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  • DJ Holzbank

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Nachschlag:

Aspekte (der Hegelschen Philosophie)

"Ein chronologischer Anlaß wie der hundertfünfundzwanzigste Todestag
Hegels hätte zu dem verführen können, was man Würdigung nennt. Aber
deren Begriff, wenn er überhaupt etwas taugte, ist unerträglich
geworen. Er meldet den unverschämten Anspruch an, daß, wer das
fragwürdige Glück besitzt, später zu leben, und wer von Berufs wegen
mit dem befaßt ist, über den er zu reden hat, darum auch souverän dem
Toten seine Stelle zuweisen und damit gewissermaßen über ihn sich
stellen dürfe. 

In den abscheulichen Fragen, was an Kant und nun auch Hegel der
Gegenwart etwas bedeute - und schon die sogenannte Hegel-Renaissace
hob vor einem halben Jahrhundert mit einem Buch Benedetto Croces an,
das Lebendiges und Totes in Hegel auseinanderzuklauben sich
anheischig macht -, klingt diese Anmaßung mit. _Nicht wird die
umgekehrte Frage auch nur aufgeworfen, was die Gegenwart vor Hegel
bedeutet; ob nicht etwa die Vernunft, zu der man seit seiner
absoluten gekommen zu sein sich einbildet, in Wahrheit längst hinter
jene zurückfiel und dem bloß Seienden sich anbequemte, dessen Last
die Hegelsche Vernunft vermöge der im Seienden selbst waltenden in
Bewegung setzen wollte._

Alle Würdigungen fallen unter das Urteil aus der Vorrede der
Phänomenologie des Geistes, das über jene ergeht, die nur darum über
den Sachen sind, weil sie nicht in den Sachen sind. Sie verfehlen
vorweg den Ernst und das Verpflichtende von Hegels Philosophie, indem
sie ihm gegenüber betreiben, was er mit allem Recht geringschätzig
Standpunktphilosophie nannte. _Will man nicht mit dem ersten Wort von
ihm abprallen, so muß man, wie unzulänglich auch immer, dem
Wahrheitsanspruch seiner Philosophie sich stellen, anstatt sie bloß
von oben und darum von unten her zu bereden._ ... usw.

T.W. Adorno; Drei Studien zu Hegel, Frankfurt 1963

(Wohlgemerkt spricht Adorno immerhin über Würdigungen.)

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Und nun ein Ausschnitt aus einer Stellungnahme zur Auseinandersetzung
um eine Erstsemestervorlesung (!) im Fach Erziehungswissenschaft an
der HU-Berlin:

"... Weltweit anerkannte Philosoph_innen wie Hegel, Rousseau oder
Kant (LOL!) verbreiteten aus einer eurozentristischen weißen
Perspektive rassistische Ansichten -  so seien die Bewohner_innen von
Afrika nicht reif genug für die Freiheit, daher wäre es notwendig,
dass sie von den Europäer_innen „erzogen“ werden (Ayim 1992: 35, vgl.
ebd. 1997: 127).
Diese Texte vermitteln [diffizile] Begriffe unreflektiert weiter;
ebenfalls werden in unkritischer Form historische Ereignisse
widergegeben. Das ist bedeutend für die Vermittlung von Normen,
Identitäten und Machtverhältnissen und für die weitere Bildung von
Denkweisen (vgl. Hornscheidt 2012).

Eine unreflektierte Auseinandersetzung mit diesen Inhalten kann dazu
führen, dass Diskriminierungen und Rassismen als Normalität
re_produziert werden! Gleichzeitig macht ein Nichtbeschäftigen mit
kritischem Wissen andere Perspektiven unsichtbar. ..."

> http://www.refrat.de/article/8765.html?1392145136

Sancta Simplicitas.
Die Welt wird langsam komplett verrückt. 

P.S.
Danke an "JammernHilftNichts" für den Link.

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