Avatar von rivi
  • rivi

mehr als 1000 Beiträge seit 25.06.2001

Ja und?

KEINER steht auf einem Sockel von solcher Reinheit, dass man keinen
Dreckfleck findet, wenn man genau hinsieht. Das ist trivial, da muss
man eigentlich keinen so moralinsaueren Text verfassen. Luthers
Antisemitismus ist weithin bekannt, keineswegs totgeschwiegen. Kants
Auffassung verwundert auch nicht wirklich. Er war ja auch
Antidemokrat, naemlich ein Befuerworter des Fritz'schen aufgeklaerten
Absolutismus. Dass einige von Kants Ansichten heute fuer falsch
erkannt wurden, haette uebrigens ihn selbst noch am wenigsten
gewundert, dass genau das immer moeglich bleiben muss, um die
Gesellschaft voran zu bringen, davon schreibt er ja in "Was ist
Aufklaerung".

Warum sollen ausgerechnet Philosophen das Reine, Wahre, Gute, Schoene
ohne Einschraenkung verkoerpern? Damit nachfolgende
Philosophengenerationen ihre Argumente ad hominem untermauern (bzw.
verwerfen) koennen, ohne sich die Muehe zu machen, die Argumente
selbst zu bewerten? Der Heroenkult des 19. und 20. Jahrhunderts ist
vorbei. Zeit, anzuerkennen, dass auch die Vergangenheit so wenig
schwarz-weiss war, wie es die Gegenwart ist.

Und nun? Nichts. Das tun, was jetzt eh schon getan wird: Diejenigen
fuer den Teil ihrer Leistungen, den wir heute noch wuerdigen und
schaetzen, und ansonsten anerkennen, dass sie eben normale Menschen,
mit Fehlern und teilweise auch abscheulichen Meinungen waren. Meist
waren diese aus heutiger Sicht abscheulichen Meinungen ja auch
durchaus in der Norm der jeweiligen Zeit. 

Das Problem sind nicht diejenigen auf den Sockeln, sondern die, die
Sockel aus dem reinsten Marmor errichten, und sich hinterher wundern,
dass die, die sie dann draufgestellt haben, der Reinheit des Sockels
nicht gerecht werden.

Bewerten
- +