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  • Irwisch

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Entlarvende Desinformations-Definition der EU-Kommission

Nach dieser im Artikel genannten Definition des Desinformationsbegriffs – »nachweislich falsche oder irreführende Informationen, die mit dem Ziel des wirtschaftlichen Gewinns oder der vorsätzlichen Täuschung der Öffentlichkeit konzipiert, vorgelegt und verbreitet werden und öffentlichen Schaden anrichten können« – müßte erst einmal der Großteil aller Produktreklame aus den öffentlichen Medien verschwinden, denn auf diese, mit dem Euphemismus Werbung bezeichnete Irreführung potentieller Kunden trifft diese EU-Definition haargenau zu: »... nachweislich falsche oder irreführende Informationen, die mit dem Ziel des wirtschaftlichen Gewinns oder der vorsätzlichen Täuschung verbreitet werden ...« Diese Produktreklame, bei der es sich um reinste Propaganda handelt, verführt tagtäglich nichtsahnende Konsumenten zum Erwerb von Dingen, die sie gar nicht wirklich benötigen. Man redet ihnen den Bedarf lediglich ein, indem man sie sozusagen psychologisch unterwandert, an ihr Bedürfnis nach einem höheren gesellschaftlichen Status appelliert oder an ihre Minderwertigkeitsgefühle und dergleichen. Wer es genauer wissen möchte, der sollte sich unbedingt das Buch Propaganda – Die Kunst der Public Relation von Edward Bernays durchlesen, zum Beispiel das Vorwort von Ulrich Kienzle:

»Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltenweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten, lenken die gesellschaftlichen Abläufe. Sie sind die eigentlichen Regierungen in unserem Land. Wir werden von Personen regiert, deren Namen wir noch nie gehört haben.«

Mit brutaler Offenheit beschreibt Bernays gleich im ersten Kapitel seines Buches die wahren Machtverhältnisse in der Demokratie. Es sind nicht die Politiker, sondern die Propagandisten, die bestimmen, wie eine Mehrheitsgesellschaft funktioniert. Nicht Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit sind die entscheidenden Faktoren, sondern die Meinung der Leute, der Bürger, des eigentlichen Souveräns der Demokratie. Erste wichtige Erkenntnis: Man muss sich nicht damit abfinden, was der Souverän gerade für wichtig hält. Man kann ihn manipulieren, man kann ihm einreden, was er denken soll. Zweite wichtige Erkenntnis: Dieser Appell richtet sich nicht an den Verstand, sondern an das Gefühl. Es sind die Emotionen, die die Welt verändern. Das ist das Neue bei Bernays. Er ist ein rüder Medienmachiavelli, und er kennt keine Skrupel, wenn es darum geht, die Öffentlichkeit zu beeinflussen. Bei ihm wird die Zigarette zur »Fackel der Freiheit« und Wilsons Kriegseintritt zur nahtlosen Fortsetzung seiner Politik der Neutralität. Bernays entdeckt die Gesetze der Medienwelt: Wer sie ignoriert, kommt darin um. Das gilt bis heute. Er entdeckt verborgene irrationale Kräfte, die Menschen zum Handeln bewegen. Und das ist vielleicht seine wichtigste Erkenntnis: Die Konsumwelt muss revolutioniert werden. Nicht das Notwendige sollen die Kunden kaufen, sondern das Wünschenswerte. Konsequenterweise hat Bernays das amerikanische Frühstück erfunden. Ein Schinkenfabrikant, dessen Umsätze rückläufig waren, hatte ihn um Hilfe gebeten. Bis dahin begnügten die Amerikaner sich mit Kaffee, Toast und Saft. Um den Schinkenumsatz zu steigern, erfand er das »American Breakfast« mit »bacon and eggs«. Ein fulminanter Erfolg bis heute, der zeigt, dass man erfolgreich Wünsche wecken kann.

http://www.irwish.de/pdf/Bernays-Propaganda.pdf
http://www.irwish.de/pdf/LeBon-Psychologie_Massen.pdf

Eine wesentliche Ursache, weshalb Propaganda noch immer weitgehend funktioniert – obwohl das oben genannte Buch bereits seit 1928 im Umlauf ist, offenbar aber kaum gelesen wurde –, besteht in der verhängnisvollen Angewohnheit der allermeisten Menschen, das Symbol so zu behandeln wie die Sache, die es bezeichnet. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom sogenanten Wortaberglauben: Weil es ein Wort für eine Sache gibt, geht man gewöhnlich ungeprüft davon aus, daß diesem Wort auch ein reales Ding in der Wirklichkeit entspräche. Dabei schafft man sich seine eigene Wirklichkeit bzw. läßt sich auf eine medial geschaffene Wirklichkeit ein. Aber auch die Angewohnheit, mit "neuen" Worten komplexe Gedankengebäude ungeprüft zu übernehmen und mit diesen Wörtern dann die eigene Verstandestätigkeit zu organisieren, erweist sich als verhängnisvoll, denn man kann dann häufig gewisse Gedanken nur noch im Sinne der kritiklos übernommenen Bedeutungen denken und erliegt somit gewissen Denkverboten: Die festgelegten Definitionen bestimmen dann die Richtung, in die sich das Denken zwangsläufig entwickeln muß. Ein Mensch, der gelernt hat, daß Qualitätsmedien zwangsläufig die Wahrheit sagen, sonst würde man sie ja nicht Qualitätsmedien nennen, vermag sich dann kaum noch vorzustellen, daß solche Qualitätsmedien lügen könnten.

Die meisten Leute, die sich Tag für Tag die TV-Werbung reinziehen und sich davon informiert glauben, entwickeln eine auf Hochglanz polierte und idealisierte Vorstellung von der Gesellschaft, ja von der ganzen Welt. Wer heute keine picobello aufgeräumte und geputzte Wohnung vorweisen kann, der wird geächtet, egal wie arm und/oder krank er ist. Wer ein neues teures Auto fährt, der fühlt sich dem Fahrer eines alten klapprigen Gebrauchtwagens haushoch überlegen. Er ist es aber nicht zwangsläufig, und schon gar nicht in allen Belangen, doch genau diese Vorstellung erzeugt in ihm die Produktreklame und all die andere Propaganda, die von den meisten Menschen gar nicht als solche erkannt oder auch nur erahnt wird.

Die Leute haben inzwischen Vorstellungen davon, wie die Welt aussieht und funktioniert, die fast ausschließlich aus den Medien stammen. Weite Teile dieser Vorstellungen werden durch Hollywoodfilme und -serien geprägt, aber auch durch lokal hergestellten Serienmist, der zahlreiche Menschen regelrecht süchtig zu machen scheint. Letzteres ist nicht wirklich überraschend, erzeugt doch das Fernsehen durch seine schnellen Szenenwechsel beim Zuschauer eine Art Trance, die dafür sorgt, daß die Kritikfähigkeit des TV-Konsumenten massiv herabgesetzt wird.

Doch die psychologischen Tricks der Propaganda-Industrie gehen noch viel weiter, wie schon damals Bernays, Lippman, LeBon, Trotter, Wallas und andere zu wissen schienen: »Das Handeln des Menschen in der Gruppe wird bestimmt von Gefühlen und Beweggründen, die mit den Ansätzen der Individualpsychologie nicht erklärt werden können. Wenn wir aber wissen, wovon und wie die Massenpsyche bewegt wird – sollte es dann nicht möglich sein, sie unbemerkt nach unserem Willen zu lenken und zu kontrollieren?«

Die meisten Menschen haben kaum eine Vorstellung davon, wie sehr sie bereits an herrschende gesellschaftliche Verhältnisse angepaßt sind – Verhältnisse, die von Propagandisten geschaffen wurden, indem sie zuerst behauptet wurden und dadurch erst entstanden. Man möge den Vergleich mit den Knigge'schen Benimmregeln ziehen – Regeln, die gewissermaßen willkürlich gesetzt wurden, an die man sich aber zu halten versucht, weil man die »Oberschicht« nachahmen möchte, um so den Eindruck zu erwecken, man gehöre dazu bzw. den Eindruck zu vermeiden, zum »Pöbel« zu gehören. Auf diese Weise kriegen sie uns, über den Gruppendruck und das Anpassungsbedürfnis, das von den allermeisten Menschen sofort und strikt geleugnet wird, wenn man sie darauf anspricht.

Man könnte also durchaus sagen, daß die menschliche Neigung, sich selbst gegenüber unehrlich zu sein, sich selbst täglich im Kleinen wie im Großen zu belügen, wesentlich dazu beiträgt, daß der Mensch so stark manipulierbar ist. Ein Beispiel aus dem o.g. Buch:

Die Risiken des Rauchens waren schon bekannt, bevor die Anti-Tabak-Propaganda in den 50er-Jahren einsetzte Schon 1941 berichtete der unabhängige Reporter George Seldes in seiner eigenen kleinen Zeitschrift In Fact furchtlos über einschlägige medizinische Forschungsergebnisse. Mit der Ausnahme von Reader’s Digest traute sich aber keine einzige amerikanische Nachrichtenquelle, weder Print noch Radio, auch nur anzudeuten, was die Wissenschaft über den Tabak herausgefunden hatte – ein von der Werbung verursachter Blackout, der sich hartnäckig hielt, im Wesentlichen bis in die 70er-Jahre. So stark war der Einfluss der Tabakkonzerne, die sich solcher PR-Genies wie Bernays bedienten.

Bernays war es indirekt auch, der den Frauen, die bis dahin kaum rauchten, die Zigarette als »Fackel zur Freiheit« vor der männlichen Bevormundung schmackhaft machte. Die Tabakkonzerne waren hocherfreut, auf diese Weise ihrem Umsatz nahezu verdoppen zu können.

Was die Menschen davon abhält, all diese Dinge zu erkennen, ist vor allem das beschönigende Bild von sich selbst, das sich die meisten Individuen von sich selbst machen und das sie auch in all ihren öffentlichen Auftritten darzustellen versuchen. Man kann getrost davon ausgehen, daß 99 Prozent aller Menschen mehr oder weniger gut schauspielern, also eine gesellschaftlich akzeptierte Rolle spielen, und daß die meisten davon davon überzeugt sind, daß dem nicht so ist, daß sie genau so seien, wie sie sich ständig darzustellen bemüht sind.

Um das zu durchschauen oder auch nur erstmal einen Eindruck davon zu erhalten, sollte man das Buch Wir alle spielen Theater – Die Selbstdarstellung im Alltag von Erving Goffman durchlesen, das längst zu den Klassikern der Soziologie gehört. Wir als Bürger, die wir uns alle für mündig und informiert halten, es aber nicht wirklich sind, müssen diese Selbsttäuschungen endlich aufgeben, wollen wir nicht weiter am Nasenring unseres Narzißmus geführt und belogen werden. Wir müssen unsere liebgewonnenen, aber dennoch trügerischen Selbstbilder aufgeben, und wir müssen damit aufhören, von unseren Kindern zu verlangen, daß sie uns so sehen, wie wir uns selber selen, denn genau damit schwächen wir die Entwicklung der kindlichen Wahrnehmung derart, daß wir den Kindern ihre eigene Wahrnehmung quasi ausreden. Die Angst vor Liebes- und Aufmerksamkeitsentzug sorgt für den entsprechenden Gehorsam und die auch im Erwachsenenleben noch vorherrschende Neigung zur kritiklosen Unterwerfung unter mediale Vermittlungen der Wirklichkeit. Sie sorgt dafür, daß sich kaum ein autonomes Urteilsvermögen entwickeln kann und die Menschen ihr Leben lang auf die angebliche Urteiskraft angeblicher Autoritäten angewiesen bleiben.

http://www.irwish.de/pdf/Goffman/Goffman-Theater.pdf

Diese Zusammenhänge zwischen frühkindlicher Gehorsamserziehung und späterer weitgehender Untertänigkeit kann man bei Arno Gruen im Detail nachlesen, insbesondere in seinem Buch Wider den Gehorsam:

http://www.irwish.de/Site/Biblio/ArnoGruen.htm

Zwei weitere Bücher möchte ich in diesem Zusammenhang empfehlen, weil sie sehr ausführlich den Anpassungsdruck und die Gehorsamsneigung des Durchschnittsmenschen zeigen.

Philip Zimbardo: Der Luzifer-Effekt – Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen
In diesem Buch geht es vor allem um sogenannte situationsbedingte Persönlichkeitsveränderungen. Zimbardo hatte zu diesem Zweck ein Pseudo-Gefängnis in der Universität Stanford eingerichtet und Studenten bei ihren Rollenspielen beobachtet. Nach einer Woche mußte er das Experiment abbrechen, weil vor allem die Wärter-Rollen vollkommen über die Stränge schlugen. Zimbardo hat den Lucifer-Effekt auch in den CIA-Gefängnissen erkannt, wo gefoltert und gemordet wird. Im Kapitel Mißhandlungen und Folter in Abu Ghraib:Erklärungen und Beteiligte geht er darauf ausführlich ein.
http://www.irwish.de/pdf/Zimbardo-Luzifer-Effekt.pdf

Stanley Milgram: Das Milgram-Experiment – Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität
Eine Inhaltsbeschreibung dieses Buches kann man dort lesen:
http://www.irwish.de/Site/Texte2c.htm

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