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mehr als 1000 Beiträge seit 08.05.2005

Der offene Antiintellektualismus eines Akademikers

»Antisemitismus als kultureller Code«: so heißt die zweite Auflage
einer Aufsatzsammlung von Shulamit Volkov aus dem Jahre 2000. Im
Titelaufsatz erklärt sie, was der Antisemitismus der wilhelminischen
Zeit in Deutschland und Österreich bedeutete. Auf ein knappes Zitat
reduziert, in dem Volkov Eduard Bernstein paraphrasiert: »Wie ein
antisemitischer Standpunkt im Wilhelminischen Deutschland praktisch
eine anti-emanzipatorische Position und Widerstand gegen die
unterschiedlichen Bekundungen des modernen sozialen und politischen
Freiheitsringens bedeute, so bedeute die Ablehnung des Antisemitismus
das Eintreten *für* Emanzipation, und zwar nicht allein der Juden,
sondern der Gesellschaft insgesamt.«

»Kultureller Code« bedeutet hier, dass es um soziale und politische
Metaphern geht, die die Menschen sich zu eigen machen und damit in
einfacher und leicht nachahmungsfähiger Weise ihre Standpunkte zum
Ausdruck bringen. Es geht im Antisemitismus also zunächst nicht um
eine Haltung zu den Juden, sondern um einer Haltung zur Moderne, aber
in der Symbolisierung durch die Juden wird diese Haltung bis zur
Prägnanz verdichtet. Die spätere rassenbiologische Radikalisierung
der Nazis war zwar eine mögliche, aber keine zwangsläufige Konsequenz
aus diesem Diskurs. Es bedurfte der Militarisierung der Mentalitäten
durch den Ersten Weltkrieg, um diesen Radikalisierungsschub zu
bewirken.

Das gilt entsprechend für alle Negativ-Ismen, für die Patrick Spät ex
post facto die Protagonisten der (deutschen) Geistesgeschichte
geißeln will: sie stehen im Kontext ihrer Zeit. Das Problem dabei:
diese Geißelung als solche stellt keine Leistung dar. Eine Leistung
würde es darstellen, die entsprechenden Äußerungen eines Luther,
Kant, Hegel, Fichte oder Heidegger *in den Kontext dieser
zeitgenössischen Diskurse* zu stellen. Wobei zu beweisen wäre, ob und
ggf. wie das Zeitlose an der jeweiligen Philosophie durch die
betreffenden Äußerungen systematisch kompromittiert ist - oder eben
nicht!

In Bezug auf Heidegger gibt es nicht nur Adornos »Jargon der
Eigentlichkeit«, sondern auch ein schmales Büchlein von Pierre
Bourdieu, »Die politische Ontologie Martin Heideggers«, in dem er
demonstriert, wie so etwas aussehen kann. Trotzdem schließt das nicht
aus, Heidegger auch »rein philosophisch« zu lesen, und für Kant gilt
das um so mehr.

Leute vom Schlage Patrick Späts wollen nicht kritisieren - und
ideengeschichtlich verstehen schon gar nicht - sondern verbieten. Sie
sind intellektuelle Bankrotteure, im eigenen Denken zu seicht, um
eine substanzielle Kritik der inkriminierten Denker zu leisten, aber
zugleich parasitär genug, um in einer Laufbahn zweiten oder dritten
Ranges als journalistischer Meinungseinpeitscher eine kostenlose Tüte
Empörung für alle zu versprechen: die Empörung ist der Leib Christi
im moralischen Abendmahl eines geistigen Prekariats, das auf diese
Weise mit Kant und Hegel auf Augenhöhe gelangt: siehe, ich erlöse
euch von eurem Unwissen - indem ich das Wissen für vergiftet erkläre.

Es handelt sich um exakt dieselbe Haltung, mit der ein christlicher
Mob vor sechzehnhundert Jahren das Serapeum in Alexandria geschleift
und die Philosophin Hypatia zu Tode gefoltert hat: wer die höhere
Moral besitzt, muss die geistige Auseinandersetzung mit der
Philosophie nicht mehr leisten - es genügt, einen Fleck auf der Toga
des Denkers zu identifizieren.

Politisches Sektierertum dieser Art gab es gerade an den
Universitäten zu allen Zeiten, man google nur nach Hans Nelböck, dem
Mörder von Moritz Schlick. Die eigentlich interessante Frage besteht
darin, wie es offenbar noch jede akademische Generation fertig
bringt, dieses Muster zu reproduzieren.

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