzige* Aufgabe des Kapitalismus.
Wenn es in einer frühen Phase des Kapitalismus hierbei hilfreich ist,
auch einigen im Kapitalismus lebenden Menschen ein paar Brotkrumen
zukommen zu lassen (Ford: "Autos kaufen keine Autos"), dann tut dies
der Kapitalismus zwar, aber eben nur *weil* es der Erfüllung seiner
einzigen Aufgabe dienlich ist.

Ab dem Moment, da die Erfüllung der exponentiell steigenden
Zinsforderungen des akkumulierten Kapitals nicht mehr durch die
Ausbeutung von Menschen in der Warenproduktion und durch den
Warenabsatz sicher organisiert werden kann und diese Zinsforderungen
über den Umweg des Finanzcasinos erfüllt werden müssen (dessen Jetons
beim "Retten" von "scheiternden" Banken in echtes Geld der Büger
getauscht werden), entfällt für den Kapitalismus zusehends die
Notwendigkeit, Nicht-Kapitaleigentümer wenigstens ein wenig
mitprofitieren zu lassen.

Im Gegenteil. Der Kapitalismus muss sich inzwischen direkten Zugriff
auf alles Geld aller Menschen verschaffen (für den ESM gibt es keine
Obergrenze!), um die Zinsforderungen des akkumulierten Kapitals
wenigstens für den Moment noch weiter erfüllen zu können. 

Hierdurch *muss* der Kapitalismus mit einer steigenden Gegenwehr im
Inneren rechnen. Er *muss* sich darauf vorbereiten, solche
Bestrebungen, die ihm - im Unterschied zu Tausenden von Toten durch
Terroranschläge - tatsächlich gefährlich werden können, frühzeitig zu
erkennen und zu unterdrücken.

Die Einführung von Maßnahmen hierzu können aber nicht mit dem
tatsächlichen Motiv für die Einführung solcher Maßnahmen begründet
werden. 

Um solche Maßnahmen *mit Unterstützung der zu überwachenden und zu
unterdrückenden Bevölkerung* einführen zu können, ist ein Motiv
notwendig, das diese Bevölkerung mit trägt. Das wahre Motiv für die
Einführung solcher Maßnahmen wäre natürlich kein für die Bevölkerung
tragbares Motiv.

Das Motiv für die Einführung von Überwachungs- und
Unterdrückungsmaßnahmen gegen die eigene Bevölkerung muss es also
sein, eine Bedrohung für die Bevölkerung abzuwehren.

Emmanuel-Goldstein-Bedrohungen (Orwell, 1984) sind für das
kapitalistische System also aus systemimmanenten Gründen ab einem
bestimmten Entwicklungsstand des Systems überlebensnotwendig.

Zu analysieren, wie diese überlebensnotwendige
Emmanuel-Goldstein-Bedrohung im jeweiligen historischen Kontext am
besten zu realisieren ist, ist Aufgabe der hochintelligenten
professionellen Mythenschmiede des Systems.[1]

Das kann ein konkreter äußerer Feind sein wie die Sowjetunion oder
eine je nach gesellschaftlicher und politischer Stimmung wechselnd zu
besetzende "Achse des Bösen". Es kann auch ein eher diffuser innerer
Feind sein wie bei McCarthys Kummunisteninquisition. Der äußere Feind
kann sich auch mal in deutlicher Emmanuel-Goldstein-Manier als Person
manifestieren (Osama bin Laden), als Gruppe (Al Quaida) oder völlig
diffus als prinzipiell nie besiegbare Kampftaktik (Krieg gegen den
Terrorismus - also "Krieg gegen das Angstmachen").

Die Goldstein-Manifestationen als islamistische Person, als
islamistische Gruppe und als islamistische Kampftaktik fielen in die
Zeit des Internets. Das ist für das kapitalistische System insofern
ungünstig gewesen, als es für an der Wahrheit interessierte
Menschen[2] möglich war, die Mythenbildung aufzudecken[3].

Emmanuel bin Laden hat ausgedient, Al Quaida ist zu vielen Menschen
als Eigenzüchtung des Kapital bekannt geworden (außerdem hat man
gegen Gaddafi und andere Goldsteins ganz offiziell mit Al Quaida
zusammengearbeitet), und der Kampf gegen die Taktik "Angstmachen" ist
von den Mythenschmieden vielleicht doch als langfristig etwas zu
diffus eingeschätzt worden. Wer weiß...

Jedenfalls scheint es mit Boko Haram und IS nun wieder eher Richtung
Konkretisierung im Gruppenmaßstab zu gehen (aber Vorsicht - nicht
wieder durch Analysten im Internet erwischen lassen!). 

Und das ist der Punkt, den Konicz im obigen Zitat aus Versehen kurz
streift, den er aber grüne Erbsensuppe speiend bestreiten würde
("Verschwörungstheorie gegen die unschuldige USA"!). Konicz stellt
fest:

> Der konzernartig operierende Dschihadismus [Schopy: also IS] "sammelt" 
> (...) die "überflüssigen" und desorientierten jungen Männer auf, um ihnen 
> (...) vermittels einer ausgefeilten webgestützten Propagandakampagne 
> seine irre Ideologie als weltanschaulichen Halt anzubieten.

IS dient der aus systemimmanenten Gründen für das System
überlebensnotwendigen Re-Konkretisierung der
Emmanuel-Goldstein-Bedrohung. Weg vom diffusen "Krieg gegen das
Angstmachen" aber nicht ganz hin zur individuellen Personalisierung,
die im Falle Putins trotz massivem Medieneinsatz nur bei wenigen
besonders tiefbegabten Mitgliedern der Gesellschaft verfing. Im
Moment scheint den Mythenschmieden wieder die Gruppe (hier mal in der
Größenordnung "Konzern") am erfolgversprechndsten.

Das soll natürlich nicht heißen, dass IS oder der schwarz ummantelte
massenmediale Dampfplauderer frei erfunden wären! Nein, die sind
freilich echt. Aber wie weit auf sie der Begriff "Patsies" anzuwenden
ist, kann im Moment vermutlich noch niemand sagen. Siehe hierzu
Fußnote [2].

Zum Schluss sei noch mal daran erinnert, dass Tausende von Toten zwar
der Bevölkerung Angst machen, das System Kapitalismus aber nicht im
geringsten gefährden, ein nicht rechtzeitig erkanntes und nicht
rechtzeitig unterdrücktes Aufbegehren der Bevölkerung gegen den
Kapitalismus aber das einzige ist, das dem Kapitalismus gefährlich
werden könnte.

Und daran, dass die *einzige* Aufgabe des Kapitalismus es ist, die
Erfüllung der Zinsforderungen des akkumulierten Kapitals
sicherzustellen. Wäre die Erfüllung sozialer Interessen (inkl.
Sicherheit der Bevölkerung) Aufgabe des Kapitalismus, hieße er nicht
Kapitalismus sondern... irgendwie anders. Vielleicht
Bevölkerungsismus oder eben Sozialismus, oder so.

___________________________

[1] Einer dieser Mythenschmiede ist z.B. Philip Zelikow:

http://www.heise.de/tp/foren/S-Danke-Guter-Artikel-Ergaenzung-1-Geschichten-aus-Philips-Maerchenwald/forum-260056/msg-23785938/read/

[2] Karl Rove, George W. Bushs ausgelagertes Hirn, erklärte dem
Journalisten Ron Suskind vor nicht gar so langer Zeit: 

- - - Zitat nach Suskind - - - 

The aide [Schopy: gemeint ist Karl Rove] said that guys like me were
"in what we call the reality-based community," which he defined as
people who "believe that solutions emerge from your judicious study
of discernible reality." ... "That's not the way the world really
works anymore," he continued. "We're an empire now, and when we act,
we create our own reality. And while you're studying that
reality—judiciously, as you will—we'll act again, creating other new
realities, which you can study too, and that's how things will sort
out. We're history's actors…and you, all of you, will be left to just
study what we do."

- - - Zitat Ende - - - 

[3] Hier ein Dokument über ein Treffen von Tim Osman und Ralph Olberg
vom U.S. Department Of State (Afghan Desk) mit US Government Public
Officials (inkl. Erklärung, wer Tim Osman in Wirklichkeit ist): 

http://abload.de/img/timosman-cia-022vjyd.jpg

Leider kann ich das Dokument jetzt auswendig nicht datieren und habe
keine Lust zu recherchieren. Ist aber auch nicht so wichtig, denn es
geht ja um die Identität des CIA Assets Tim Osman. 

[Off Topic und nur für Interessierte: Beachte auch "Item 4",
Stichpunkte: Promis Upgrade, Michael Ricionsciuto (der aber wohl eher
"Riconosciuto" heißt), Inslaw...]

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