Avatar von Sanches
  • Sanches

mehr als 1000 Beiträge seit 16.09.2007

"Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?"

(Quelle:
http://www.titanic-magazin.de/uploads/pics/card_1788728667.jpg)

Also die Überschrift hab ich wirklich gefressen. Wer verschweigt denn
sowas bitte? Antisemitismus war weit verbreitet. Fast jeder Beitrag,
jede Vorlesung fängt doch damit an, dass dieser und jener Antisemit
war.

Vielleicht muss ich braune Veranstaltungen besuchen um sowas zu
überhören.

Aber diese Feststellung ist mal wieder typisch bürgerlich. Man hat es
in der Schule nicht gelernt, und fällt dann irgendwann drüber um
total entsetzt und empört zu tun. Und dann muss man auch gleich
fordern, alle Straßen umzubenennen. Damit es der Bürgerseele besser
geht.

Diese Empörung ist echt genial. Man sieht, was es bringt, wenn Kinder
nicht mal mehr Wilhelm Busch lesen dürfen, weil es nicht mehr ins
Weltbild passt.

Diese Empörung ist aber typisch links-liberal-grün-konservativ
bürgerlich. Definitiv mein 2es Highlight, direkt nach denen die nach
Jahren Unterricht über die Nazis mit 30 feststellen, dass im Wort
Nationalsozialismus das Wort Sozialismus drin steckt, ergo waren die
Nazis links.

Um euch mal zu verwirren, ein nationaler Sozialismus wurde von
Friedrich Naumann und dem Nationalen Verein gefordert, ohne
wesentlich Anklang zu finden. Friedrich Naumann ist der Namensstifter
der FDP nahen Stiftung und wird heute als liberal-konservativer
gehandelt. In den 1890ern bringt ein SPD Blatt regelmässig Judenwitze
zum Amusement der Genossen. Erich Mühsam ein linker pazifistischer
Anarchist lässt sich durch die Propaganda instrumentalisieren und
wird Kriegsbefürworter, wenn auch nur für die ersten Monate. Seine
frühe grausame Hinrichtung durch die Nazis soll später weltweit
Resonanz finden. Gleichzeitig, in den 30ern, hegen Ford und Hitler
offen Sympathie für einander. Ford, dessen Autos auch heute noch
nicht umbenannt werden Müssen, wird wiederum von der linken
Arbeiterbewegung wegen seiner hohen Löhne gefeiert. Agnoli
(einspäterer Anarchist) tritt 43 als Linksfaschist in die SS ein. Er
wird später das Manifest für die APO der 60er schreiben. Der
Italofaschismus war in linke und rechte Flügel gespalten, da die
Italiener nicht den antisemitischen Gleichrichter kannten (bis etwa
Mitte der 30er), der eine Spaltung bei den Nazis unmöglich machte.
Nämlich die Unterscheidung von Raffendem und Schaffendem Kapital. Die
SPD stimmt den NAZIS zu um den Ausnahmezustand auszurufen, und die
Nörgler der KPD zu beseitigen. Später flüchten dann die jungen SPD
Anhänger, die nicht in die HJ wollten, in die letzte
nicht-nationalsozialistische Jugendorganisation und Miliz, dem
Stahlhelm. Hitler ebenso wie Mussolini waren übrigens als größte
Schüler Nietzsches vom Nietzsche-Archiv  ausgezeichnet worden.

Und es geht weiter ... Günther Grass ... Thilo Sarrazin ... Eva
Hermann.

Ich will nur sagen, man sollte Geschichte nicht als allzu
eindimensional betrachten und versuchen den Zeitgeist zu verstehen,
bevor man große Töne spuckt. Konservative/Sozis/Liberale/Nazis
sowieso/Linke/Rechte, alle steckten Halstief mit in der Sch...

Heidegger war ab 1942 quasi nicht mehr aktiv. Er war der einzige
Dozent, der ordnungswidrig den Hitlergruss unterließ. Ein in die USA
emigrierter Student bescheinigte, dass er der einzige an der Uni war,
mit dem man kritisch über die Nazis sprechen konnte, obwohl dies
jederzeit seinen Kopf hätte kosten können.

Dass wiederum heißt aber nicht, dass seine Philosophie nicht
faschistoide Züge hatte. er hat sich aber wie Agnoli mit seiner
Vergangenheit offen kritisch auseinandergesetzt. Nicht wie ein Günter
Grass, der das versteckte.

Man kommt an Kant, Fischte, Hegel, Nietzsche nicht vorbei, wenn man
sich für Philosophie interessiert. Man muss halt wissen, wo man einen
Schnitt in deren Theorien macht, um die Persönlichkeit vom
Theoretiker zu trennen. Das ist nicht schick, aber so ist das eben.

Bewerten
- +