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  • OberstMeyer

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Auch nicht ganz richtig

Es ist vieles der Kritik von Timm Herbst an Zitelmann und den Neoliberalismus zutreffend, worauf nicht näher eingegangen werden soll. In einer Beziehung ist ihm jedoch zu widersprechen, seiner Kapitalismusdefinition im besonderen. Obwohl seine Ableitung aus der Mechanik einige interessante Elemente enthält, ist diese jedoch nicht in der Lage, eine Gesellschaftsordnung z.B. den Kapitalismus zu definieren. Diese ist nur unter der Prämisse der ökonomischen Verhältnisse vollständig zu erfassen, da diese durch die jeweiligen Produktionsverhältnisse die gesamte Gesellschaft einschließlich der Rolle des Staates entscheidend prägen. An dieser Stelle ist sogar dem Herrn Zitelmann zuzustimmen, der den Kapitalismus als Ordnung (System) erfaßt, in dem das Kapital (Wert) Ausgangspunkt und Endpunkt der gesellschaftlichen Reproduktion ist, die über die Warenproduktion, d.h. den „Markt“ zum alleinigen Zweck der Gewinnerwirtschaftung, abstrakten Reichtums, nicht der Bedürfnisbefriedigung, die Richtung bestimmt. Und dieser Reproduktionsprozeß ist so autonom, autoreproduzierbar und archaisch, daß die gesetzmäßig zuspitzenden Widersprüche aus Produktion und Markt bis zur Selbstvernichtung hin logisch eintreten müssen und alle Zähmungsversuche von vorn herein illusorisch sind. Das mechanisch bestimmte Modell Herrn Herbsts wiederspiegelt ein mehr statisches System auf gleicher Stufenleiter, daß die innere Dynamik der erweiterten Kapitalreproduktion und speziell der Wertdynamik außer Acht läßt. Hier wäre auf Leibnitz hinzuweisen, der anmahnte, daß „ohne Philosophie man nicht auf den Grund der Mathematik“ käme, aber „ohne Mathematik und Philosophie auf den Grund von gar nichts“. Soll heißen, nur mit Mathematik (Mechanik) ohne Philosophie (hier: ökonomische) sind Gesamtzusammenhänge der Gesellschaft nicht darstellbar. Man nenne mir nur ein einziges Beispiel aus der Geschichte, bei dem z.B. eine stattliche Regulierung zur Lösung nur eines Widerspruches geführt haben soll, allerdings nicht die Märchen über New Deal, der in neuer Katastrophe endete, etc. Im Gegenteil, es wurden neue, stärkere geschaffen und am Ende wurden immer genau die Widersprüche um einiges schärfer, die man zu lösen beabsichtigte. Man darf nie den Zusammenhang außer Acht lassen, daß historisch der Kapitalismus sich erst so richtig durch Regulierungen des Staates durchsetzen konnte und noch heute so protektiert wird. Der Staat ist kein neutrales Element, er ist die Hauptform der Interessenvertretung des Kapitals. Insofern ist auch das Loblied an Piketty & Co, über Reformen und die Verteilung den Kapitalismus in den Griff kriegen zu können, nicht mehr als Mond anbellen. Alle Reformen innerhalb des kapitalistischen Verwertungssystems haben bisher logisch die vom Wert ausgehenden Trends mit ihrer logischen Zuspitzung aller Widersprüche nicht bremsen können. Ein gezügelter Kapitalismus ist eine Illusion. Die Abschaffung dieser Widersprüche ist nur durch Aufhebung des Wertes, der Warenproduktion und von Geld und Kapital machbar. Das wäre dann ein neues Thema.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (09.04.2018 14:22).

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